»Existenz – Leben genannt, um Bedeutung vorzutäuschen …« – ein Zitat aus dem begleitenden Text zur Veröffentlichung des vierten Albums der Hamburger Black-Metal-Band Abkehr, das sich liest, als wäre es dem Werk des rumänischen Philosophen E. M. Cioran entnommen. Der war um keine defätistische Geste verlegen und verdichtete sein Denken gerne zu aufmunternden Bonmots: »Vom Nachteil, geboren zu sein« lautet eines seiner bekannteren Werke mit Aphorismen rund um die Erkenntnis des menschlichen Daseins als Katastrophe und Irrtum. Ob Abkehr sich mit dem tiefschwarzen Pessimismus des schlaflosen Denkers auseinandergesetzt haben, ich weiß es nicht, aber es würde schon passen. Nun ist es beim Denken wie beim Musikmachen so, dass beides ja noch aus relativer Sicherheit heraus möglich ist. Das Gedankenspiel, ebenso wie das mit Instrumenten, ist ein Privileg derer, die sich am Abgrund wähnen mögen – hineingestürzt sind oder haben sie sich aber noch nicht. Aus dieser absurden Fixierung auf den Untergang erwächst dann paradoxerweise die Motivation, auszuharren. Das ist auch ein Motiv negativer Dialektik, die ihre moralische Rechtfertigung u. a. aus dem solidarischen Blick aufs Elend herleitet: Die unbarmherzige, genaue Registrierung und Beschreibung von desolaten Zuständen als einzig unverdächtige barmherzige Geste, so in etwa … Aus solchen Voraussetzungen ergeben sich delikate Widersprüche und streitbare Perspektiven, die auch dem Black Metal als ästhetischem Programm nicht fremd sind, wenn die künstlerischen Bemühungen über das akkurate Auftragen von Pandaschminke und Kunstblutkleckerei hinausgehen sollen. Als Ausdruck der oben angesprochenen relativen Distanz setzt die musikalische Auseinandersetzung mit Tod und Verderben noch den kleinsten Rest Leben und schöpferische Kraft voraus. Wer wirklich fertig mit der Welt ist, bringt in ihr auch nichts mehr zustande. Das Leben bringt einen um, aber noch ist es nicht soweit. Daher gehen die genretypische finstere Idealisierung von Elend und Untergang und die dramatische Schilderung der irdischen Heimstätte als Hölle einher mit einer aus dieser Erfahrung resultierenden prophetischen Mahnung, die ihr Heil in der Raserei sucht und ihren Ausdruck im Schrei findet, der um Rettung ringt, gerade weil der Teufel an die Wand gemalt wird. Warum sonst schreien, keifen, toben und sich aufbäumen? Der Vitalismus des Genres ist der schlagende Beweis für die Selbstbehauptungskräfte der beteiligten Akteure, aller philosophisch-musikalischen Negationsgesten zum Trotz. Abkehr bedeutet in diesem Sinne auch Hinwendung. Auf diese Weise erscheint auch plausibel, warum überhaupt noch Musik gemacht wird: Als menschlicher Ausdruck in unmenschlichen Verhältnissen. Dieser sozusagen kunsttherapeutische Blick auf die Bewältigungsstrategien verletzter oder beeinträchtigter, aber nichtsdestotrotz kämpferischer Subjekte im Black Metal erklärt auch, warum die Musiker*innen in den schwarzen Kapuzen und Lederjacken hinter den brennenden Kulissen nicht selten und entgegen aller programmatisch ausgestellten Menschenfeindlichkeit ganz verträgliche Zeitgenossen sind. Sie wissen: Die absurde Erfahrung menschlichen Daseins, die grausame Gewissheit der Vergeblichkeit und des unvermeidlichen Untergangs, diese nicht zu leugnenden Wissensbestände sind so wahr wie banal und bürden einem ja erst die Aufgabe auf, in der Zeit bis dahin sich erstens nicht permanent wie ein Arschloch aufzuführen und zweitens extreme Musik zu machen, die was taugt! So und damit kommen wir jenseits der Fülle allgemein abstrakter und analytischer Perspektiven mal zur Sache: Im Black Metal gibt es sehr, sehr viele Bands, denen nicht mehr einfällt, als nach überliefertem Rezept Blast-Beats, Tremolo-Gitarren und mehr oder weniger immer wieder ähnliche Melodiebögen zu einer irgendwie atmosphärischen Suppe zu verkochen, die schon bei Erstgenuss abgestanden schmeckt. Ich würde sagen, dass man Abkehr das nicht vorwerfen kann. Zum Beleg dieser Behauptung würde ich sagen, dass Abkehr ihre Songs mit hinreichend vielen Ecken und Kanten versehen, sodass deren Dramaturgie immer wieder überrascht. Einzelne Elemente scheinen mir eher dem Doom Metal, Dark Ambient oder Crust Punk entliehen und auf diese Weise gelingt es Abkehr, aus der schwarzen Masse zeitgenössischer Black-Metal-Bands als bemerkenswert hervorzutreten. Ganz einfach gesagt: Um diesen hobbyphilosophischen Riemen herunterzuschreiben, habe ich ein Weilchen länger gebraucht und das Album währenddessen mehrmals hintereinander angehört und kann daher sagen, dass ich auch nach wiederholtem Hören noch interessante Aspekte finde und so guten Gewissens empfehlen kann, »…dem Willen zur Macht und dem Vergessen.« nachzugehen – ist hoffentlich noch genug Zeit dafür, bis wirklich alles zu spät ist.
Abkehr
»… dem Willen zur Macht und dem Vergessen.«
Vendetta Records
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