Die Noten, die Sarah Lipstate auf ihrer E-Gitarre spielt, filtert sie durch eine Vielzahl von Effektgeräten und erreicht so unter Einsatz von einem Instrument und dessen elektronischen Erweiterungen quasi-orchestrale Dimensionen. Die Alben, die sie seit Jahren veröffentlicht, zeichnen sich durch eine ruhige, leicht verträumte und hin und wieder unheimliche Atmosphäre aus, wie man sie von Angelo Badalamentis Soundtracks für David Lynch kennt. Sarah Lipstate ist ein bekennender Fan beider Künstler, wie auch eine Noveller-Single dokumentiert, die Cover-Versionen von Kompositionen der TV-Serie »Twin Peaks« enthält. Wer sich also gerne in den Film-Noir-Welten von Lynch verliert und Noveller noch nicht kennt – bitteschön! Unabhängig davon ist Lipstate einem größeren Publikum vielleicht als Session- und Tour-Gitarristin von Iggy Pop bekannt geworden. Sie hat auf dessen eher experimentellem Album »Free« mitgewirkt und geht seither ab und an mit ihm auf Tour und auf »I Am The Weather« revanchiert sich Pop auf »The Girl Who Was Death«, dem vorletzten Titel des Albums, mit einer gesprochenen Passage, die sich auch noch einmal vor dem 2025 verstorbenen Regisseur verneigt. So sieht es aus in Novellers romantisch-zwielichtiger Welt. Ob man sich in diese einladen lassen will und in ihr zuhause fühlen kann, hängt wohl davon ab, ob man mit dieser popkulturell mehrfach codierten, dunkel grundierten und surrealen Ästhetik etwas anfangen kann oder nicht. Handwerklich ist das alles so gut gemacht, wie die Frisuren, der Lidstrich, der kirschrote Lippenstift und die schwarzen Anzüge in der idealisierten Welt von David Lynch tadellos sitzen – und Lipstate selbst inszeniert sich auch gerne so, als hätte sie Anfang der Neunziger-Jahre Sherilyn Fenn in ihrer Rolle als Audrey Horne ersetzen können. Das ist alles todschick und gar nicht schlimm bzw. Showbusiness: Man muss sich eben was einfallen lassen, um mit instrumentaler Musik Aufmerksamkeit zu erregen. Aber auch ohne den herbeizitierten Sums können die neun Kompositionen auf »I Am The Weather« bestehen. Sie legen sich abwechselnd schillernd-funkelnd oder mattschwarz lackiert in die Gehörgänge und evozieren sonnendurchflutete Tage an der kalifornischen Pazifikküste ebenso wie nächtliche Fahrten auf dem Mullholland Drive. Oha, da haben wir es schon wieder … na ja, ich bin auch Fan.
Noveller
»I Am The Weather«
Experimentia
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