Chicago Jazz Control

Alles wird einmal langweilig und nach etwa hundert Rezensionen über das Chicago-Jazz-Klüngel wollte ich die im Folgenden vorgestellten Scheiben nicht einmal als gut wieder verkaufbare Promos abstauben. Die Überraschung war umso größer, als ich mir »A Discontinuous Line« (Atavistic/Trost) der letztlich fad gewordenen Vandermark 5 reinzog. Der gute Ken führt seinen Fünfer darauf endlich wieder in neue, verschärfte Territorien und macht dem Plattentitel mit verschachtelten, eckigen und sperrigen Konfektionen alle Ehre. Vandermark bläst diesmal vermehrt in die Klarinette und ergeht sich mit dem Cellisten Fred Lonberg-Holm in fruchtigen Dialogen. Saxophone werden von Dave Rempis patent bestellt, Kent Kessler basst und Tim Daisy trommelt. In den dissonant lauten und prolongiert zurückhaltenden Passagen bleibt die Musik permanent auf höchstem Ausdrucks-Level. Dieser Hörer fühlt sich an Mingus schwer als Jazz klassifizierbare abstraktere Musik (»Half Mast Inhibition«) oder Albert Aylers legendäre Greenwich-Village-Scheiben erinnert. Insgesamt ein lange ersehnter Bruch – viel gewagt und viel gewonnen.

Rob Mazurek hat seinen Wohnsitz zwar nach Brasilien verlegt, seine Kontakte zu Windy Citys‘ Jazz-Semi-Prominenz sind aber noch voll intakt, wie das 14köpfige Exploding Star Orchestra auf »We Are All From Somewhere Else« (Thrill Jockey/Trost) eindrucksvoll unter Beweis stellt. Unter den Aufgeigern sind fast die kompletten Leute von Tortoise, Jim Baker, Jeb Bishop und die eine sehr gewichtige Rolle spielende Flötistin Nicole Mitchell. Ja, fucking Flöte, jenes wenig geliebte Instrument, das in diesem Kontext aber recht sorgenfrei zu genießen ist. Das konzeptionelle Werk kreist um altbekannte Weltraumreisen-Motive und erinnert im sonischen Spektrum immer wieder an Sun Ra oder Zappas gelungenere Frühsiebziger Instrumentalalben. Elektrische Aale wurden auch als Klangerzeuger verwendet. Eine gelungene Sache fernab einer bloßen Hau-Drauf-Session.

Fred Anderson und Hamid Drake haben nach einer reduzierten Duo-Tonsuch-Übung mit »From The River To The Ocean« (Thrill Jockey/Trost) erfreulicherweise das volle Programm am Start. Ob da langsam Überlegungen Andersons eine Rolle spielen, wie er abtreten möchte (75 Lenze), sei dahingestellt. Fest steht, dass es seine spannendste Musik seit Ewigkeiten ist, bei der die Mitmusiker mehr als ordentliche Beiträge leisten. Da wäre ein sehr beherzt aufspielender Jeff Parker zu erwähnen, und auch die gewichtigen Beiträge vom Cellisten Harrison Bankhead und Basser Josh Abrams, die auch als Komponisten (großes Wort) in Erscheinung treten, dürfen nicht unerwähnt bleiben. Drake hat seinen perkussiven Fuhrpark wieder ein wenig reduziert und erfreut mit einer ungemein swingenden Vorstellung. Die Platte ist vielleicht konventionell gehalten, das tut dem Genuss aber keinen Abbruch und erinnert in den besten Momenten an Sonny Rollins Mittsechziger-Aufnahmen mit dem Gitarristen Jim Hall. Natürlich kochen Anderson & Co ihr eigenes, gut abgeschmecktes Süppchen.