KI bedeutet eine wissenskulturelle Transformation. Sie scheint in alle Lebensbereiche einzudringen – und das nicht erst seit Tech-Giganten vor »KI-Würmern« in Küchengeräten warnen. Social Media ist längst voller Slop, große Medien veröffentlichen KI-generierte Texte und auch wir fangen an zu zweifeln, ob die letzte Mail von einem echten Menschen geschrieben wurde. Laut einer Studie des Streaming-Anbieters Deezer aus dem Jahr 2025 können 97 Prozent der Menschen nicht mehr verlässlich unterscheiden, ob ein Musikstück von KI generiert ist oder nicht. Damit verschiebt sich unser Verständnis von Wissen, Wahrheit und Wahrscheinlichkeit.
skug ist dem Anspruch verpflichtet, »aktuelle und historische Entwicklungen im Bereich Musik und Kultur« zu erfassen und zu kommentieren. Wir sehen es daher als unsere Aufgabe, auch KI zu thematisieren. Wir wissen, der Diskurs darum macht nicht immer Spaß. Es ist frustrierend und ermüdend zu sehen, wie KI gefühlt allem, worin Menschen Herzblut stecken, den Glanz nimmt. Sie erlaubt es Reichen, schlau zu wirken, und nimmt schlauen Leuten die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Auch uns hängt es zum Hals heraus, wie viel Raum große Medien hier Marktschreier*innen geben. Umso wichtiger ist es, Formate zu finden, in denen die Auseinandersetzung mit KI Spaß machen kann. Wir wollen uns gegenseitig unterstützen, mit- und voneinander lernen. Mit dem Spiel »Kollektive Intelligenz« versuchen wir genau das.
Hat das im EU-Parlament wirklich jemand gesagt? Bei dem Spiel »Kollektive Intelligenz« tretet ihr in einem Pub-Quiz gegen eine KI an. Dabei werden euch echte Aussagen von Parlamentarier*innen vorgelegt – und KI-generierte. Ihr müsst erkennen, welche Fake News sind; sonst kollabiert die Demokratie. Ihr mögt »Blade Runner«, Politik-Simulationen oder gemeinsam zu rätseln? Dann seid ihr bei uns genau richtig, wenn wir uns am Dienstag, dem 20. Oktober 2026, ab 19:30 Uhr im Polkadot (Albertgasse 12, 1080 Wien) ans Spielen machen.
Dabei gibt es eine Premiere: Im vergangenen Jahr haben wir bereits an einer Version zum österreichischen und Schweizer Parlament gearbeitet, Erfahrungen gesammelt und (teils enthusiastisches) Feedback eingeholt. Dieses fließt nun in eine überarbeitete und verbesserte Version unseres Spiels – die EU-Edition von »Kollektive Intelligenz«. Diese sieht nicht nur dynamischer aus und erlaubt mehr Interaktion, sie reagiert auch auf die Entwicklungen, die sich im letzten Jahr ergeben haben. Neugierig geworden? Dann komm vorbei!
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit im außermoralischen Sinne
Das Verhältnis von KI und Demokratie ist eine der großen Fragen unserer Zeit. Es muss selbst demokratisch diskutiert werden. Deshalb beteiligen wir uns auch an der Demokratiewoche des Bündnis 2025. Von 19. bis 26. Oktober 2026 laden hier zivilgesellschaftliche Organisationen in ganz Österreich zu über 150 Veranstaltungen ein, um eine Woche lang Demokratie zu feiern. Gleichzeitig ist es wichtig, Gefahren für die Demokratie zu benennen, zu kontextualisieren und zu analysieren.
Ähnlich argumentiert Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück, in seinem preisgekrönten Essay »Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus«. Denn der von KI losgetretene wissenskulturelle Wandel nehme vieles von dem vorweg, was Faschist*innen und reaktionäre Tech-Ideologien versuchen. Mühlhoffs Anschauungsmaterial dafür sind Pläne, KI in der staatlichen Verwaltung einzusetzen – also in etwa das, was Österreichs Regierung auf Initiative von Staatssekretär Alexander Pröll aktuell plant.
Verwaltungsentscheidungen sollten bisher regelbasiert und auf der Einschätzung einzelner Beamt*innen beruhen. Aktuelle KI-Modelle (LLMs) arbeiten aber nicht regelbasiert, sondern aufgrund von Wahrscheinlichkeitsrechnungen. Sie optimieren also, so Mühlhoff, »Entscheidungen nicht danach, ob sie im Einzelfall gerecht sind, sondern danach, ob sie sich im Durchschnitt durch Zeit- und Kostenersparnis bewähren.« KI in der Verwaltung könne also niemals auf Wahrheitsfindung und Gesetzestreue ausgerichtet sein. Sie beruht auf der Annahme, dass es für die Verwaltung billiger wäre, den ein oder anderen Gerichtsprozess in Kauf zu nehmen, als Beamt*innen für das genaue Befolgen von Verfahrensregeln zu bezahlen. Das gehe zu Lasten vor allem jener Gruppen, zu denen die Datenlage schlechter ist. Sprich: Minderheiten.
Wird KI in staatliche Strukturen integriert, ist das also weit mehr als eine rein technische Veränderung. Es markiert eine grundlegende Veränderung darin, wie staatliches Handeln sich legitimiert und zu demokratischen Prozessen verhält. In den Worten Mühlhoffs: »Der gesellschaftliche Umbau durch KI […] verändert die materiellen und personellen Grundlagen staatlicher Macht – und eröffnet damit einen Raum, der von autoritären und faschistoiden Kräften nicht nur theoretisch, sondern bereits ganz konkret besetzt wird.«
Demokratie in Zeiten der täuschenden Maschinen
Um solche Veränderungen zu kontextualisieren und zu diskutieren, haben wir für den 20. Oktober 2026 ein tolles Expert*innen-Panel zusammengestellt: Astrid Mager, Florian Zsifkovics und Gerald Posselt.
Astrid Mager ist Wissenschafts- und Technikforscherin mit Schwerpunkten auf algorithmischen Systemen und Diskriminierung. Im Zuge dessen hat sie spannende Arbeiten zu Suchmaschinen und Ideologie(-kritik) des Algorithmus verfasst und als Senior Academy Scientist im Projekt »Die Automatisierung von Wohlfahrt« gearbeitet. Seit Herbst 2024 leitet Astrid Mager gemeinsam mit Barbara Prainsack die Kommission »Demokratie in digitalen Gesellschaften« der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Florian Zsifkovics ist Journalist und Medienentwickler und arbeitet für den »Standard«, den »ORF« und die »Wiener Zeitung«. Er ist Mitglied der Akademie für Künstliche Intelligenz und Digitalisierung und macht in seinem Podcast »Was KI kann« LLMs für ein breites Publikum verständlich. Hier ordnet er nahe an tagesaktuellen Entwicklungen kritisch ein, was Technologie für Medien und Gesellschaft bedeutet.
Gerald Posselt ist Senior Lecturer am Institut für Philosophie der Universität Wien und hat wichtige Arbeiten zu Fragen von Sprache, Gender und politischer Philosophie veröffentlicht. Aktuell leitet er das ÖAW-Projekt »Politiken der Wahrheit«, das sich der Aufgabe verschrieben hat, zu fragen, wie man Wahrheit in einer »postfaktischen« Welt denken müsse. Er behandelt dabei Themen wie die Krise der Demokratie, den Aufstieg des Autoritarismus und Angriffe auf die Wissenschaft »weniger als separate Phänomene als Symptome einer Krise des gegenwärtigen Wahrheitsregimes«.
Was bedeutet KI für Demokratien? Wie sollen wir mit täuschenden Maschinen umgehen? Was verändert sich dadurch? Keine dieser Fragen ist einfach zu beantworten. Gerade deshalb widmen wir uns ihnen gemeinsam – auf einem Panel und spielerisch. Nutzen wir unsere kollektive Intelligenz! Und zwar am 20. Oktober 2026, um 19:30 Uhr im Polkadot, Albertgasse 12, 1080 Wien.

Das digitale Spiel »Kollektive Intelligenz« wird unterstützt vom EU-Programm ProEuropean Values, das sich für die Stärkung europäischer Werte und der Demokratie einsetzt. Realisiert in redaktioneller Unabhängigkeit.












