Vienna Art Orchestra

A Centenary Journey

Quinton

Huldvoll ziehen wir die Mütze! Österreichs wohl avanciertestes Jazz-Großkollektiv wird kommenden Sommer ein viertel Jahrhundert alt. Da darf durchaus von »Institution« geraunt werden und das neue Album des Vienna Art Orchestra, »A Centenary Journey«, bestätigt dies auch mit einiger Verve. Eingebettet in ein leichthändig hinskizziertes Jahrhundert-Panorama der einflussreichsten Populärmusik wird so nebenbei eine programmatische Bestandsaufnahme der eigenen Arbeit abgeliefert. Der Hörer wird auf dieser tour de force via hochgetunter Sound-Zeitmaschine zurückkatapultiert in die diversen Epochen und Stile des Jazz, um dann mit viel Geschick durch all die Brüche und Übergänge navigiert zu werden, vorbei an den Untiefen eines gut getarnten Eklektizismus. Wie es Rüegg & Co. dabei immer wieder gelingt, in improvisatorisch furiosen wie fein gedrechselten Momentaufnahmen das jeweils Wesentliche zu erfassen, darf schon einige Bewunderung abringen. Wem, wie meinem hochgeschätzten Kollegen Akchoté, das ganze Vorhaben (als Livekonzert aufgenommen im November 2000 in den Sophiensälen; man genieße noch einmal diesen längst in die Plattengeschichte eingegangenen Klangraum!) vielleicht doch ein wenig zu professoral wirkt, der möge, mit ein wenig Nachsicht, daran denken, dass nur wenige in den avancierten zeitgenössischen Musikszenen die dialektische Verstrickung von Tradition und Moderne – ein steiniger Weg! – über viele Jahre hinweg so kunstvoll aufzulösen verstanden wie das VAO.

Ihr Programm von Rag Time to Future Beats stellt wohl auch den Rahmen für das junge österreichische Jazzlabel Quinton. Neben den neuesten Arbeiten der ehemaligen VAO-Wegbegleiter Puschnig und Wolfgang Muthspiel werden in dieser liebevoll gestalteten CD-Serie (plastikfrei!) weitere interessante heimische Projekte vorgestellt. Etwa die mal kraftvoll, mal zart hingepinselten »Blue Moments« der Sängerin und Pianistin Sabina Hank, die in klassischer Trio-Formation kühl-melancholische 50er-Jahre-Stimmung beschwören, oder die ein wenig esoterisch verdichteten Klangstrukturen der Gruppe Melo X, die auf ihrem Debütalbum »do«, ausgerüstet mit zeitgemäßem Equipment, in einer Art Endlos(weg)schleife diverse Territorien der World Music durchstreift.

Und wie schon in den Heft-Reviews angeführt, ist nun auch die musikalische »Vorgeschichte« des Quinton-Programms wieder sichtbar gemacht: Die neue Reissue-Reihe von Universal, »Austrian Jazzart«, bringt wichtige Aufnahmen von Koller, Miklin, Christian Muthspiel und Puschnig, der auch als Remaster fungiert, und so das Jazz-Rhizom VAO wild weiterwuchern lässt.