Beim Versuch, Prison zu besprechen, muss ich aufpassen, dass ich mich nicht in Paul Major, einen der beiden Gitarristen der Band, verwandle. Der ist ja neben seiner Tätigkeit als Musiker bekannt dafür, ein unermesslich großes Wissen über die obskursten Rockbands zu besitzen. Seit Ende der 1970er, lange bevor es in Mode kam, Compilations im Stile der »Brown Acid«-Reihe herauszubringen, hat er viel Zeit damit verbracht, Mitglieder nicht zu Weltruhm gekommener Garagenbands aufzuspüren, um sie nach Kopien ihrer in Kleinauflagen erschienenen LPs zu fragen. Unter Betten heraus oder von staubigen Dachböden herunter rettete er Originalpressungen von Alben wie »Sussex« von Bent Wind, um sie an Sammler*innen weiterzuverkaufen. Dass solche Alben nicht im Strom der Zeit verloren gingen und nach einigen Jahrzehnten auch als Reissues für kleineres Geld wieder zu haben waren, ist auch Paul Major zu verdanken. Ein ganzes Buch ist seinen vielfältigen Underground-Tätigkeiten in diesem Feld gewidmet. Wer Lust hat, schaue sich nach »Feel the Music: The Psychedelic Worlds of Paul Major« (Anthology, 2017) um, kann dann in eine bunte Welt selten gehörter Platten abtauchen und bei seiner Bank ggf. nach einem Kleinkredit anfragen. Oder man verharrt im Jetzt und gönnt sich »Big Rigs on the BQE«, das neue Album von Prison. Der Gegenwartsbezug der Band zeichnet sich allerdings durch das hartnäckige Ignorieren ebendieser aus. Ihre Musik bezieht sich grob gesagt auf die Dekade zwischen 1966 und 1976 und changiert stilistisch zwischen Proto-Punk, Psychedelic- und Krautrock sowie einem Schuss Free Jazz, denn ab und zu kommen auch Blasinstrumente zum Einsatz. Man stelle sich also vor, in einem Paralleluniversum begegnen sich Albert Ayler, Can und Blue Cheer und legen los. Und würde ich mich jetzt doch in Paul Major verwandeln, könnte ich noch deutlich abseitigere musikalische Inspirationsquellen zitieren. Aber dann verlieren wir ja völlig die Orientierung. Es wabert und dröhnt, brummt und quietscht ohnehin schon, dass einem Hören und Sehen vergeht. Das ist ein Kompliment. Zweimal 20 Minuten vergehen wie im Flug, wenn man sich vom Free-Rock von Prison gefangen nehmen lässt. (Entschuldigung, ich konnte nicht widerstehen.) Diese Herangehensweise kennt man auch von Endless Boogie. Hier ist der Name ebenso Programm, das stoische Herumreiten auf einem Riff um des gemeinsamen Spielens willen ist der ausschließliche und einzige Zweck aller Soundforschung dieser beiden Bands. Rockmusik, befreit von allem überflüssigen Quatsch. Auf diese unnachahmliche und einzigartige Weise erzielen sie erstaunliche Ergebnisse, ich möchte fast sagen, wir können hier vom Suchen und Finden »ekstatischer Wahrheit« im Sinne Werner Herzogs sprechen! Purer Sound, die Essenz.
Prison
»Big Rigs on the BQE«
Drag City
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