Celer

»Xièxie«

Two Acorns

Früher war nicht alles besser. Gegen den Wunsch von Künstler*innen, Neues zu machen, ihre eigene Stimme zu finden, spricht wenig. Viel sogar dafür. Innovationen in der Musik halten selbige am Leben und in Spannung. Doch es spricht auch einiges dafür, ab und zu Halt zu machen, sich umzuschauen, was es denn da so gibt und wie das überhaupt ist. Denn die Ersten sind nicht immer die Besten bzw. nicht immer die einzig Guten. Beispiel Ambient-Techno mit Field-Recording-Samples. Viel Käse vorhanden, wenig Herausragendes. Das 1997 veröffentlichte Album »Substrata« von Biosphere ist wohl eines der allerpositivsten Beispiele. Es klingt altbacken, aber heute hält ja so gut wie jede*r sein Richtmikro aus dem Fenster und wirft die Ergebnisse ins Netz. Selten hat man als außenstehende Person einen Mehrwert. Viel zu oft fehlt zum Beispiel das musikalische Etwas – wie auch immer das aussieht –, welches das Interesse hält. Will Long alias Celer (Ex von Danielle Marie Baquet alias Chubby Wolf) ist einer dieser Ambient-Musiker*, der massenhaft Alben veröffentlicht, jedoch hie und da mit seiner Arbeit ins Schwarze trifft. So wie auf dem neuen, von einem Aufenthalt in China inspirierten »Xièxie« (heißt Dankeschön auf Chinesisch). Nicht nur versucht Long, die Stimmung der Umgebung einzufangen und als Inspiration im Booklet anzugeben. Er benutzt gefundene Geräusche, wie z. B. den Losfahrsound der Berliner U-Bahn auf dem Album »Tempelhof«, und baut diese in einen absolut hörbaren Track ein, lässt sie in seine Musik einfließen. Wie auf genanntem »Substrata«, nur ohne dessen begleitende Dub-Sounds, die dem Material einen gewissen Schwung verleihen, erwarten einen äußerst stimmungsvolle, zum Teil heftige Drones, die auch mal wie die Loops von William Basinski durch die Wiederholung von Themen über eine langen Zeitraum ihre Intensität erzeugen. Die verregnete, neblige Stimmung Shanghais ist zu erahnen, lässt man den absolut kalten, monotonen 20-minütigen Höhepunkt »For The Entirety« auf sich wirken (vgl. »Melancholia« von Basinksi). Celer macht hier wirklich nichts bahnbrechend Neues, vor allem nicht in Anbetracht seiner eigenen Diskographie, aber die Art, wie er es tut, macht ihn hörenswert. (Gemastert vom Meister Stephan Mathieu.)