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Cluster – Felix Kubin – Faust; »Kontraste« Festival, Krems, 11.10.2008

Samstag, 11. Oktober: Definitiv ein würdiger Abschluss des heurigen »Kontraste«-Festivals in der Kremser Minoritenkirche. Nun gut, dem diesjährigen Generalthema »Seltsame Musik« entsprechen die drei Bands nicht (mehr) wirklich und mit dem für diesen Abend gewählten Titel »Elektro Sterne« hat’s auch so seine eigene Bewandtnis. Wem könnte man diese drei Bands denn noch als »die großen Unbekannten« vorstellen? Legenden, Legendenbildung und deren Aktualisierung. So ließe sich dieser Abend am ehesten zusammenfassen.
Doch am Beginn: Die Klanginstallation »Pendulum Theremin« des kanadischen Komponisten Gordon Monahan. In einem abgedunkelten Raum war an der Decke eine motorbetriebene, bewegungssensitive, bewegliche Theremin-Antenne montiert, die sich durch den Raum peitschte. Ein hochkomplexer Noise wie wenn er von unzähligen Theremins gleichzeitig käme, war zu hören. Als wäre es ein angriffslustiges Glühwürmchen, sauste die blaue Lichtzelle am Ende der Antenne scheinbar chaotisch, indes MAX/MSP-gesteuert durch die Finsternis. Der Eindruck von ein bisschen Paranoia war da sicher im Sinne des Erfinders.
Cluster traten in der Besetzung Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius auf. Herrlich, ein Lehrstück in harmoniegetragener Old-School-Elektronik. Auch wenn schon ab und an Clusters Soundscapes an eine entschlackte Version von Vangelis, Kitaro oder J.M. Jarre denken ließen; Unprätentiös kam der Set daher. Ihre Ambient-Entwürfe habe ich auf vielen meiner Platten von aktuellen Bands drauf: Was Cluster also mindestens zur Ehre gereicht. Im letzten Drittel hatte man sich wohl richtig warm gespielt, die filigranen Passagen wurden noch ausgefeilter, die Beats vertrackter. Besonders in den Momenten waren Cluster voll da, in denen sie sich aufs Wesentliche reduzierten, minimale Rhythmussegmente ineinander geschachtelt wurden, versetzt mit arabisch anmutenden Einsprengseln und mit spannenden Soundeffekten gegengefedert. Cluster zeigten an diesem Abend, wie sich warme Elektronik anhören kann. Eine Musik der abgeklärten Gesten, und das völlig kitschfrei.
Felix Kubin, unser Vertrauensmann fürs Eingemachte zwischen High-End-Avantgarde und Low-Fi-Pop: Eine Tanzparty war es ebenso wenig wie eine musikgeleitete Reise ins Kopfkino. Dafür präsentierte Kubin über weite Strecken eine Art »Best of« seiner genialen, im letzten Jahr erschienenen Hörspiel- und Theatermusik-CD. Dazwischen immer wieder Passagen, die, kaum hat man einen Anknüpfungspunkt gefunden, in etwas komplett anderes abdriften. Manchmal war’s gar knapp an der Nervigkeitsgrenze; Aber das ist Programm. Mit den für ihn typischen schelmischen Posen und dem Dada-Kraftwerk-Anzug angetan, machte sich Kubin mit hohem Spielwitz daran, als Orgel-Alleinunterhalter für die psychedelische Lounge-Couch einer etwaigen Schunkelromantik ordentlich eine vor den Latz zu knallen. Bei Felix Kubin brannten die Elektrosterne in voller Helle.
Soviel vorweg zu Faust: Schlicht und ergreifend Danke! für das Konzert heuer in Scheer und nun in der Minoritenkirche. Hans-Joachim Irmler, Michael Stoll, Jan Fride Wolbrandt, Lars Paukstat und Steven Lobdell beamten die Zuhörer auf eine Endlosschleife zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das Live-Konzert gestaltete sich heftiger als auf der 2007 erschienenen Live-Compilation »Kleine Welt« (Ektro Rec.), Faust haben einen Zustand erreicht, in dem sich wohldosiertes Chaos und zurückgenommene Phrasen permanent gegenseitig durchmischen und auf verzwickte, teils Tribal-inspirierte Drum- und Percussionsequenzen treffen. Natürlich wurde die Flex bemüht, um einen Funkenregen aufs Publikum niederprasseln zu lassen. In der Hälfte des Konzerts wurde ein Feuer in einem Kreis entzündet und mit rotem Licht intensiviert: Bei dem Bandnamen kein Wunder. Geruch nach Schwefel ward aber nicht auszumachen. Wie schon vorher bei Cluster dachte ich mir: Mann, diese Musik hab ich auf unzähligen Platten. Die klingen wie eine avantgardistische Variante von Psychic TVs frühen Tagen, von Godspeed YBE oder von Sunn O))) und das Metallgeklöppel kennt man von den Einstürzenden Neubauten. Nur: Faust sind da schon etwas länger dran. Gut 40 Jahre Musikgeschichte im Schnelldurchlauf. So macht nicht nur Geschichte hören richtig Spaß sondern, zusammen mit dem Techno-lastigen Konzert in Scheer, sind für mich Faust eine der aktuellsten Bands derzeit. Und konsequenterweise war nach einer Zugabe Schluss.

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Home / Musik / Konzert

Text
Heinrich Deisl

Veröffentlichung
15.10.2008

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