Brian & Roger Eno © YouTube

»Mixing Colours« … live on stage

Brian Eno trat mit seinem Bruder Roger im August in der griechischen Hauptstadt Athen auf. Eine seltene Gelegenheit bei der beide ihre neueste Kollaboration und bisher unbekannte Songs präsentierten.

Im Hochsommer Richtung Athen zu reisen, ist keine gute Idee. Freund*innen, Bekannte, ja selbst eingesessene Griech*innen aus meinem Umfeld rieten mir davon ab und trotzdem fand ich mich, mitten in einer bisher ungekannten Hitzewelle, im August in Athen. Tagsüber 40 Grad, nachts frische 29 – eine solche Reise zu rechtfertigen, bedarf eines besonderen Grundes und tatsächlich gab es den: Brian Eno, seines Zeichens Musiker, Künstler und Einflüsterer von David Bowie und Robert Fripp, bot eines seiner seltenen Konzerte dar, dieses Mal flankiert von seinem Bruder Roger. Beide hatten im vorangegangenen Jahr ihr Album »Mixing Colours« veröffentlicht. Wie nicht anders zu erwarten ein sphärisches Ambient-Werk mit 18 Tracks zu je 4 bis 5 Minuten, vollgepackt mit undefinierbaren Klängen, begleitet von Rogers Klavier. Eine einmalige, in diesem Falle gar erstmalige Gelegenheit also und es war allemal wert, dem eigenen Körper neue Hitze- wie Schweißrekorde abzuringen.

Die Szenerie eines solchen Schauspiels hätte nicht besser gewählt werden können: am Fuße der Akropolis im beinahe 2.000 Jahre alten Odeon des Herodes Atticus. Die beiden Enos sollten an diesem geschichtsträchtigen Ort Höhepunkt und Abschluss zugleich des seit 1955 jährlich stattfindenden Athen-Epidaurus Festivals bilden. Während das antike Theater bis zu 5.000 Menschen fassen kann, finden sich zu Zeiten der Pandemie hier bestenfalls 2.500, trotzdem man der anderen Hälfte ob der sowieso unerträglichen Hitze keine Träne nachweint und so steigen mit zunehmender Besucher*innenzahl auch die gefühlten Grade. Tatsächlich gelten hier strenge Regeln, welche von den Aufpasser*innen rigoros exekutiert werden: Masken auf, keine Toilettenbesuche während des Konzerts, kein Wasserkauf, keine Mobiltelefone und wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, denn auf die Minute genau werden die Tore geschlossen und das Konzert beginnt.

Familientreffen vor historischer Kulisse
Roger Eno, am Klavier Platz nehmend, stellt sich und seinen Bruder Brian, am Mac sich positionierend, sowie deren gemeinsames Album vor. Wie es dazu kam, was ihm die gemeinsame Arbeit bedeutete und wie die Verkaufszahlen ihn und seine Familie während der Pandemie finanziell über Wasser hielten. Nicht nur seinen Worten, sondern auch den Stücken lauscht das Publikum gespannt und so herrscht zuweilen selbst zwischen den Songs eine tiefschwarze Stille, in der man die sprichwörtliche Nadel fallen hören könnte. Passend zum Titel »Mixing Colours« werden während des gesamten Auftritts die antiken Wände des Theaters mit sich schleichend verändernden, farbprächtigen, konkret-abstrakten Zeichnungen illuminiert. Mit dem Auftritt von Rogers Tochter Cecily als Sängerin ist die Familie schließlich komplett und ersterer angesichts ihrer Performance auch gleich zu Tränen gerührt.

Während man sich im ersten Part zuvorderst »Mixing Colours« zuwandte, nimmt sich die zweite Hälfte der Show gleich viel polychromer aus. Nebst altbekannten Stücken wie »Everything Merges With The Night« oder »By This River« wartet Brian Eno mit völlig neuen, noch unveröffentlichten Songs auf. Überhaupt wirkt er nun aufgetauter, ja eigentlich nahbarer und beginnt langsam aber doch, mit dem Publikum zu sprechen. Über Athen, von Waldbränden umfriedet, besser: umzingelt, legte sich bereits in den vorangegangenen Tagen der stickige Duft von verbranntem Holz und so berichtet Brian davon, wie es während der Proben am Vortag plötzlich angefangen hatte, Asche zu regnen. »At the birthplace of Western civilization we now might witness the end of it«, meint er dazu, was einige im Publikum zum Lachen bringt. Der Ernst der weltweiten Lage scheint trotz einer vom Feuer bedrohten Stadt nicht allen klar zu sein. Damit indes will sich der Musiker nicht lange beschäftigen und so kehrt er zu seinen musikalischen Schöpfungen zurück. Namen für die neuen Songs nennt er nicht, aber Fans horchen auf: Das sind keine Ambient-Stücke, sondern rockige Lieder mit gesellschaftskritischen Lyrics, wie man sie schon einige Zeit nicht mehr von ihm gehört hat. Ein spannender Abend also, der Lust auf ein, vielleicht auch zwei neue Alben macht – aber man will ja nicht gierig sein.

PS: Für jene, die es nicht erwarten können oder wollen, sei angemerkt, dass mehrere von Enos bisher nicht auf Platte veröffentlichten Ambient-Stücken (»Music for Elevators«) initiiert vom Festival Elevate noch bis März 2023 im Grazer Schlossberglift zu hören sein werden.