Illustration © Pe Tee

Beschäftigungstherapie #3

Wir haben es uns seit Jahren in der Quarantäne bequem gemacht. Jetzt gibt es nur noch eine Sorge – Langeweile am eigenen Sofa.

Auf den Straßen nix los, drinnen hängen alle auf der Couch. Netflix drosselt die Qualität seiner Streams, um die Bandbreite zu sichern. Auf Twitch explodieren die Zugriffszahlen. Und via Facebook droppen DJs fette Techno-Sets aus leeren Clubs. Kurz: Corona hat die Internet-Community so fest im Griff wie Ischgl das Krisenmanagement. Überall sprießen neue Ideen aus den Bildschirmen: Live-Lesungen auf Twitter, Gratis-Konzerte auf Insta, Pornhub für alle in Italien. Kreative Grenzenlosigkeit, wie man Langeweile mit zwei Klicks wegdrückt? Geschenkt! Wenn sich die Leute ins Private zurückziehen, sich das soziale Handeln also dadurch auszeichnet, a-soziale Muster zu zeigen und in der Vereinzelung eine Gemeinschaft zu bilden, tun wir insgeheim genau das, was wir sonst unter Anflügen von akutem FOMO unterdrücken. »Netflix hat uns bereits mit unseren Sofas verschmolzen«, schreibt der US-amerikanische Autor und Game-Designer Ian Bogost. »Seit Jahren bereitet sich die heutige Gesellschaft auf Quarantäne vor. Sie sehnt sich sogar danach.«

Privileg Quarantäne
Soll heißen: Noch nie in der Geschichte der Menschheit war es so bequem, zu Hause zu sein. Deshalb bleiben alle zu Hause, um in Quarantäne denselben Lifestyle zu leben, den sie auch sonst performen – nur anders. Streamen, Surfen, Socializen – ohne Scham und schlechtes Feeling, dafür stolz auf den Beitrag, den man vor dem Bildschirm hockend für die Gesellschaft leistet. Schließlich hat man den sonnigen Trieben getrotzt und keinen WhatsApp-Aufruf gestartet, um in geschlossenen Kleingruppen die ersten Frühlingsgefühle wegzuballern. Man bleibt zu Hause und fühlt sich gut. Der Supermarktkassiererin, die jeden Tag hinter vorgeschobenen Plexiglasscheiben sitzen muss, schenken wir zwar einen mitleidsvollen Blick. Und dem Lieferservice-Gig-Worker, der mit unserer veganen Poké-Bowl durch die Stadt strampelt, würden wir wirklich gerne Trinkgeld geben. Aber sorry – Bargeld ist giftig. Und Münzen hätten wir sowieso grad keine da.

Also sitzen wir vor unseren Bildschirmen und warten. Diese Zeilen schreibe ich von meinem Schreibtisch im Home-Office in einem Dokument, das ich in 20 Minuten an die Lektorin von skug schicke, während ich im Hintergrund Musik auf Bandcamp streame, das Mittagessen über eine App ordere und für später einen Film auf Netflix raussuche. Alles easy, dieses Quarantäne-Ding. Aber eben auch komisch. Weil man auf einmal Dinge hinterfragen muss, die sonst als selbstverständlich gelten. Rausgehen zum Beispiel. Deshalb hier ein paar Ansätze, wie ihr euren Privatvollzug mit Beschäftigungen aufpeppen könnt, ohne einen Fuß aus den vier Wänden setzen zu müssen.

Marvin Kren: »Freud«
Frisch eingetroffen und schon eingesaugt hat mich eine Serie, die der ORF mit Netflix produziert hat. In »Freud« geht es, der Name lässt es erahnen, um Sigmund Freud. Aber nicht nur. Denn: wir landen im Wien des späten 19. Jahrhunderts. Das ist insofern bemerkenswert, weil man Freud als feschen Jungspund mit Vollbart, Sixpack und Hang zum Kokainmissbrauch porträtiert – und eben nicht die stereotype Darstellung als anerkannten Seelenklempner im Opa-Alter bedient. »Ich wollte ihm huldigen und ihn gleichzeitig von seinem Thron stoßen, um ihn zu einem nahbaren Menschen zu machen«, sagt Regisseur Marvin Kren (u. a. »4 Blocks«). Freud steht an seinen Anfängen, hat keine Kohle und kein Ansehen, dafür gute Ideen, die ihm aber erstmal Probleme bereiten. Er kommt nach einem Frankreich-Trip zurück nach Wien, versucht sich in Hypnosetechniken und stößt damit bei seinen Kollegen auf Spott. Sie tun Freud als Scharlatan ab, der dem Paradigma der Körperphysiologie entgegenläuft. Weil der Psycho-Hipster aber stur und permanent auf Koks ist, bleibt er an der Sache dran. Genug Stoff also, um ein stabiles Biopic hochzuziehen, wäre da nicht Netflix und dessen Todestrieb, das Ding richtig knallen zu lassen. Während Freud um Anerkennung kämpft, entwickelt sich eine zweite Storyline aus einem fiktiven Kriminalfall, der in die aristokratische Welt ungarischer Grafen, Burschenschaften und in düstere Ecken der Großstadt führt. Die Mystery-Fans klatschen vor Freude in die Hände. Alle anderen dürfen immerhin dabei zusehen, wie sich Georg Friedrich als Kommissar durch den Hauptstadtmoloch grantelt.

Schließlich porträtiert Kren ein Wien, in dem Realität und Fiktion verschwimmen. Wolken türmen über der Stadt, Kunstnebel zieht durch die Gassen. Das Leben seiner Bewohner*innen spielt sich in Burschenschafter-Buden, Spelunken und Kanalisationen ab. Während so das Unterbewusste zum Unterirdischen wird, strebt die aristokratische Oberschicht in Séancen nach Übersinnlichem. Das kann man als banale Beobachtung abtun, führt ab der ersten Folge aber direkt hinein in eine diegetische Ebene, die zwischen Traum und Wirklichkeit wandelt, in der die gespenstische Qualität des Unbewussten eine Lücke darstellt, gleichzeitig aber zum Produzenten dieser Lücken wird. »Wien sollte als Ganzes unserer Psyche gleichen. Es wird nur selten Tag«, so Kren. Das Unterbewusste zeigt sich in »Freud« durch eine seltsame Präsenz. Die Serie konfrontiert uns mit einer Anwesenheit von etwas, das nicht dazugehört – dargestellt durch Kniffe wie dem Verschwimmen der Konturen und einer taktilen Visualität, bei denen Close-ups die Gesichter von schräg oben in den Fokus nehmen. Das Berühren wird durch diese Bilder spürbar, weil sich eine Nähe einstellt, die das Unterbewusste bewusst macht.

Jóhann Jóhannsson: »Last and First Men«
Wer will, kann die Ausflüge in die Küchenphilosophie gerne weiterspinnen. Ist aber gar nicht nötig. Denn der Psycho-Porno lässt sich auch ohne jeden Metagedanken ziemlich gelungen bingen. Wer danach noch weitergraben möchte, sollte sich die gerade erschienene und wirklich letzte Platte des isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson besorgen. 2018 in Berlin verstorben, hat der Mann zeit seines Lebens genügend Material angehäuft, um zwei Jahre nach seinem Tod immer noch Musik rauszuhauen, bei der Hans Zimmer wie ein abgehalfterter Groschenpianist mit heruntergelassenen Hosen dasteht. »Last and First Men« hat Jóhannsson mit Schwarz-Weiß-Bildern und Tilda Swinton-Voiceover als Science-Fiction-Movie angelegt. Fertig wurde das Ding zwar nicht mehr. Jóhannssons Komponistenkollege Yair Elazar Glotman hat die Aufnahmen aber fertiggebastelt – und ein feines Händchen bewiesen. Der Soundtrack funktioniert wie bei allen Jóhannsson-Scores auch ohne Film. Wahrscheinlich sogar besser. Eben weil die Bilder ganz von alleine entstehen, wenn man sich – Social Distancing zum Trotz – mit Kopfhörern bewaffnet durch die Gassen Wiens stiehlt.

Peter Frase: »Four Futures«
Übrigens: »Last and First Men« macht auch einen guten Job als Ambient-Soundtrack für den angehäuften Lesestoff. Der US-amerikanische Verlag Verso verschenkt gerade E-Books für die Quarantäne, darunter auch das Büchlein »Four Futures«, in dem der Soziologe Peter Frase vier Zukunftsszenarien für die Zeit nach dem Kapitalismus aufwirft. Mit Blick auf die Automatisierung der Arbeitswelt und politische wie ökologische Veränderungen durch den Klimawandel entwirft Frase jeweils zwei Zukünfte, in denen die Menschheit von Robotern und Artificial Intelligence profitieren könnte – und zwei, bei denen die 99 % der Gesellschaft gefickt sein werden. Frase verzichtet zum Glück auf den üblichen Technikdeterminismus. Utopie ist eine Option, aber Roboter bringen uns nicht automatisch dorthin, weil die dystopischen Merkmale unserer heutigen Gesellschaft mit der Automation nicht einfach verschwinden. Oder glaubt wirklich jemand daran, dass sich die kleine Anzahl an Menschen, die den größten Teil des Reichtums kontrolliert, einfach darauf verzichtet, sobald die Roboter kommen? Fragen, die ihr euch beim Lesen selbst beantworten könnt. Nur so viel: Krisen führen immer auch zu Brüchen. Wer weiß, vielleicht finden wir in Zeiten, an denen das System an seine Grenzen stößt, zu Antworten, an die bisher niemand denken wollte. Den Versuch ist es jedenfalls wert!