Beat connection

Vor gar nicht allzu langer Zeit wurde just an dieser Stelle dezentes Wehklagen darüber laut, dass der Mangel an wirklich guten Techno-Alben, also Alben im Sinne von »richtige Alben« und nicht bloßen Track-Zusammenstellungen, momentan ein nicht zu verachtender wäre. Gerade so als wolle die Plattenindustrie den Klagerufer Lügen strafen, begannen kurz darauf nachgerade großartige Kompositionen, ja, »Werke« im Langspielformat unnachgiebig in den Briefkasten, auf den Schreibtisch und um die Ohren zu fliegen. Allen voran sei hier nur inoffiziell und außer Konkurrenz »This Bliss« (Dial/Kompakt) von PANTHA DU PRINCE genannt, über das und über den in diesem Heft glücklicherweise andernorts noch Ausführlicheres zu berichten sein wird. Doppelte Nennung ist bei diesem meisterlichen Album jedoch nicht unverdient, schließlich wird es nicht umsonst seit rund 4 Monaten in so gut wie jedem zweiten Magazin abgefeiert. Soviel dazu, viel mehr zu Aktuellerem.

Am Thron sägt schon GUI BORATTO (oder sitzt er schon drauf?), der sich in seiner Heimat Brasilien schon seit Jahren als vielseitiger Produzent bewiesen hat, in Europa aber erst so richtig im vergangenen Jahr mit einigen Veröffentlichungen auf Kompakt auf- und einschlagen konnte. Vor allem der Smasher »Like You« tat sein Übriges dazu. Sein Album »Chromophobia« (Kompakt) wird den Berühmtheitslevel mit Sicherheit noch ein paar Grad nach oben schrauben. Boratto zeigt sich hier als Meister aller Klassen, beginnt mit leicht ambientösen Schlieren und lässt es klickern, nach und nach reichen sich amtliche Bretter und Sägezahn die Hände, dann wird mal wieder ein wenig der Trance ausgepackt; zwischendurch bleibt immer wieder Raum für Melodien und Ausflüge in Richtung Pop, gar können Bassläufe vernommen werde, die wie sehr gut aus einem New-Order-Stück gestohlen klingen. Vor allem der Track »Beautiful Life« samt Frauengesang verspricht ein Hit zu werden. Das wahrlich Berauschende an »Chromophobia« ist jedoch, dass es sich hier nicht bloß um kunterbunt zusammengesetztes Flickwerk handelt, sondern um ein äußerst vielschichtiges Album wie aus einem, genau, Guss. Allerhöchste Empfehlung, das steht im Lexikon unter dem Eintrag zu dieser Platte.

Etwas heftiger, aber immer noch sanft genug, mit der Trance-Keule zugeschlagen wird auf »From Here We Go Sublime« (Kompakt) von THE FIELD, einer Platte, die sehr viel besser ist als oberes Mittelfeld. Auch THE FIELD, in der bürgerlichen Welt Axel Willner, konnte 2006 mit einem Überhit punkten, »Over The Ice« nämlich, das es sogar in die Jahrescharts der US-Amerikanischen Indie-Hipster von Pitchforkmedia schaffte. Das Stück eröffnet das Album dann auch, vermutlich wegen Wiedererkennung und so, und in ähnlich munterer Gangart wird dann durchgehend über andere glatte Oberflächen geschlittert. Über der angenehm warm laufenden Bassdrum gibt es anmutig gezupfte Gitarren zu vernehmen und häufiger Geräusche, die sich nach stöhnenden oder seufzenden Menschen anhören. Aber jetzt nicht so sex-mäßig, sondern mehr so wie Sport. Äußerst schön das Ganze, wenn auch hie und da mal eine klitzekleine Spur zu nah dran am Kitsch.

Gar nichts zu Meckern gibt’s hingegen über KALABRESE. Der in Zürich ansässige Musiker macht auf seinem Debüt-Album »Rumpelzirkus« (Stattmusik/Kompakt) das ganz große Fass auf. Hier gibt’s so ziemlich alles zu hören zwischen knisterndem Minimalismus, Elektronika, Dub-Ausflügen, Bläsersätzen, funky Techno und, ja, Gitarrenpop. Ein Techno-Album bleibt »Rumpelzirkus« dennoch, und was für eines. Eines, das die Nischen ausleuchtet und sich Humor in die Stirn geritzt hat. Großartig, aber in echt.

Nicht ganz so toll, aber immerhin noch sehr, sehr gut ist »Seriøs« (Gomma/Soul Seduction) von TOMBOY gelungen. Den Mann kennt man möglicherweise auch als Tomas Barfod und von diversen Maxis für Get Physical und Gomma, vor allem aber wohl als Drummer der dänischen Drei-Mann-Disco-Kapelle WhoMadeWho. Auch auf seinem Solo-Album-Debüt gibt er sich an trockener Funkyness mit großem Spaß-Potenzial interessiert, inklusive speziellem Fokus auf, kaum überraschend, den Drums: viel Gerassel und Percussion-Alarm! Häufig wird auch am Song-Format herumprobiert und gesungen, wobei Herrn TOMBOY die witzig verschwurbelten Instrumentals mit Techno-Appeal wesentlich besser zu Gesicht stehen. Alles in Allem eine runde Angelegenheit und der Sieger dieser Ausgabe in der Disziplin »Crossover-Fähigkeit zwischen Indie-Disco und nicht so ganz strengem Rave-Schuppen«.