Die Ruhe nach dem Sturm

»Devils and Dust«, das neue Album von Bruce Springsteen.

Bruce Springsteen ist der Boss.
Er trifft den Nerv der amerikanischen Befindlichkeit, den Nerv des viel zitierten »kleinen Mannes« wie kein anderer. Und das seit mehr als dreißig Jahren. Dutzende Figuren, Kämpfer und Loser, Machos und Liebhaber, Träumer und Mörder, Gewinner und Verlierer, Heilige und Teufel setzte er über die Jahre hinweg in die verschiedensten Cadillacs und ließ sie den Highway runterjagen, dem Glück hinterher oder eben geradewegs ins Verderben. Eine intellektuelle Sichtweise ist dem Arbeitersohn aus New Jersey fremd, dafür menschelt es umso mehr.

Springsteen der große Humanist.
Zwischen den introvertierten Stücken seines Schaffens über die Liebe, das Scheitern von Beziehungen, über das Loslassen und über den Glauben an einen neuen Morgen und den Glauben an sexuelle Heilung, spielte es sich in seinen Songs eben vor allem auf den weiten Straßen und den dreckigen Hinterhöfen, den überfüllten Fabriken und den von sozialen Schluchten durchfurchten Städten, den Kirchen und Gefängnissen, den Schlachtfeldern und den Kneipen und Bars dieses Ungeheuers U.S.A. ab. Sehr verlockend also für all jene, die gerne nur mit einem Ohr dabei sind, alle kritischen Töne zu überhören und erst dann mitzusingen wenn einem die Einfachheit eines Springsteen-Refrains ins Gesicht springt.

»Born down in a dead man’s town, the first kick I took was when I hit the ground … you end up like a dog that’s been beat too much …???, »Born in the U.S.A.« eben. Das führte dann sogar soweit, dass Ronald Reagan in den Achtzigern, Springsteen bei einer Wahlrede als Vorbild für die amerikanische Jugend anpries. Wie selbstlos. Springsteen selbst war diese Vereinnahmung der Politik (vor allem weil’s die Republikaner waren) wohl ein Graus. Vielleicht ist es deshalb zu erklären, warum sich der Musiker als Galionsfigur, für die im vergangenen Wahljahr in den Staaten durchgeführte »Vote for Change«-Tour (Gegen die Wiederwahl von George W. Bush) ins Zeug gelegt hat. Wenn die (Pop)Geschichte mit dir schon gemacht hat was sie will, dann will man bei passender Gelegenheit (und Überzeugung) eben seine eigene Geschichte schreiben.

Nun, wir wissen wie die Wahl ausgegangen ist. Nach dieser Niederlage (welche die Ohnmacht der Kunst, vor allem der Popkultur, demonstrierte) war erst einmal Funkstille bei den »Widerständlern«. Vor der Wahl war auf Springsteens Homepage noch eine ausführliche, blitzgescheite Rede von Al Gore online gestellt worden. Danach gab’s keine Worte, sondern lediglich eine reduzierte, leise, ja schon fast resignierend traurige Akustikversion des »Star- Spangled Banner« zu hören. »I had a brother at Khe Sahn fighting off the Viet Cong … They’re still there, he’s all gone …«

Und wieder heißt’s »Quo Vadis, Bruce?«
Die Reunion der E-Street Band in den Neunzigern, ausgedehnte Wiedervereinigungstourneen und das erste gemeinsame Album seit rund zwanzig Jahren (»The Rising«) haben kommerziell und künstlerisch über weite Strecken überzeugen können. Doch nun ist der elfte September bereits von mehreren »Ereignissen«, wie etwa den Kriegen in Afghanistan und im Irak, dem Spiel mit der Angst der Bevölkerung (und der damit einhergehende Einschränkung der Bürgerrechte) und der Wiederwahl von G.W. Bush, überholt worden.

Da scheint es angebracht, sich auf etwas zu konzentrieren, das auf den ersten Blick am wenigsten Staub aufwirbelt. Und zwar ein reduziertes Album, vollgepackt mit Geschichten und nochmals Geschichten. Auf den ersten Blick stimmt nicht ganz, denn der Staub steckt schon im Namen drin.

»Devils and Dust«
Das neue Album ist inhaltlich wieder nicht vordergründig politisch sondern eben psychologisch, humanistisch, unterhaltend und wahr. Zwölf Geschichten über Menschen, die durch ihre Lebensumstände und in den spezifischen Situationen, in denen sie stecken, versuchen, Wege zu finden, um voran zu kommen. Doch die Grenze zwischen einfachem Weitermachen und fatalen Abstürzen ist dünn, sehr dünn. Textlich knüpft das Album an sein wunderbar-leises Storytelling-Album »The Ghost of Tom Joad« aus dem Jahre 1995 an. Wieder finden sich Geschichten über Einwandererschicksale und Unterprivilegierte auf der CD (dieser ist eine DVD beigelegt, welche einen zusätzlichen Soundmix und fünf Akustikvideos enthält).

Weiters finden sich auf dem Album romantische Balladen, genauso wie beklemmende und verstörende Nummern, wie zum Beispiel »Black Cowboys« oder der Titeltrack. Das Erzählte funktioniert nicht zuletzt deshalb so gut, weil die Geschichten nicht vom Breitwandsound der E-Street Band niedergewalzt werden, sondern sehr roh und reduziert daherkommen. Wie bei »The Rising« hat Springsteen auch diesmal Brendan O’Brien mit der Produktion beauftragt. Dieser war auch für die Basslines zuständig und bildet gemeinsam mit Steve Jordan an den Drums die kleine Begleitband Springsteens. Ein Streicher da und dort, ein paar sparsam eingesetzte Bläsersätze und das »klassische«, schwebende, vom Boss selber eingespielte Keyboard, runden den Sound ab. Stimmlich präsentiert sich der Musiker auf ein und demselben Album variantenreicher als je zuvor.

Übrigens prangt zum ersten Mal bei einem Springsteen-Album der »Adult Imagery«-Sticker auf der US-amerikanischen Veröffentlichung. Grund dafür ist die Umschreibung einer gewissen sexuellen Handlung bei einem Song namens »Reno«, in dem eine Prostituierte einem Freier zu einer kurzen Befriedigung verhilft, dessen Sehnsucht damit jedoch ungewollt vergrößert. Mit dem Song »Jesus was an only Son« hätte der große Johnny Cash wohl seine Freude gehabt.

Wie gewohnt, begibt sich der Boss vor allem in den Refrains auf eine für ihn typische Metaebene. Lyrisch markant geht’s wieder vor allem in den Strophen zu. Den stärksten Eindruck hinterlassen vorerst die bereits erwähnten »Black Cowboys« und »Reno«, weiters die bereits 1991 geschriebene Ballade »All the Way Home«, das mit seinem optimistischen Grundtenor typische »Long Time Comin’« und »Matamoros Banks«, ein Song der die Geschichte eines bei der Flucht in die U.S.A. ums Leben gekommenen Einwanderers rückwärts erzählt.

Es ist gewiss nicht der schlechteste Wein, den uns der Sänger in den letzten fünfzehn Jahren eingeschenkt hat, obwohl der ein oder andere Schluck nach Altbewärtem schmeckt. Als Reaktion auf die »verlorenen Wahlen« ein scheinbar ruhiges, unter der Oberfläche aber umso stärkeres Album hinzuknallen, zeugt von der künstlerischen Ausnahmeerscheinung Springsteens. Obwohl jene, die es hören sollten, wohl wieder nur bei den sparsamen Refrains mitsingen werden. Wenn überhaupt.

Bruce Springsteen: »Devils and Dust« (SonyBMG)