Der Pressetext zum Album verweist auf das surreale Gedicht »Les Chants de Maldoror« von Comte de Lautréamont bzw. Isidore-Lucien Ducasse, nimmt Bezug auf dessen Formulierung vom »Zufallstreffen der Nähmaschine und des Regenschirms auf dem Seziertisch« und verweist so auch auf Nurse With Wound, die ihr Debütalbum ebenfalls mit Bezug auf dieselbe historische Quelle »Chance Meeting on a Dissecting Table of a Sewing Machine and an Umbrella« nannten. Sind wir also gleich mittendrin: Surrealismus, Post-Industrial Music, Noise etc. – die musikalische Collage scheinbar nicht zusammengehöriger Elemente als Technik der freien Improvisation und zur Anregung ungewöhnlicher ästhetischer Erfahrungen: Sprachfetzen unterschiedlicher nationaler Herkunft, ein modularer Synthesizer, Perkussionsinstrumente und nicht näher identifizierbares Zusätzliches geraten aneinander bzw. werden ineinander verwoben. Für diese Art von Klangerzeugung, manche sagen auch Musique concrète dazu, muss man eine gewisse Offenheit mitbringen, damit einen die zunächst konfus anmutende Produktion nicht überfordert. Denn die vielleicht irrlichternd erscheinende Soundforschung setzt ja bewusst auf das Vereinen vermeintlicher Gegensätze, das Mit- und Nebeneinander von heterogenem Material, siehe oben, Stichwort »Zufallstreffen«. Nun ist es aber auch so, dass diese zunächst sperrigen musikalischen Ausdrucksformen ja durchaus einen Sinn ergeben können und sollen – der liegt allerdings jenseits dessen, was »normalerweise« als »sinnvoll« gilt. Daher ja auch der Bezug zum Surrealismus als Sinnstiftungsbemühung jenseits des Rationalen. So weit, so historisch abgesichert. Die Geste ist klar, aber was ist mit dem Ergebnis? Das Zimmer meines Sohnes lasse ich ja auch nicht automatisch als »in origineller Ordnung« durchgehen, nur weil der schlicht zu faul ist, aufzuräumen. So verhält es sich mit den Soundanordnungen von Chris Dreier und Ansgar Wilken aber glücklicherweise nicht. Je mehr man sich auf das akustische Wimmelbild einlässt, umso mehr Details zeigen sich, umso mehr Interesse entsteht, noch genauer hinzuhören und den Prozess der freien Musik als Klangreise aktiv nachzuvollziehen. Auf diese Weise entstehen zu den musikalischen Eindrücken eigene Bilder, das Schaben, Klirren, Rauschen und Fiepsen lässt seltsame Welten im Kopf erwachsen und ich assoziiere urbane Landschaften mit den atonalen und disparaten Signalen, die aus den Rillen des Tonträgers herausgekratzt werden. Ich sehe qualmende Schornsteine, rußschwarze Fassaden, Reste industrieller Ruinen aus Stahl und Beton und darum herum ausladende Brachlandschaften, die darauf warten, einer neuen Bestimmung zugeführt zu werden. Ich denke automatisch an »Eraserhead« von David Lynch oder Werke von Andrei Tarkowski oder Béla Tarr – überwiegend schwarz-weiße oder monochrome Welten, in denen es bunt zugeht. Will sagen: Die universale Seltsamkeit alles Seienden kommt adäquat zum Ausdruck. Entscheidend hierbei ist, dass nicht romantisch zwischen Innen und Außen, zwischen Subjekt und Objekt getrennt wird, sondern Übergange als fließend wahrgenommen werden. Der mithin grenzüberschreitende Charakter von Noise bzw. Klangcollagen ist ja nur vordergründig eine Frage der Lautstärke und, unabhängig von zu erreichenden Dezibel, programmatischer Natur. Der Weg vom Kammerton hin zum nicht ganz sauberen Tongemisch hat die Geschichte der musikalischen Avantgarde des letzten Jahrhunderts entscheidend geprägt. Das alles liegt schon ein paar Jahrzehnte zurück, aber diese ursprünglich revolutionären Ideen haben ihren Reiz nicht verloren. Chris Dreier und Ansgar Wilken pflegen diesen ästhetischen Ansatz und haben Momente ihrer lebendigen und auf Spontanität gründenden Auseinandersetzung mit Klängen und Geräuschen auf »È ora di farlo« festgehalten. Das Album kann als Einladung gelten, während des Abhörens im eigenen Oberstübchen das Inventar in den Blick zu nehmen – wer weiß, was sich da neben Nähmaschinen und Regenschirmen noch alles findet?
Chris Dreier & Ansgar Wilken
»È ora di farlo«
Attenuation Circuit
Text
Holger Adam
Veröffentlichung
26.03.2026
Schlagwörter
Ansgar Wilken
Attenuation Circuit
Chris Dreier
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