Christoph Schlingensief, 2010 mit 49 Jahren früh verstorben, war niemals lediglich Regisseur, Performer, Filmemacher oder Aktionskünstler. Er war geliebt, vergöttert, gehasst, verteufelt. Seine Arbeiten waren keine abgeschlossenen Kunstwerke, sondern gesellschaftliche Versuchsanordnungen, moralische Sprengsätze und philosophische Experimente, die oft erst im Verhalten ihres Publikums ihr Ende fanden. Wer Schlingensief betrachtete, wurde selbst zum Teil seiner Kunst. Die im Wiener MAK gezeigte Ausstellung »Es ist nicht mehr mein Problem« macht deutlich, wie schwer sich dieses Prinzip konservieren lässt. Denn: Wie archiviert man Irritation? Wie stellt man einen Skandal aus? Wie konserviert man genau den Moment, in dem eine Gesellschaft plötzlich erkennt, dass sie selbst das eigentliche Kunstwerk ist?

Schon der erste Raum, die Rekonstruktion der »Church of Fear« wirkt gleichzeitig monumental und gespenstisch leer. Was einst während der Biennale in Venedig ein lebendiger Angriff auf die politische Instrumentalisierung der Angst war, erscheint heute beinahe wie eine archäologische Grabungsstätte. Und genau darin liegt ihre philosophische Kraft. Die Kirche erzählt weniger von Religion als von modernen Glaubenssystemen. Nicht Gott ist ihr Gegenstand, sondern die Angst. Nicht Erlösung wird versprochen, sondern Kontrolle. Der Satz »Fear is the answer« gehört zu den bittersten Diagnosen der westlichen Demokratien des 21. Jahrhunderts. Christoph Schlingensief erkannte bereits unmittelbar nach dem 11. September 2001, dass Angst längst zur politischen Währung geworden war. Staaten legitimierten Überwachung. Medien erzeugten permanente Alarmbereitschaft und Bürger*innen begannen bereitwillig, Freiheit gegen vermeintliche Sicherheit einzutauschen. Heute – 25 Jahre später – wirkt diese Diagnose erschreckend prophetisch. Schlingensief verstand Politik fix besser als viele Politiker*innen. Und das ist eine der größten Qualitäten der Ausstellung: Schlingensiefs politische Arbeiten erneut sichtbar zu machen.
Philosophie der Überforderung
Die Aktion »Bitte liebt Österreich«, die Christoph Schlingensief im Rahmen der Wiener Festwochen 2000 veranstaltete, gehört immer noch zu den grandiosesten Kunstaktionen des deutschsprachigen Raums. Damals errichtete Schlingensief einen Container vor der Wiener Staatsoper und präsentierte Asylsuchende wie Kandidat*innen einer Reality-Show. Das Publikum durfte abstimmen. Wer die wenigsten Stimmen erhielt, sollte abgeschoben werden. Viele verstanden die Arbeit damals als rassistische Provokation, dabei war das absolute Gegenteil der Fall. Schlingensief zeigte den Rassismus in der Gesellschaft auf. Die eigentliche Installation bestand nicht aus Containern, sie bestand aus den Reaktionen der Menschen: Empörung, Zustimmung, Verwirrung, Hass. Alles wurde Material seiner Kunst und er erklärte die Zusehenden selbst zum Exponat. Aktionen wie diese warfen die Kunst aus ihren gesicherten Reservaten. Schlingensiefs Ankündigung, sechs Millionen Arbeitslose könnten Helmut Kohls Feriendomizil am Wolfgangsee fluten, war kein Guerilla-Marketing, sondern die größtmögliche Verweigerung, bestehende Verhältnisse einfach hinzunehmen.

Christoph Schlingensief wollte niemals verstanden sein. Sein Satz »Ich will das Publikum nicht beruhigen, ich will es überfordern« ist eine ästhetische Theorie. Denn Überforderung bedeutet bei Schlingensief den Zusammenbruch vertrauter Denkmuster, die Zerstörung jeglicher bequemer Position. Und genau dadurch entsteht Denken. Hier erinnert Schlingensief an Philosophen wie Nietzsche, die ebenfalls keine Antworten liefern, sondern Denkgewohnheiten zerstören wollten. Schlingensief übersetzte diese Prinzipien in Theater, Film und Aktionismus. Wer seine Arbeiten oberflächlich betrachtet, sieht vielleicht Chaos, aber sieht man genauer hin, erkennt man Präzision. Seine Arbeiten waren in Wahrheit hochkomplexe Versuchsanordnungen, jede Provokation hatte ein Ziel: Nicht Aufmerksamkeit. Selbsterkenntnis! Sein Publikum sollte sich fragen: Warum empört mich das? Warum reagiere ich so? Warum suche ich nach eindeutigen Schuldigen? Schlingensief interessierte nie der Skandal, er interessierte sich für die Mechanismen, durch die Skandale entstehen.
Zwischen Mythos und Mensch
Ein wenig droht der Ausstellung die Gefahr, Christoph Schlingensief selbst als Mythos zu verehren. Das wäre gefährlich, denn Verehrung ersetzt Denken. Durch Bewunderung. Man sollte diesen Ausnahmekünstler feiern, ja, durchaus, aber nicht als Heiligen, sondern als unbequemen Intellektuellen. Nicht als nostalgische Ikone vergangener Provokationen, sondern als Denker, dessen Radikalität bis heute nachwirkt. Erschreckend ist die Aktualität. Denn kaum eine aktuelle Ausstellung macht deutlicher, wie wenig die großen Konflikte gelöst oder gar verschwunden sind: Populismus, Nationalismus, Angstpolitik, Inszenierung, öffentliche Empörung, Manipulation. All das bestimmt immer noch die Gegenwart. Vielleicht sogar stärker als damals. Gerade deshalb wirkt Schlingensiefs Werk nicht historisch, sondern alarmierend gegenwärtig.

Schade, dass bei dem Ausstellungstitel »Es ist nicht mehr mein Problem« die Fortsetzung, entstanden nach Christoph Schlingensiefs Krebsdiagnose, fehlt: »Macht eure Scheiße allein«. Will heißen: Come on, jetzt seid ihr dran, ich habe meine Arbeit getan. Damit endet die Ausstellung im Wiener MAK nicht mit dem Tod des Künstlers, sondern mit der Verantwortung des Publikums. Denn Kunst entfaltet ihre größte Kraft nicht im Konsens, sondern im produktiven Zweifel. Sie soll nicht beruhigen, sondern verstören, nicht bestätigen, sondern erschüttern, nicht belehren, sondern zum Denken anregen.
Link: https://www.mak.at/programm/ausstellungen/christoph_schlingensief











