»Joseph Allred ist der rechtmäßige Erbe des musikalischen Vermächtnisses von Robbie Basho.« Dieses Kompliment kann man Allred machen – hören wird er es sicher nicht wollen. Mit Blick auf seine musikalischen Qualitäten käme das zwar hin, er ist aber nicht verblendet genug, um einer rückwärtsgewandten Ehrerbietung auf den Leim zu gehen. Ganz im Gegenteil: Joseph Allred ist ein aufgewecktes Kerlchen und ein sehr reflektierter Vertreter seiner Zunft. Welche ist das? Die der Fingerstyle-Gitarrist*innen, die sich mit historisch antiquiert erscheinenden Mitteln zur musikalischen Vergangenheit und Gegenwart verhalten. Religiöser Fanatismus feiert allerorten fröhliche Urstände und Formen kultischer Verehrung sind plattensammelnden Menschen ohnehin nicht fremd. Das weiß auch Allred, selbst leidenschaftlich genug, um auf »The Old Gods« über die Frage nach Wohl und Wehe solcher verehrenden Gesten zu meditieren. Das Albumcover gemahnt an eine dieser mit Stöcken zu errichtenden Zeltbehausungen, die als Schutz ebenso dienen können wie als Trockenholzhaufen zur Anfachung eines großen Feuers. Diese harmlose, aber vieldeutige Formation errichten Heranwachsende mit viel Freude und mehr oder weniger Hilfe schon ab dem Kindergartenalter – so viel zum Thema spirituelle Restbestände, nicht nur in der frühkindlichen Pädagogik. Ich will solche Umtriebe auch nicht per se geißeln. Lasst die Kurzen ruhig mal draußen spielen und auf diese Weise ein Verhältnis zu ihrer inneren und äußeren, zur sichtbaren und unsichtbaren Natur einüben und auch Erwachsene sollen schon dabei beobachtet worden sein, im Wald zu baden und was-weiß-ich-noch. Aber was dann? Mit fortschreitendem Alter geht idealerweise auch ein wenn nicht gebrochenes, so doch irgendwie aufgeklärtes Verhältnis zu allem, was der Fall ist, einher. Und an dieser Stelle sitzt Joseph Allred mit seinen 6- und 12-saitigen Gitarren und einem Banjo und ruft einerseits zur Wachsamkeit auf, andererseits ist seine Musik von außerweltlicher Schönheit geprägt, wie es der Sehnsucht des Menschen nach Linderung und Transzendenz entspricht. »The Old Gods« – John Fahey, Sandy Bull, Robbie Basho, Dock Boggs, Mississippi John Hurt und wie sie alle heißen – verheißen Erlösung oder momentweise Abstand, wenigstens für die Dauer eines Tonträgers, vom irdischen Dasein in einer mehr und mehr heraus- wenn nicht sogar überfordernden Gegenwart. Der in diesem Zusammenhang zur ästhetischen Anwendung kommende Rückbezug auf eine untergegangene und vermeintlich bessere Welt, ein imaginiertes »Old Weird America«, dessen auch leidvolle Erfahrung niemand machen muss, der heute Country-Blues- oder Appalachian-Folk-Platten hört, mag schon momentweise ins unglückliche Bewusstsein geraten, aber für den uneingeschränkten Genuss der Musik ist die Erinnerung an historisch harte Realitäten und kulturelle Missverständnisse in der Rezeption mithin auch hinderlich. An solchen Widersprüchen aber ist Allred interessiert – und nicht am traditionsbewussten Götzendienst. In seiner Musik teilt sich ein ambivalentes Verhältnis zur (nicht nur) musikalischen Tradition und allen darin überlieferten Wissensbeständen mit, die, so Allreds Credo, der kontinuierlichen Aktualisierung, der kritischen und gegenwartsbezogenen Auseinandersetzung bedürfen. In diesem reflexiven Modus gelingt es Joseph Allred überzeugend, in der Nachfolge der großen Alten und – wichtiger – für sich zu stehen und seit Jahren eine hervorragende Veröffentlichung nach der anderen abzuliefern. »The Old Gods« reiht sich da ein, gar keine Frage.
Joseph Allred
»The Old Gods«
Carbon Records
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