Scott Walker

»Bish Bosch«

4AD

Durch Platten wie »Bish Bosch« lernt man es zu schätzen, für ein Magazin wie skug schreiben zu dürfen. Nicht auszudenken, wie man mit den wenigen Dutzend Zeichen von Musiktabloids wie »Volume« oder meinetwegen auch dem »Freizeit Kurier« Scott Walkers neues Album ernsthaft diskutieren wollte. Dann doch lieber Narrenfreiheit à la skug. Stürzen wir uns also in den Abgrund. Dass Walker ein bisserl ein Spinner ist, braucht man hoffentlich niemandem zu erklären. Wenn wir uns darauf einigen, dass Spinner tendenziell den Lauf der Musikgeschichte eher (positiv) beeinflusst haben, als brave Musikstudenten die jedes Solo von Jimmy Page nachspielen können, dann sind wir grundsätzlich in guter Gesellschaft. Selbstverständlich ist Walker unter jenen, die meinen, es sei in der Musik noch nicht alles gesagt oder getan worden, einer der eher schwer Verdaulichen. Zum einen, weil er sich auf der textlichen Ebene einer Arroganz der oberen Zehntausend verschreibt. Was sa&szligen wir nicht alle mit dem Wörterbuch vor unseren Stereo-Anlagen und hörten uns durch die alten Leonard Cohen-Platten. Für »Bish Bosch« muss es da schon der 30-bändige Brockhaus sein. Fu&szlignoten im Booklet helfen dem gemeinen Volk über die gröbsten Wissenslücken hinweg. Es sei dem Bariton gedankt, dass er die Wucht seiner Vexiere da und dort mit beinahe ins Humoristische abdriftenden Punchlines abfedert. Doch »Bish Bosch« enthält natürlich auch Walker-Musik und zwar mehr als jedes seiner vorangegangenen Alben.

73 Minuten verteilt der 70-Jährige auf neun Songs. Triebfeder und herausstechendes Merkmal des Albums ist seine klangliche Ausdifferenziertheit, sowohl was Frequenzbereiche betrifft, als auch hinsichtlich der Laut-Leise-Dynamik. Insbesondere sei hier auf die au&szligergewöhnliche Gitarrenarbeit von Hugh Burns und das manische Schlagzeugspiel von Ian Thomas hingewiesen. Doch generell ist Walkers Band unverschämt gut im Kreieren von schrägen, in dieser Form wohl noch nie gehörten Sounds. Das reicht von Geräuschen, die an das Wetzen von Messern erinnern (»Tar«) zu niederschlagsartigen Drumpatterns in »Pilgrim« und einem orchestralen Stakkatoausbruch der Marke »Sacre du Printemps« im 20-Minüter »SDSS 1416+13B«. All das braucht natürlich viel Zeit um sich im persönlichen Hörkosmos – der Benutzerfreundlicheres gewohnt ist – festzusetzen. Räumt man ihm diese ein, so offenbart sich »Bish Bosch« als messerscharfes Plädoyer gegen die konsumistische Genussleistung, die Musik heute mehr denn je zu erfüllen hat.