Autechre

»NTS-Sessions 1–4«

Warp Records

Rob Brown und Sean Booth alias Autechre dürften dem einen oder anderen elektronikbegeisterten Musikliebhaber wohl schon ein paar Mal mit ihren experimentellen Releases über den Weg gelaufen sein. Seit den frühen 1990er-Jahren schon arbeiten die beiden an ihrer ganz eigenen Vision von Musik und Sound. Dabei bestreiten Autechre stets neue Wege und ruhen sich nicht auf den Lorbeeren ihrer erfolgreichen Vergangenheit aus. Die Entwicklung des Werdegangs von Autechre zeichnet sich über die letzten Jahrzehnte durch eine zunehmende Dekonstruktion und Abstraktion ihrer eigenen als auch allgemeiner Stilelemente des Genrebereichs IDM aus. So haben sie bis heute ihre ganz eigene Ausdrucksform gefunden, die sich zunehmend romantischer Attribute entledigt und eine eigene Sprache entwickelt.

Mit dem aktuellen und vierteiligen Release, welcher in Kooperation mit der Onlineplattform NTS Radio als Stream veröffentlich wurde und deshalb auch den pragmatischen Titel »NTS-Sessions 1–4« trägt, zeigen die beiden, wieviel visionäre Energie und Kraft noch in ihnen steckt. Ein physischer Release auf acht CDs sowie viermal drei LPs folgt bis Sommer dieses Jahres auf Warp Records. Mit diesem achtstündigen Opus magnum beeindrucken Autechre auf ganzer Linie und stellen mitunter auch ihre großartigen Vorläuferprojekte locker in den Schatten. Auf die Ohren bekommt man hier massive und komplexe Soundstrukturen, die nicht selten die 15-Minuten-Marke knacken. Zugegeben ist das ganze keine leichte Kost und fordert den Hörer streckenweise durchaus heraus, überraschend dürfte dieser Umstand für Autechre-Vertraute aber sicher nicht sein. Das Neuartige an den NTS-Sessions ist die nochmals stärker ausgebaute Abstraktion und Dekonstruktion der bekannten Muster. Die bislang eingesetzten sperrigen Beatfragmente, welche noch rudimentär an elektronische Tanzmusik erinnerten, rücken in diesem Release zunehmend in den Hintergrund oder werden noch stärker zerlegt, als man dies bisher von Autechre gewohnt war. Dafür kommen verstärkt imposante Soundspielereien zum Zug, die an unverständliche Fragmente von gesprochener Sprache künstlicher Intelligenzen und/oder sich selbstständig machenden Sprachcomputern erinnern. Dies endet in oft unheimlichen und detailreichen Soundgemälden voller Überraschungen. Jedem, der das Nervengerüst bereitstellt und die nötige Muße dafür hat, sei nahegelegt, dieses außergewöhnlich starke und eindrucksvolle Werk tiefer zu erkunden.

Ein detailiertere Auseindersetzung zu Autechres NTS Sessions 1-4 findet sich im skug Artikel »Entromantisierung im Sinne der Sinnlichkeit«.