Brigitte Kowanz © Alfred Weidinger/Flickr, CC BY 2.0

Flüchtiges Licht – Nachruf auf Brigitte Kowanz

Ob der erfolgreiche Spagat zwischen Künstlerin zu sein und junge Menschen zur Kunst zu ermutigen genug Zeit für Regeneration und Reflexion lässt? Nach dem Tod von Brigitte Kowanz, die bis zum Schluss für ihre nächste Ausstellung in Linz arbeitete, bleibt ein speziell leuchtendes Werk zurück.

An einem Holzstock hängt eine schwarze Fahne im Wind: Sie erinnert an Brigitte Kowanz, die kürzlich mit nur 64 Jahren starb. Ein Stück weiter hängt ihre weiß leuchtende Installationsschrift an der Fassade, die auf Hebräisch »Museum« schreibt (Lichtinstallation, Wien 2011). Drinnen im Jüdischen Museum Wien kann man als Teil des Gedenkprojektes »OT« ein Memory mit den zerstörten Synagogen Wiens kaufen.

Wie eine verlorene, einsame Blume leuchtet die Installation in der Dämmerung vor sich hin. Lässt je nach Blickwinkel das Köpfchen hängen oder steht aufrecht in ihrer verschlungenen Blumenkrone da. Wer im 9. Bezirk von der Wiener Grünentorgasse aus in die Müllnergasse hineinblickt, sieht einen kleinen Lichtleuchtturm in der Gegend stehen. Erst beim Näherkommen erkennt man den Davidstern. An dieser Stelle befand sich die wunderschöne große Müllner Synagoge, der Müllner Tempel, in Ziegelgotik mit zwei Türmen. Im Tempel existierten ebenfalls Lichtzeichen, wie auf einem Foto zu erkennen ist. Die Museumsausstellung »Wiener Synagogen. Ein Memory«, die virtuell in der Nazizeit in Wien zerstörte Synagogen rekonstruierte, inspirierte die Künstlerin Brigitte Kowanz mit ihrer Klasse für Transmediale Kunst von der Angewandten zu einem Projekt, in dem den Synagogen in der jeweiligen Straße ein Denkmal gesetzt wird. Der Kowanz-Schüler Lukas Maria Kaufmann gestaltete im Endeffekt diese ineinander verflochtenen Davidsterne auf einem Metallmasten.

Brigitte Kowanz: »Museon« © Ouriel Morgensztern

Offene Haltung

Die Künstlerin und Professorin an der Angewandten Brigitte Kowanz verstarb am 28. Jänner 2022 mit gerade einmal 64 Jahren. Sehr traurig, wo eine erfolgreiche künstlerische Tätigkeit u. a. mit Biennale-Venedig-Beteiligung doch eigentlich zur Gesundheit beitragen könnte? 2020 hat sie noch die drei mysteriösen Lichtkreise oben auf der Libelle, dem Aufbau auf dem Leopold Museum gestaltet, die wie eine humorvolle Persiflage auf Heiligenscheine für die berühmten Künstler (Klimt! Schiele! Kokoschka!) unten drunter im Museum wirken. Man sieht die leuchtenden Ringe von Weitem und fragt sich, was sich auf der Terrasse wohl Spannendes befindet. Während Künstler*innen wie Jenny Holzer ihre Lichtskulpturen als Trägerinnen politischer Botschaften verstanden, verfolgte Kowanz einen anderen, mehr ästhetisch rätselnden Kunstblick – aber nicht so stark wie jener des z. B. mit Farben operierenden Dan Flavin. »Meine Arbeit muss sinnliche Qualität haben«, sagte sie einmal. Sie ließ viel offen, in den Köpfen der Betrachter*innen. Sie engte nicht ein. Durch Spiegel wurde manchmal diese mysteriöse, offene Haltung verstärkt. »Licht ist immer flüchtig und entfernt sich vom Betrachter«, sagte Kowanz in einer Reportage. Der virtuelle und der konkrete Raum würden unterschiedliche Realitätsebenen bezeichnen. Sie entzog sich und wurde nun dem geneigten Publikum entzogen. Leider für immer.

Epilog

Der letzte Kärntner Dadaist Viktor Rogy, dessen Vater im KZ ermordet wurde und der gegen den Faschismus kämpfte, arbeitete auch gerne mit Lichtskulpturen, die oft aus seinen Ein-Wort-Gedichten bestanden, die auf Wirtshausblöcken prangten. Neonröhren in Form seiner »Krikel-Krakel-Schreibschrift« konnte man in der Küche seiner Lebensgefährtin Bella Ban betrachten. Sie wollte diese damals verkaufen. Ein schönes Rogy-Gedicht: »er hat einen lämmergeier und spricht ich bin ein vogel und wer bist du ich ich bin ein vogel der ist dir wie aus dem gesicht geschnitten mein lämmergeier«. Eventuell würden Rogys Leuchtschriften zu der Kowanz-Ausstellung passen, die ab 29. April 2022 in Linz gezeigt wird?