Nona Inescu: »Echo« © SpazioA gallery

Nomadische Exploration eines Dazwischen

Räumliches Komponieren rückt das musikprotokoll 2021 in den Vordergrund. Endpunkt ist zwar der Konzertsaal, doch geht es um Erforschung musikalischer Twilight Zones. Daher der schöne Titel »nomadic sounds« für die 54. Ausgabe, die von 7. bis 10. Oktober in Graz, online und on-air stattfinden wird.

Neue Musik ist eine abgelutschte Bezeichnung für das, was sich das ORF musikprotokoll 2021 vornimmt. Die Überwindung von Genregrenzen ist Programm. Vielerlei Facetten fließen zusammen in den nomadischen Klängen, die ihren Ursprung im urbanen Graz ebenso haben können wie in spannenden Elektronikmusikkonzepten oder gar im historischen Sechsteltonharmonium von Alois Hába. Das Ensemble for New Music Tallinn wird sechs mikrotonale Werke des Prager Tonsetzers aus den 1920er-Jahren aufführen, außerdem Auftragswerke von Nina Fukuoka, Georg Friedrich Haas und Anna-Louise Walton. Durchwegs noch zu entdeckende Komponist*innen hat auch das ukrainische Danapris String Quartet im Talon, etwa den Aserbaidschaner Ayaz Gambarli oder Cynthia Zaven, die im Streichquartett »Sediments« die fatale Explosionskatastrophe von Beirut im Jahr 2020 zum emotionalen Thema macht, im MUMUTH, György-Ligeti-Saal, am Freitag, dem 8. Oktober ab 19:00 Uhr. Am Samstag, dem 9. Oktober erhebt ebendort um 19:00 Uhr Loïc Destremau im Stück »Faulty Waterwork« ein Aquarium zum Instrument. Welch Sinnbild! Der Menschheit steht das Wasser förmlich bis zum Hals und Kerzenlichter erlöschen bei steigendem Wasserspiegel. Die Musiker*innen des dissonArt ensemble werden darauf auf eine ganz besondere Art und Weise reagieren.

Humanoide Klänge menschlicher Zeichen
Ausgangspunkt von Veronika Mayers Komposition »humanoid sounds of human signs« sind der performative Akt an sich und das Gestikulieren. Daraus ergeben sich Hinweise auf menschliche Befindlichkeiten, die Einfluss auf den sich generierenden Klang ausüben. Schlau denkt die ehemalige skug-Autorin Mayer ihr Konzept weiter und stellt Fragen, unter anderem nach der nicht eindeutigen Urheberschaft oder der nicht genau zuordenbaren musikalisch-ästhetischen Verantwortung. Ihr Auftragswerk des ORF musikprotokolls in Kooperation mit dem esc medien kunst labor wird ebendort am Donnerstag, dem 7. Oktober um 18:00 Uhr uraufgeführt. Anschließend firmieren unter dem Titel »Nomadic Dome« drei aufstrebende SHAPE-Künstler*innen: KMRU, Ursula Winterauer aka Gischt und Hüma Utku haben für die exzellent klingende Ambisonics-PA im Dom im Berg sicherlich grandiose Werke geschrieben.

Koka Nikoladze: »beat machine« © Collección SOLO

Optisch äußerst anspruchsvoll ist die Klanginstallation »Echo« von Nona Inescu. Der rumänischen Künstlerin dienen 36 Schneckenhäuser als Resonanzkammern, in denen selbstprogrammierte Klänge entstehen. Rhizomatisch verbunden sind diese mit einem Audioplayer samt 18 Kopfhörern. Sehen und hören lassen können sich auch die »beat machines« von Koka Nikoladze, von dem auch das Black Page Orchestra ein Werk erstaufführen wird. Der 1989 geborene Georgier verdankt sein Können einer fundierten Geigenausbildung am Konservatorium in Tbilissi, einem Kompositionsstudium bei Marco Stroppa in Stuttgart und seiner Arbeit am Norwegian Centre for Technology in Music and the Arts. Sein handwerkliches Talent gipfelt in der Herstellung von filigranen Beat-Maschinen, die in einer Videoinstallation gezeigt werden.

Sprechende Oberflächen, dreidimensionale Sounds
Großartige dreidimensionale Klanglandschaften kreiert hingegen Natasha Barrett. Die in Norwegen lebende Britin lässt mittels Lautsprecher-Prototypen Schallstrahlen präzise bündeln und auf umgebende Oberflächen abstrahlen. Die Installation »Inversion 3: Speaking Surfaces« soll als Teil des Projekts »Reconfiguring the Landscape« ein sensibleres Bewusstsein für die bedrohte Biodiversität schaffen. Unhörbares wird erlauschbar, Nebengeräusche haben Vorrang. Denkwürdigens von Natasha Barrett auch am Sonntag, dem 10. Oktober im Dom im Berg: Mit der 3D-Ambisonics-Performance »The Forest Grows Restless« wird das Publikum in einen alten norwegischen Wald gebeamt, wo Realität und Fiktion aufeinandertreffen. Barrett wird auch an der Trialog-Reihe »Nomadic Crossings Between Art and Research 1« teilnehmen. Am Donnerstag, dem 7. Oktober um 16:00 Uhr im Gespräch mit der Komponistin Isabel Mundry, moderiert von Deniz Peters. Tags darauf matchen sich Marko Ciciliani und Svetlana Maraš mit Moderator Christopher A. Williams.

Natasha Barrett: »Inversion 3: Speaking Surfaces« © Natasha Barrett

Die Fülle des musikprotokoll-Programms ist gewaltig, also seien noch zwei weitere Highlights herausgepickt. Einerseits die fein auskomponierten Drones des 88-jährigen US-Komponisten Phill Niblock, zu hören im »Exploratory Project« am Samstag, dem 9. Oktober um 23:30 Uhr im MUMUTH, György-Ligeti-Saal, sowie in »Browner«, dem das 48-kanalige Ambisonic-System am Sonntag, dem 10. Oktober um 19:00 Uhr im Dom im Berg eine besonders hypnotische Dimension verleihen wird. Andererseits »Wander(E)ars« von Pak Yan Lau, sonntags um 18:00 Uhr im Dom im Berg. Die Komposition der in Brüssel residierenden Chinesin wartet mit einem Arsenal von Klangobjekten, eigentümlichen Instrumenten sowie klassischem Toy Piano und Gongstäben auf.

Wer keine Zeit hat, sich vor Ort nach Graz zu begeben, kann das musikprotokoll des ORF in zahlreichen Ö1-Sendungen nachhören bzw. mittels audiovisuellem Dynamic-Streaming vom 25. Oktober bis 25. November 2021 nachvollziehen.

Link: https://musikprotokoll.orf.at/