Die Musikindustrie im Zeitalter ihrer digitalen Auflösung?

Der Kunde ist nicht, wie die Kulturindustrie glauben machen möchte, König, nicht ihr Subjekt, sondern ihr Objekt.
Theodor W. Adorno, Resümee über Kulturindustrie
PFUI. ich spucke auf sie. Schämen sollten die sich.
ISd3d, Posting vom 20.10.03 auf derstandard.at zum Thema Klagdrohungen gegen Tauschbörsen

Die Musikindustrie durchlebt derzeit eine schwere wirtschaftliche Krise. Sie hat auch schon einen Schuldigen gefunden: den Konsumenten. Denn wie es scheint, bedient sich die Kundschaft lieber in diversen Tauschbörsen und holt sich die Musik gratis auf die Festplatte, anstatt den Erwerb einer CD im Laden ins Auge zu fassen.
Diverse Vertreter des Musikbusiness verhalten sich dann so, wie es ihnen einer ihrer größten Feinde (Adorno) schon immer nachgesagt hat. Es wird das Rohrstaberl geschwungen und das ungehorsame Publikum soll mit Klagdrohungen und verschärften Copyright-Gesetzen zum Kauf von Tonträgern erzogen werden.
Die Zielgruppe reagiert gereizt und als Gegenreaktion wünscht es den Erziehern schon mal den Pleitegeier an den Hals. So bleibt dieses Schlachtfeld mit seinen Schurken und Helden in der Regel verschont von jedem klaren Gedanken und die wichtigsten Fragen werden selten gestellt.

In so einem Moment ist ein Buch wie das von Janko Röttgers längst überfällig. Der in L.A. lebende Journalist, der zu diesem Thema schon viele Artikel in diversen deutschen Online- und Print-Medien publiziert hat, fasst die bisherigen Ereignisse seit der Geburt von Napster noch mal kurz zusammen und unternimmt den Versuch nach Wegen aus der gegenwärtigen Krise Ausschau zu halten. Endlich hat sich jemand die Mühe gemacht, einen Blick auf den großen Zusammenhang zwischen Technologie, Wirtschaft und Arbeitsverhältnissen im Musik-Business zu werfen. Röttgers unternimmt Ausflüge in die Technologiegeschichte (Warum hat eine CD ausgerechnet 12cm Durchmesser?), stellt das Pho-Netzwerk – eine Mailingliste in der unbedarfte Computerkids mit so unterschiedlichen Figuren wie der RIAA-Chefin Hillary Rosen und Matt Black von Ninja Tune über musikwirtschaftliche Belange diskutieren können – vor, unterhält sich mit Betreibern von Indie-Labeln über ihren Zugang zum Internet und gräbt so manches bisher kaum beachtete Detail zur Problematik Urheberrecht/ Verfügbarmachung von Wissen aus. Am Schluss des Buches befindet sich ein Interviewpart in dem verschiedenen Akteure wie Gerd Gebhardt vom deutschen Phonographischen Bundesverband oder Don Joyce von den Copyright-Zertrümmerern Negativland über ihre Ansichten zu Gegenwart und Zukunft der Musikwirtschaft befragt werden. Schnell wird klar, dass dieses Buch nur eine Baustelle sein kann, denn wie das Gebäude Musikökonomie in mehreren Jahren aussehen wird, weiß keiner. Logischerweise hat Röttgers ein Weblog eingerichtet, das der Dynamik dieses Problemfeldes gerecht wird und welches er auch fast täglich mit Einträgen versieht.

Trotz aller Brüche ziehen sich zwei Fragen durch das Buch: Wer ist eigentlich gemeint, wenn von DER Musikindustrie die Rede ist? Wie kann ein Umgang mit dem Urheberrecht gefunden werden, der sowohl Produzenten als auch Konsumenten zufrieden stellen kann?
Bei genauerem Hinsehen wird die Rollenverteilung zwischen Schurken und Helden unklar.
Die aktuelle wirtschaftliche Flaute macht ja sich auch bei kleineren Labels bemerkbar, wie leider die Pleite des Hamburger HipHop-Labels Eimsbush-Records (Absolute Beginner) beweist. Falls sich der Tonträgermarkt so weiterentwickelt, wird das massive Auswirkungen auf die Spezialplattenläden und somit auch auf den Vinyl-Markt haben. Und Napster war schließlich auch nur ein Geschäftsmodell, ein Unternehmen, um Geld zu verdienen, und keines, um die Welt von der Bürde des geistigen Eigentums zu befreien. Das war höchstes ein Nebeneffekt.

Die fünf verbliebenen großen Konzerne haben schon eine Antwort auf die Situation gefunden: verstärkte Marktkonzentration und Monopolisierung. In den letzten Tagen tauchten Meldungen auf, dass Sony mit BMG ein Musik Joint Venture gründen will und die EMI vor der Übernahme von Warner Music steht. Die drastische Darstellung der Situation durch die Industrie soll also wohl auch dazu dienen, die Kartellwächter nachsichtig zu stimmen. Die begeisterte Reaktion der Konzerne auf den Erfolg des Apple-Stores I-Tunes, über den einzelne Songs gegen Bezahlung erworben werden können, lässt befürchten, dass am Schluss doch noch das EINE allumfassende Downloadangebot kommt – für das dann natürlich bezahlt werden muss – und das »Ende der Musikindustrie« findet nicht statt. Oder ist dann das erst recht der Anfang von etwas ganz Anderem?

Janko Röttgers
»Mix, Burn & R.I.P. – Das Ende der Musikindustrie«
Heise Verlag 2003

Weblink: www.mixburnrip.de