Der Frieden danach

»Grbavica«, der Gewinner der diesjährigen Berlinale und erster Spielfilm der jungen bosnischen Regisseurin Jasmila Žbanić, geht erstaunlich souverän mit seinem schwierigen Thema um: ein Mutter-Tochter-Drama der besonderen Art vor dem Hintergrund der Schrecken des Bosnien-Krieges.

Sara, 12, unglaublich selbstbewusst und bis zur Unverschämtheit schlagfertig, ist das Ein und Alles ihrer Mutter. Dennoch kommt es zwischen den beiden Frauen immer wieder zu heftigsten Auseinandersetzungen, die scheinbar durch Nichtigkeiten ausgelöst werden. Dies wird noch dadurch verstärkt, dass Sara immer häufiger nach ihrem angeblich im Krieg gefallenen Vater fragt. Ansonsten leben die beiden so wie die meisten Einwohner der wieder hergestellten bosnischen Hauptstadt: in ständiger Geldnot, aber abgesehen davon in einer beruhigenden Normalität. Esma (dargestellt von der großen serbischen Schauspielerin Mirjana Karanovic), schon über die Mitte der Dreißig hinaus, opfert sich unermüdlich für ihre Tochter auf; bei aller Liebe rutscht ihr manchmal aber doch die Hand aus. Was Sara allerdings nicht weiß: sie ist durch Massenvergewaltigungen entstanden, denen ihre Mutter zusammen mit Hunderten von anderen Frauen in einem Lager im Stadtteil Grbavica monatelang ausgesetzt war. Nachdem Esma die Urkunde, die Saras Vater als Kriegshelden ausweisen soll, nicht auftreiben kann – mit dieser würde sie eine Ermäßigung der Reisekosten für die bevorstehende Klassenfahrt erlangen – , wird Sara misstrauisch. Schließlich provoziert sie die Mutter so lange, bis diese die schreckliche Wahrheit preisgibt.

Der Blick einer durch sexuelle Gewalt traumatisierten Frau offenbart sich hier mit aller Deutlichkeit: dass Esma sich vor einem protzigen Goldketterl auf einer behaarten Brust oder vor den ungepflegten Fingernägeln ihrer Tochter ekelt ist nur auf den ersten Blick so unverständlich wie ihr plötzlicher Ärger wegen des noch so belanglosen Textes eines drittklassigen Schlagers – oder auch eines naiven Liebesliedes. Das Ausgeliefertsein der Frau an einen begehrenden Mann wird ihr auf Schritt und Tritt schmerzhaft bewusst – vor allem, weil sie das Pech hat, ausgerechnet in einem Nachtlokal zu kellnern. Nur die lebenslustige ukrainische Prostituierte sieht die Verhältnisse ganz anders: Gott hat der Frau ihre Reize gegeben, damit sie über die Welt herrsche; sie muss sie nur zu nutzen wissen. Gerade hier, im  Nachtklub »Amerika«, wird eine absurde und gleichzeitig erschreckende Kontinuität der Verfügbarkeit des weiblichen Körpers gelebt: die Männer scheinen sich hier – in einem mehr oder weniger legalen Rahmen –  das für Geld zu holen, was zu Kriegszeiten gratis zu haben war – auch wenn sie den »Sexarbeiterinnen« mit Bewunderung und sogar Respekt begegnen und diese offensichtlich einen Mordsspaß an der Sache haben – oder es gut vortäuschen können. Eine grundsätzliche Gewaltbereitschaft der Männer – sowohl gegenüber Frauen als auch gegenüber Männern – muss Esma sogar bei dem sanften und feinfühligen Kollegen feststellen, der ihr den Hof macht.

Dennoch wird es und soll es immer Beziehungen zwischen Männern und Frauen geben: während Sara die erste Liebe erlebt, entdeckt auch Esma für sich nach langer Zeit wieder die Möglichkeit der Liebe zu einem Mann. Dies geschieht, so wie alles andere in diesem durch und durch realistischen Film, mit einer Selbstverständlichkeit, die vom ersten bis zum letzten Moment überzeugt. In dieser Hinsicht dürfte Žbanić von Barbara Albert, in deren Nachkriegsbosnien-Dokumentarfilm »Somewhere else« sie vor Jahren selbst als Darstellerin vertreten war, viel gelernt haben. So wie Albert beweist nun auch Žbanić ein gutes Gespür für zum einen weibliche und zum anderen jugendliche Lebenswelten. »Grbavica« ist ein so dynamischer wie unaufgeregter Film, der ohne Pathos auskommt und nirgends auf Betroffenheit abzielt. Der Blick nach vorn und ein gelassener Optimismus nehmen dem Zuschauer Berührungsängste vor einem Nachkriegsland. Die wohl schönste Szene, in der Esma erstmals anderen davon erzählt, wie sie plötzlich Gefallen an ihrem ursprünglich verhassten Baby gefunden hat, fasst all das zusammen, was diesen gelungenen Film ausmacht: das Leben muss und soll weitergehen.