Illustration © Pe Tee

Beschäftigungstherapie #4

Nach zwei Wochen machen sich langsam die positiven Auswirkungen der COVID19-Maßnahmen bemerkbar. Jetzt heißt es durchhalten und die Zwangspause so gut wie möglich nutzen. Carola Fuchs hat einige Tipps zum sinnvollen Zeitvertreib für Literatur-, Film- und Kunstinteressierte.

Was ich den ganzen Tag mache: Da ich im Kunst- und Kulturbereich arbeite, bin ich derzeit sozusagen arbeitslos. Alles ist geschlossen, alles ist verschoben. Stillstand als Kollaps. Während ich also mit existentiellen Sorgen konfrontiert bin, da ich keine Einnahmen habe und nirgendwo fix angestellt bin, Enttäuschungen über nicht stattfindende Events, geplatzte Kunstprojekte und verschobene Ausstellungen zu verarbeiten und zu vergessen versuche, mache ich zum Beispiel Folgendes:

Ich lese Bücher: Klassiker der (Science-Fiction-)Literatur
Margaret Atwood: Sie selbst beschreibt ihre Bücher als »speculative fiction« mittlerweile ein eigenes Genre in der Literatur. Es geht um Nachdenken in Form von Literatur, also Denkmodelle als Roman. Persönlich empfehle ich vor allem Atwoods Trilogie »Oryx and Crake«, »The Year of the Flood« und »MaddAddam«. Darin beschreibt sie ein dystopisches Szenario, in welchem ein Biotechniker und Genmanipulator eine neue Spezies kreiert, die keine Umweltkatastrophen und andere Desaster mehr auslösen kann, jedoch auch viele andere menschliche Eigenschaften nicht mehr besitzt. Aber es gibt noch Überlebende …

Franz Kafka: Natürlich hat wahrscheinlich jede*r Kafka schon in der Schule gelesen – die Verwandlung war auch bei uns Schullektüre. Nachdem ich aber »Der Prozess«, »Das Schloss«, »Amerika« und seine Erzählungen nach langer Zeit wieder gelesen habe, verstehe ich erst, warum Kafka noch heute so aktuell ist und warum er weiterhin gelesen werden sollte. Die Welt wird in seinen Erzählungen als absurd entlarvt, der bürokratische Apparat, der das ganze System intakt hält, wird als illogisches Konstrukt erkannt und die Personen handeln vollkommen irrational. Die Welt bricht auseinander, niemand scheint sie auf dieselbe Weise zu sehen. Aktueller denn je, im Zeitalter von Post-Truth, Corona und Klimakrise, in einer Zeit, in der scheinbar alle irrational agieren und so gut wie niemand einen Ausweg sieht. Unglaublich, dass Kafka das alles vor hundert Jahren geschrieben hat.

Karel Čapek: »Der Krieg mit den Molchen« ist einer der ersten Science-Fiction-Romane überhaupt (1936) und sollte viel mehr gelesen werden, nicht zuletzt, weil das Wort »Roboter« auf Karel Čapek zurückgeht: ein Begriff, der aus dem Tschechischen stammt und sich vom Wort »robota« für »arbeiten« ableitet. Das Buch ist eine Parabel auf den aufkommenden Faschismus und zeigt auf, dass es im Krieg nie einen Gewinner gibt. Die Molche, die nicht angewiesen sind auf einen funktionierenden Planeten, haben somit einige Vorteile gegenüber den Menschen … hier finden sich einige Parallelen zur Klimakrise.

Dorothy Parkers »Collected Poems» sind genau das Richtige für die Zeit der Isolation: Zu Parker passt wunderbar ein Glas Whiskey oder Gin, auch schon am Nachmittag. Fast immer humorvoll, manchmal zynisch, schreibt Dorothy Parker einfach großartig.

Ich sehe Filme: Favoriten der apokalyptischen Zerstreuung
»Metropolis« von Fritz Lang (1927): Ein Meisterwerk! Das Maschinenzeitalter der 1920er-Jahre in Form eines riesigen Apparates, der als Metapher für die Zwei-Klassen-Gesellschaft fungiert. Der Film braucht wirklich keine Worte und ist (leider) hochaktuell in Zeiten, in welchen die Schere von Arm und Reich immer weiter auseinanderdriftet.

»La Jetée« von Chris Marker (1962): »La Jetée« ist ein Fotoroman, der Film besteht also aus einzelnen Bildern oder Film-Stills, was ihm eine ganz eigene Ästhetik verleiht. Es geht um Erinnerung, das Atomzeitalter und den Dritten Weltkrieg. Es geht aber auch um Paris und die Liebe. »Sometimes he recaptures a day of happiness, though different. A face of happiness, though different. Ruins.«

»Soylent Green« von Richard Fleischer (1973): Ein Film, der zeigt, dass alles noch viel schlimmer sein könnte. Also auch passend zur aktuellen Situation. Der Film beruht auf einem Buch von Harry Harrison: »New York 1999« von 1966. Der Film spielt im Jahre 2022 (!) und es geht um Überbevölkerung, Nahrungsmangel und Wassermangel. Die Menschen werden ruhig gehalten mit der »Ersatznahrung« Soylent Green …

»Brazil« von Terry Gilliam (1985): Schauplatz ist »The Ministry of Information«. Es geht also um einen totalitären Überwachungsstaat, um Freiheit und das Recht auf Kritik. Da kommt Hannah Arendt in den Sinn: »Niemand hat das Recht zu gehorchen.« Der Film ist aber auch eine Satire und somit durchaus aufmunternd in Zeiten wie diesen.

Ich streame Kunst: Online-Präsenz verschiedener Museen
MOMA: Da gibt es viele spannende Artikel und Bastelanleitungen für daheim – nicht nur für Kinder – und sogar ein eigenes Kunstlexikon wurde erstellt. Sehr kurzweilig. https://www.moma.org/magazine/

KHM: Falls jemand Sehnsucht nach den imperialen Schätzen der Kunstkammer bekommt … https://www.youtube.com/channel/UC4n0woAs2nZXNCTY-Dlo1hw