Anticon

Ist es noch HipHop? Ist das egal? Freilich. Anticon veröffentlicht seit fünf Jahren »Music For The Advancement of HipHop« (erster Labelsampler), und dieses nicht absolut todernst gemeinte Programm fahren sie bedingungslos.

Vom Rumpf der acht Labelgründer, die in ständig wechselnden Kombinationen alle Stellungen durchprobieren (meistens in Gangbangs), liegen jetzt drei enger definierte Soloveröffentlichungen vor, die den Blick auf die Qualitäten dieser eigenwilligen Charaktere besser freimachen. Aus den Reihen von Clouddead, deren erste EPs ein Brocken neuer Ideen waren, an denen sich heute noch unzählige Acts abrackern, gehen zwei Typen an den Start: WHY liefert mit »Oaklandazuasylum« wohl die größte Überraschung, denn er präsentiert sich hier als Songwriter krankhaft kindlichen Zuschnitts. Denk an einen Mix aus They Might Be Giants und Jackofficers und du weißt, was gespielt wird. Kinderreim-Styles mit kranker Elektronik, kurze, würzige Einheiten und jede Menge Fäkalsprache. Ein perfides Potpourri aus nicht zusammenpassen wollenden Einzelteilen, die im Gesamten genossen aber doch schlüssig wirken.
ODD NOSDAM fällt mit »No More Wig In Ohio« in die Kategorie des ausgerasteten Producers, der ohne Widerspruch seine Weirdness durchexerziert. Er ist der soundästhetisch anspruchsvollste Kopf der ganzen Bande, der hier komplett von sinnstiftender Kontinuität absieht und jeden Track auf autonome Reisen in akustische Niemandsländer schickt. Vocals gibt’s nur ganz gelegentlich in Form von Samples, der Rest ist feinste Musik wie frisch vom Jupiter.
ALIAS taucht im Anticon-Geflecht nur hin und wieder bei Sole auf (gemeinsam auch als So Called Artists) und konzentriert sich sonst ganz auf seine eigene Mucke. »Eyes Closed« nennt er seine neue EP, und mit Dunkelheit hat der Knabe einiges am Hut. Eher kalte, drumdominierte Soundlandschaften sind sein Markenzeichen, versehen mit etwas Ethnosamples, etc. Man kennt den Ansatz. Nichts neues, aber gut gemacht.
DOSH ist hauptberuflich Drummer bei Fog, beweist aber auf seinem namenlosen Instrumental-Debüt, dass er auch komplett eigene Sounds aus seinen Musiker-Genen rausschütteln kann. Natürlich liegt der Fokus auf rhythmischen Geflechten, die ein wenig angestaubt wirken und in etwa wie eine Tortoise-Remix-Veröffentlichung daherkommen. Mir kommt das so vor, als ob er mit ursprünglich wunderschönen Klängen ein wenig zuviel herumgefickt hätte, um nicht das Stigma des exzentrischen Homerecorders zu verlieren. Mehr Mut zur Perfektionen, Alter, ich weiß, du hast es drauf.
Alle LPs/CDs: Anticon/Trost