Pot-Sche-Mu © Foto: unbekannt, Glitzer & Grind
Pot-Sche-Mu © Foto: unbekannt, Glitzer & Grind

Rebellion zwischen Tristesse und Aufbruch

»Als der Vorhang fiel« von Claus Oistric erzählt die Geschichte des Punk in Wien von den Anfängen in den 1970er- bis zur Blütezeit in den 1980er-Jahren.

Kaum ein Bild fasst die Ausgangslage der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre in der österreichischen Hauptstadt besser zusammen als das inzwischen ikonische Foto eines Punks, der mit »Wien du tote Stadt« auf der Jacke über den Naschmarkt schlurft. Dieser legendäre Spruch – heute auf T-Shirts, Plakaten und Graffitiwänden verewigt – beschreibt treffend das graue, verschlafene, langweilige Wien, das zur Zeit des Kalten Krieges noch sein tristes Dasein als »Außenposten Westeuropas« fristete. Erst durch den Fall des Eisernen Vorhangs rückte die Stadt ins Zentrum und konnte sich zur europäischen Metropole mausern – eine Entwicklung, die auch die Punkszene radikal veränderte.

Kleine, aber radikale Szene

Es ist diese Mischung aus dumpfer Resignation und wütender Auflehnung, aus kultureller Dürre und subversivem Widerstand, die Claus Oistric in seiner Dokumentation »Als der Vorhang fiel« eindrucksvoll rekonstruiert. Der Titel mag zunächst täuschen – denn tatsächlich beginnt die Geschichte viel früher: Schon ab 1979 formierte sich eine kleine, aber prägende Subkultur, die gegen die bürgerliche Langeweile, autoritäre Strukturen und den musikalischen Überbau der Progrock-Ära rebellierte. Was in London längst Geschichte war, schwappte mit Verspätung auch an die Ufer der Donau – mit Wucht. 

Die ersten Wiener Punks trafen sich in den Hinterzimmern verrauchter Cafés, in Jugendzentren wie der Gaga (Gassergasse), im Amerlinghaus, im Milchkandl (einer aufgelassenen Kellerdiskothek, die Chuzpe als Proberaum nutzten) oder auf Flohmärkten. Die Szene war klein, aber radikal: Informationen wurden in selbstgemachten Fanzines getauscht, neue Musik über Kassetten verbreitet. Bands wie Chuzpe, Die Böslinge, Dead Nittels oder die Frauen-Punkband A-Gen 53 gründeten sich oft nur für kurze Zeit, aber mit nachhaltiger Wirkung.

Who’s who des Wiener Punk

  • Chuzpe (gegründet 1979) machten sich bereits im Song »Beislanarchie« über die linke Schickeria lustig, die nach 1968 im Rathaus saß: »Arbeiterklasse, wie ich sie hasse / ’s Proletariat, es scheißt auf uns / Was wir auch tun, s’ sind immun / Rot is nua mei Nosn wurn.« 
  • Die Böslinge (gegründet Dezember 1979 von Erwin Bösling, Harry the Herbert und Peter R.) singen bis heute im Wiener Dialekt und sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die dienstälteste Punkband Österreichs. Ihre Texte behandeln politische Themen (z. B. »Scheiss Kibarei« gegen die Obrigkeit).
  • A-Gen 53 (Mitte 1980), benannt nach den Verhütungsschaumzapferln, war Österreichs erste reine Frauen-Punkband – ein Meilenstein in einer von Männern dominierten Szene. Zusammen mit den Piranhas prägten sie den weiblichen Widerstandsgeist.
  • Dead Nittels (gegründet 1980 von den Brüdern Manfred und Josef Schäffer sowie Herbert Langer) benannten sich nach dem ermordeten SPÖ-Stadtrat Heinz Nittel und den Dead Kennedys. Ihr Slogan: »Leckt’s uns am Arsch: In Zeiten wie diesen.« – eine direkte Antwort auf den SPÖ-Wahlslogan »In Zeiten wie diesen« (Bruno Kreisky, 1983). 1984 waren sie im Film »Atemnot« zu sehen, der im Wiener Punkmilieu spielt.
  • Uschi Paranoia und die kranken Mönche (ab 1979) gaben durch ihre Amateurhaftigkeit als Bekenntnis zur Totalverweigerung der Szene wichtige Impulse.
  • Weitere frühe Bands: Mordbuben AG, Pöbel, Schund, Dirt Shit, Kleenex Aktiv – die meisten waren nur kurzlebig, aber prägend für den DIY-Geist.
Those Who Survived The Plague im alten Flex © Foto: Alexander Lehar, Glitzer & Grind

Rau, direkt, ungefiltert

Claus Oistric schafft in seinem Buch, was allzu viele Subkultur-Rückblicke versäumen: Er erzählt nicht nur, sondern lässt erzählen. In Form von Oral-History-Dokumentation kommen über zwanzig Zeitzeug*innen zu Wort –darunter Szenelegenden wie Susa Kreuzberger (Aktivistin und Musikerin), Tiberiju Nikolic (Kultfigur der Wiener Underground-Szene), Harald Rau (Musiker und Veranstalter), aber auch Mitglieder von Kulta Dimentia, Those Who Survived the Plague, Cold World, Bloody Mary, Knallkopf oder Programm C. Ihre Erinnerungen sind keine nostalgisch verklärten Monologe, sondern knappe, direkte Statements, Anekdoten, kleine Mosaiksteine aus Demos, Hausbesetzungen, Konzerten, Polizeigewalt und kollektivem Rausch. 

Das Buch liest sich dadurch nicht wie ein akademisches Werk über eine Bewegung, sondern wie ein Gespräch im verrauchten Hinterzimmer des alten Flex – rau, direkt, ungefiltert. Genau das macht es so lebendig. Claus Oistric selbst sagt: »Ich wollte zeigen, dass Punk nicht mit Zerstörung und hirnlosem Zeitvertreib gleichzusetzen war und ist.« Und er wurde fündig: »Ich habe so viele Menschen mit Herz und Engagement getroffen, die ihr Ding ohne Geld, aber dafür mit umso mehr Motivation durchgezogen haben.«

Hotspots im Wiener Untergrund

Neue Treffpunkte wie das EKH, das Chelsea oder das Flex wurden zu Hotspots der Subkultur. Das Flex in seiner rohen, ursprünglichen Form in der Arndtstraße in Meidling war ein Ort voller Energie, Improvisation und lauter Musik, bevor es Mitte der 1990er-Jahre wegen dauernder Konflikte mit Nazi-Skins in ein Nachbarlokal an den Donaukanal umziehen musste. Der Umzug verzögerte sich jahrelang, unter anderem durch eine legendäre »Pelzmanteldemonstration« von Innenstadtbewohner*innen im Bürgermeisterzimmer von Helmut Zilk.

»Punk hilft der Wirtschaft« – so der Titel einer der vielen Geschichten, die Claus Oistric seine Protagonist*innen erzählen lässt. Dabei spart er auch nicht mit der politischen Dimension: Die Verbindung von Punk und Aktivismus – sichtbar etwa bei der Besetzung der Hainburger Au oder dem autonomen Zentrum Rotstilzchen – zieht sich als roter Faden durch das Buch. Punk in Wien war nicht nur eine Stilfrage, sondern oft auch eine existenzielle. Etwa als nach der Räumung des besetzten Hauses in der Ägidigasse Aktivist*innen buchstäblich auf der Straße standen.

Subkulturelle Stadtgeschichte

»Als der Vorhang fiel« ist keine geschönte Heldensaga, sondern ein rohes, ehrliches, vielstimmiges Porträt einer Szene, die zwischen Rebellion, Desillusionierung und Kreativität oszillierte. Es ist ein Stück subkultureller Stadtgeschichte, das nicht nur für Wiener*innen und Geschichtsinteressierte spannend ist, sondern für alle, die sich für Musik, Protestkultur und gelebte Gegenentwürfe zum Mainstream interessieren. Der Geist des Punks wird hier nicht musealisiert – er wird zum Leben erweckt.

Im Herbst erscheint übrigens anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Wiener Arena das neue Buch von Claus Oistric: »Drüben im Dritten – Arena Wien, 50 Jahre Musik, Protest & Subkultur« (Glitzer & Grind). Die Buchpräsentation findet am 9. Oktober 2026 ab 18:30 Uhr in der Arena statt – bei freiem Eintritt und mit musikalischem Support von The Kids, Baits und Bad Weed. Für mehr Einblicke empfehlen wir »Die Arena. Eine Wiener Geschichte« von Constanze C. Czutta und die Ausstellung »Jedenfalls ist es Liebe!« im Wien Museum.

Claus Oistric: »Als der Vorhang fiel – Punk im Wien der 80er«, Glitzer & Grind 2023, 180 Seiten, Hardcover, € 22,00

Link: https://glitzerundgrind.carrd.co/ 

Home / Kultur / Readable

Text
Petra Kislinger

Veröffentlichung
31.08.2026

Schlagwörter


favicon

Unterstütze uns mit deiner Spende

skug ist ein unabhängiges Non-Profit-Magazin. Unterstütze unsere journalistische Arbeit mit einer Spende an den Empfänger: Verein zur Förderung von Subkultur, Verwendungszweck: skug Spende, IBAN: AT80 1100 0034 8351 7300, BIC: BKAUATWW, Bank Austria. Vielen Dank!

Ähnliche Beiträge

Nach oben scrollen