Josephine Foster müsste eigentlich weltberühmt sein. Ihre Stimme – klassisch ausgebildet und fern von Opernhäusern im Underground über Jahrzehnte gereift – klingt alt wie die Welt und gleichzeitig so zart, als strenge sie ihre Stimmbänder zum allerersten Mal an. Zu relativer Bekanntheit gelangte sie mit Künstler*innen, die ab Mitte der 2000er-Jahre im Genre des New Weird America eingeordnet wurden, und seltsam, sehr eigen und mithin unheimlich (vor allem unheimlich schön) mutet ihre Musik in der Tat an. Sie hat in der Vergangenheit u. a. Lieder von Schumann und Brahms auf Deutsch gesungen und jedes ihrer über ein Dutzend Alben wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen bzw. zeitlos. Warum? Schwer zu sagen. Sie singt stets spärlich instrumentierte Lieder. Mehr nicht. Doch in der Konzentration auf wenige musikalische Elemente bringt sie eine unaufdringliche Intimität und kontrollierte Leidenschaft zum Ausdruck, die Vergleiche mit Ikonen des amerikanischen Jazz und der britischen Folk Music zulassen; an Billie Holiday denke ich beispielsweise oder an Shirley Collins. Das sind im Detail sehr unterschiedliche musikalische Traditionslinien, und nimmt man dann noch Fosters Interpretationen deutscher Kunstlieder hinzu und bedenkt den Umstand mit, dass die gebürtige Amerikanerin auf »Adormidera« auf Spanisch singt, dann wird die Lage vollends unübersichtlich bzw. der Titel des Albums, zu Deutsch »Schlafmohn«, hilft, um zumindest die potenzielle Wirkung all dieser unterschiedlichen musikalischen Stile und gesungenen Sprachen auf einen Nenner zu bringen: einlullend. Die Stimmen von Holiday, Collins und Foster mögen von traurigen Ereignissen, schrecklichen Begebenheiten und unglücklichen Gefühlen erzählen, sie trösten dennoch bzw. gerade deshalb, weil sie so betörend und entrückt alles große und kleine Elend in der Welt wenigstens für einen Moment in Perspektive rücken und so auf Abstand halten können. Man muss nicht einmal verstehen, wovon ihre zumeist melancholisch gestimmten Lieder handeln, um die durch sie zum Ausdruck gebrachten Gesten der Sorge und Liebe erfahren zu können. Frei von eitlen Affekten, erotischen Manierismen, klebrigem Kitsch oder sonstig lockendem Firlefanz singt Josephine Foster, wovon auch immer sie singt, und ich glaube ihr jedes Wort. Das ist Musik. Große Kunst.
Josephine Foster
»Adormidera«
Nyahh Records
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