Christoph Irniger Pilgrim

Crosswinds

Intakt Records

Pilgrim, das aktuelle Projekt des Schweizer Saxofonisten Christoph Irniger, ist eine Band, die definitiv viel Zeit braucht. Auf der einen Seite ist damit die viele Hörzeit gemeint, die notwendig ist, um sich in die feinädrigen Kommunikationsmethoden des Quintetts einzuhören. Auf der anderen Seite benötigen die fünf Musiker viel Zeit, um ihre Ideen und Spannungsbögen innerlich aufzubauen und zu Ende zu bringen. Es sind daher vor allem die langen Stücke auf »Crosswinds«, die das große Können dieser Formation hervorheben. Über den neunminütigen Opener »Big Wheel« sagt Irniger im CD-Booklet: »Es war ein Prozess von fünf einzelnen Stimmen, die sich zu einer einzigen zusammenfanden, wobei sehr wichtig war, das zu akzeptieren, was musikalisch geschieht, auch wenn man in dem Moment nicht glücklich damit ist«. Was in geschriebener Form wie eine vom künstlerischen Leiter nicht unbedingt gewollte, bandinterne Demokratie klingt, entpuppt sich beim wiederholten Hören dieses Albums als selbstverständlich. Hörbar hätte jeder der Beteiligten einen ununterbrochenen Ideenfluss zum Gesamtbild beizutragen, es ist jedoch die Zurückhaltung zugunsten der Kompositionen und kollektiven Improvisationen, die siegt. Ebendiese durch Zurückhaltung bedingte Langatmigkeit kommt logischerweise in kürzeren Stücken wie der »C Major Improvisation« nicht zur vollen Geltung. Die empfundene Magie entsteht unter anderem im Laufe der Stücke »Crosswinds« und »Point of View« durch die langsame Verdichtung besagter individueller Stimmen zu einem großen Ganzen. Als Saxofonist ist Irniger in der melodieorientierten Tradition verankert und trägt seine logischen Linien mit einem wohl vertrauten, aber dennoch eigenen Sound vor. Ihm diametral gegenüber steht Gitarrist Dave Gisler, der seinerseits die Gitarre recht progressiv denkt und besagtes »Crosswinds« zum Beispiel mit einem verzerrten, von unkonventionellen Ideen durchzogenen Solo zu Ende bringt. Das ebenfalls bereits genannte Stück »Point of View« stellt zu Beginn den Pianisten Stefan Aeby in den Vordergrund, der es sich irgendwo zwischen den musikalischen Rollen gemütlich gemacht hat. Er ist es, der das Album an manchen Stellen regelrecht zum Grooven bringt und an anderen Stellen mit abstrakten Klangkaskaden den Gesamtsound der Band um neue Ebenen erweitert. Pilgrim ist eine merklich gut eingespielte Einheit, die den Kampf der einzelnen Musiker gegen das Overplaying als Stilelement benutzt und sich damit erfolgreich in die Linie der eher minimalistisch agierenden Formationen einreiht, die der zentraleuropäische Raum derzeit hervorbringt.