Berlin: Zvizdal. Filmstill: Berlin

50 Jahre steirischer herbst - Selbstreflexion & Soundtracks

Vom 22. September bis 15. Oktober zeigt der steirische herbst 2017 Haltung gegen antidemokratische Tendenzen, dabei hält er Rückschau, blickt in die Zukunft und vergisst auch nicht auf Party.

»Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich begriff, dass nicht alle Menschen, die die neue Kunst ablehnen, deshalb auch automatisch Nazis sein müssen. Aber der Anteil von Nazis unter denen, die die neue Kunst bekämpfen, ist signifikant hoch. Denn hier hatten sie ein Thema wo sie ungestört agieren konnten. Wenn sie antisemitische Äußerungen machten oder wenn sie den Holocaust leugneten, dann konnten sie schnell mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Aber gegen ›entartete Kunst‹ durften sie hetzen, soviel sie wollten. Solange sie nur diesen Begriff vermieden, und stattdessen z. B. von Scharlatanerie oder von der Zerstörung des Menschenbildes sprachen. Denn sie wussten, Kunst ist für sie gefährlich.«

Georg Friedrich Haas in seiner Laudatio beim Festakt zum 50-jährigen Jubiläum des steirischen herbst am 14. 9. 2017. Symptomatischer Titel der bewegenden Rede eines der renommiertesten Komponisten der österreichischen Gegenwart, der an Musik-Akademie der Stadt Basel und an der Columbia University New York, lehrt: »steirischer herbst – oder warum Europas ältestes Festival für neue Kunst ausgerechnet in der Steiermark stattfinden muss«. Haas ging es darin auch um eine Offenlegung seiner Familienverhältnisse. Sein Großvater und Vater waren ideologisch überzeugte Nazis, die den Sturz des »1000-jährigen Reiches« als Niederlage empfanden und sich als Verfolgte wähnten. Haas’ »Ehre«, der dank seiner Leidenschaft für Neue Musik (Ligeti, Cage etc.) aus der engstirnigen Antigeist-Welt seiner Familie heraus fand, »heißt Wahrheit«. Die Mitschuld seine Familie am monströsen Unrecht des mordenden Nazi-Regimes lässt den begnadeten Spektralmusik-Tonsetzer nicht los: »Wenn ich komponiere, stehen die Toten hinter mir«.

Nazi-Spuk

Zahlreiche Künstler arbeiteten sich daran ab, den menschenverachtenden Totalitarismus, der in die Köpfe der Nachkriegsgenerationen übertragen wurde, zu thematisieren. Das seit einem halben Jahrhundert bestehende Avantgardefestival, immerhin in einem VP-regierten Land, fungierte mitunter auch als freie Versuchsbühne dafür. Was legendäre Kontroversen evozierte. Z. B. führten Wolfgang Bauers »Gespenster«-Aufführungen 1975 oder Christoph Schlingensiefs »Chance 2000 für Graz« 1998 zu Tumulten, Hans Haackes »Siegessäule« zum 50. Jahrestags des Anschlusses Österreichs wurde 1988 abgefackelt. Nicht nur deshalb blickt der steirische herbst, der sich ständig neu erfindet, selbstreflexiv zurück. Die Rekonstruktion der Historie findet in einer Sonderausstellung im GrazMuseum statt. Ergänzend dazu gibt es eine Gesprächsreihe mit (ehemaligen) Intendantinnen, Programmgestaltern und begleitenden Zeitzeugen, einen Audiowalk, die Festival-App »herbst-Fragmente« und ein Festivalarchiv im Grazer Palais Attems, dem Sitz des Festival seit 1985. Ebenso wollen zwei Druckwerke zur Reflexion einladen: »herbstbuch 1968-2017« und »Where Are We Now?«.

Gemäß diesem Motto geht es um die Selbstverortung von Kunst und Gesellschaft anhand eines breit gestreuten Programmangebots. Mette Ingvartsen experimentiert etwa in »to come (extended)« mit der sinnlich-sozialen Wahrnehmbarkeit von Körpersprachen, wogegen Florentina Holzingers in »Apollon Musagète« Körperlichkeit mit neoklassischem Ballett und Zirkusvarieté zusammenführt. Die Bildsprache von »An Atypical Brain Damage« des chinesischen Regisseur Tianzhuo wird wohl gewaltig werden, weil er die Balance zwischen den ungleichen Polen Kitsch und Apokalypse finden will.

Heimat und Horror

Dass nach dem Weltuntergang nicht alles vorbei ist zeigt die Künstergruppe Berlin in ihrer berührenden, filmischen Installation »Zvizdal«. Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc weigerten sich, nach dem Supergau in Tschernoyl evakuieren zu werden und verbrachten derart 30 Jahre in selbstgewählter Isolation, ohne Wasser, Strom und Telefon. Aufführungstechnisch wird dokumentarisches Filmmaterial mit Live-Bildern aus einem Miniatur-Modell vermengt. Ein einsames Biotop im Wechsel der Jahreszeiten. Berührend!

Filmisch-performatives auch bei den Veranstaltungen zu »Die Kinder der Toten«, eine multimediale Rückführung von Elfriede Jelineks Roman an dessen Ursprung in Neuberg an der Mürz /Obersteiermark. Die Abgründe von Heimat sind bei der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin naturgemäß politisch gelagert. Die Texterkundung wird vom Nature Theater of Oklahoma inszeniert, mittels öffentlicher Dreharbeiten, die zu einer freien filmischen Adaption führen sollen. Umfangreiches Begleitprogramm! U. a. wird »Carnival of Souls«, einer der Lieblingsfilme von Elfriede Jelinek, den Wolfgang Mitterer vertonen wird, gezeigt.

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Nature Theater of Oklahoma & Elfriede Jelinek: Die Kinder der Toten. Foto: Ditz Fejer

Soundtracks im Palais Attems

Das Grazer Palais Attems, in dem sich die Festivalbüros des steirischen herbst befinden, wird als Festivalzentrum dem Publikum geöffnet. Neben Performances und Installationen, u. a. von Yoko Shimizu und Jaha Koo, und der performativen Tauschbörse Social Muscle Club wird es auch eine Philosophiekantine geben, wo das diesjährige herbst-Motto »Where Are We Now?« diskutiert werden kann. Die Prunkräume des Palais werden von Walid Raad, der in Beirut das Licht der arabischen Welt erblickte, bespielt. »Kicking the Dead« reicht von den für die Völker des Orient äußerst nachteiligen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg bis zur islamischen Gegenwartskunst. Ein gewaltiger Werkzyklus, der die Auswirkungen von Gewalt und Krieg auf Kultur und Tradition mit dem Bau des Louvre Abu Dhabi in Beziehung setzt.

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Soundtracks: Dope Saint Jude. Foto: Juannes Montes Ilretalack

In die Zukunft weisende Klänge bei Soundtracks. Die bewährte Konzert- und DJ-Reihe beschallt das Festivalzentrum an den Wochenenden. Eröffnungsact zum Festivalauftakt am 22. September: Die Rapperin Dope Saint Jude, die mit Angel-Ho in Kapstadt das südafrikanische Dancefloor-Experimental-Label Non Records gründete. Danach wird Mobilegirl aus Berlin von R’n’B über Dancehall bis Techno auflegen.

Waghalsig und doch wunderschön anzuhören ist die Klangkunst von Hauschka. Am 29. 9. wird sein Live-Set an Techno, Minimal Music, Musique Concrète und Pop andocken.

The Paradise Bangkok Molam International Band (1. 10.) frönt dem Mo Lam, einem traditionellen Stil aus Laos und der nordostthailändischen Isan-Region und würzt diesen mit Psychedelic Pop.

Anna Meredith wird am 7. 10. mit einem Sextett aus Klarinette, elektrischer Gitarre, Celli, Tuba, Schlagwerk und elektronischen Instrumenten auftreten und tönt von allen Soundtrack-Acts am konventionellsten nach Alternative Pop.

Am 8. 10. spielt Cologne Tape, eine deutsche Supergroup (bestehend aus Musikern von Barnt, Von Spar, Battles und The Field), die an Flügel und Synthesizer, Vibraphon und Orgel, Schlagzeug und Gitarre Rockismen zugeneigt ist, aber auch schöne Klangtapeten fertigt.

Orient und Okzident oszillieren am 14.10. in der Musik der israelischen Dancehall-Queen Karma She, und auch der der Münchner DJ Mechatok hebt in seinem Klanguniversum Grenzen auf.

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Soundtracks: Karma She. Foto: Sander Dekker

Auch das musikprotokoll des steirischen herbst wird 50. Mehr dazu in Kürze.

www.steirischerherbst.at