»Alamar«

Die Thematik in Pedro González-Rubios Erstlingsspielfilm dreht sich um Vater/Sohn- und Mensch/Natur-Beziehungen.

Der Inhalt des mexikanischen Films »Alamar« ist rasch erzählt: Roberta (Roberta Palombini) und Jorge (Jorge Machado), Eltern des fünfjährigen Natan, beschlie&szligen, sich zu trennen. Die Lebenswelten der gebürtigen Italienerin und des Mexikaners mit indianischen Wurzeln sind einfach zu unterschiedlich. Roberta wird mit Natan nach Europa zurückkehren. Vor der Trennung verbringt Jorge mit seinem Sohn einige Zeit am Meer bei seinem eigenen Vater, der an der Karibikküste als Fischer lebt. »Alamar« begleitet Vater und Sohn in dieser Zeit. Die Vorgeschichte wird nur kurz angerissen, mit Fotos und Schwarz-Wei&szlig-Film unterlegt, Natans Mutter erzählt aus dem Off von einer Liebesbeziehung und ihrem Ende – ganz unsentimental und ohne Beschuldigungen. So kann sich der Film ohne »Beziehungskisten-Ballast« auf Vater und Sohn und das Leben in einer entlegenen (und wunderschönen) Region konzentrieren.

 

Aufheben von Genregrenzen

In Pedro González-Rubios erstem Spielfilm sind die Grenzen zwischen Dokumentarfilm- und Spielfilm nicht auszumachen, nicht nur, weil Roberta und Jorge auch im richtigen Leben die Eltern Natans sind. »Alamar« erzählt weniger eine Geschichte von A bis Z, der Film steuert auf keinen dramatischen Höhepunkt zu, sondern er beobachtet vor allem Menschen im Umgang miteinander und im Umgang mit ihrer natürlichen Umgebung. Dabei geht es González-Rubio ebenso um gerade diesen Fleck Erde und Ozean wie um seine Protagonisten. Der Film wurde gro&szligteils in einem Naturschutzgebiet an der mexikanischen Karibik gedreht. Für Jorges Vater ist diese Gegend Heimat und Arbeitsplatz (und für die Dauer ihres Aufenthalts ist sie es auch für Jorge und Natan). Die extensiv betriebene Fischerei beutet die Ressourcen des Meeres nicht aus, andererseits kann aus der Subsistenzwirtschaft klarerweise kein nennenswerter finanzieller Gewinn gezogen werden. Materielles scheint hier aber auch ganz nebensächlich zu sein.

 

Sanftmut der Väter

 

Im Zentrum des Films stehen denn auch Natan und Jorge, die eine sehr innige Beziehung zueinander haben. Jorge bringt seinem Sohn einiges übers Fischen bei, lehrt ihn das Schnorcheln, spielt und balgt mit ihm. Auffallend ist der sehr sanfte und liebevolle Umgang des Vaters mit dem kleinen Buben – zwar bewegt man sich hier in einer reinen Männerwelt, doch Jorge scheint frei von Macho-Attitüden zu sein. Diese Sanftmütigkeit im Miteinander maskuliner Familienmitglieder erinnert an die Vater-und-Sohn-Verbindung in dem Film »Bal« des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu, wo der Lebensunterhalt ebenfalls in vorindustrieller, traditioneller Weise bestritten wird, auch die Natur spielt eine grö&szligere Rolle, als nur beeindruckende Kulisse zu sein. Im Vergleich zu Filmen aus etwa den 1970er oder 1980er-Jahren wie z. B. »Padre Padrone« der Brüder Taviani wird in diesen Filmen ein neues Vaterbild gezeichnet. Während in den vergangenen Jahrzehnten die Väter in peripheren/archaischen Gesellschaften als brutale Tyrannen auftraten, kommen die »neuen« Väter ohne Gewalt und autoritäres Verhalten aus. Die langen Einstellungen, der ruhige Rhythmus in der Schnittfolge, der geringe Einsatz von Kamerabewegungen unterstreichen auch ästhetisch das neue »sanfte Gesetz«.

»Alamar« (»To the sea«) Mexiko 2009. Regie: Pedro González-Rubio. DarstellerInnen: Roberta Palombini, Jorge Machado, Natan Machado Palombini, Nestor Marin u.a.

  

Derzeit im Stadtkino Wien