archive-image-placeholder-v2

15 Jahre skug/Laton-Party – 10.11.2005, Szene Wien /// Magda/Richie Hawtin – 11.11.2005, Flex /// Markus Güntner/Massiv/Patrick Testor/Dapayk&Padberg live – 12.11.2005, Ottakringer Brauerei

skug-Chefredakteur Didi Neidharts Techno- und Synthie/Bastardpop-Vorlieben allein sind schon ein stimmiger DJ-Auftakt. Es folgt The Closing, Newcomer aus Österreich, die auch auf dem neuen Anticon-Sublabel Sixmonth veröffentlichen. Schon der Song »Rupture Extract«, zu finden auf der Jubiliee-2CD »Laton: Culmination« (www.laton.at), verweist auf eine Ästhetik wie sie bei 4AD-Acts zu finden ist, jedoch
hat das Trio, bestehend aus Lukas Lehner, Alexander Hengl (Electronics) sowie Sängerin Daniela Auer, seine Wurzeln auch klar im Abstract HipHop. Also ist der Sound, der von »outlandish« Videos begleitet wird, ein durchaus elegischer, der auch in Gefilde schwirrt, die Ensembles wie God Speed You Black Emperor! beackern, aber eben mit schwerer Bodenhaftung samt Beats und Bässen. Philipp Quehenberger ist wie immer eine Offenbarung und Pomassl überrascht gar mit einer eigenartigen »Greatest Hits«-Revue. Irgendwie trägt dieser zunächst peinlich wirkende Mix aus russifiziertem Fake-Englisch (Training für Präsentationen in der Ex-Sowjetunion?) und einer zwischen Genesis P. Orridge, Peter Weibl & dem Autisten von nebenan angesiedelten One-Man-Größenwahn-Show sehr zum Amüsement und Schmunzeln bei. Das war mal unerwartet was ganz Anderes und Alois Huber war mit seinem dubgeerdeten Gig einmal mehr phänomenal. Und schlussendlich setzte Chilo bereits nach Mitternacht in der Szene Wien-Bar der 15-Jahre-Party von skug/Laton mit knallhartem Technosound die Krone auf.

Wieder mal zeigte sich, dass spartenübergreifende Partygäste selten sind. Einzige Konstante neben mir sind Stefanie und Sandra, die bereits die skug-Party hervorragend fanden. Also erkannten wir uns klarerweise im Flex wieder. Wie überhaupt mal was gesagt sein muss zu Partybesuchern. Um was schreiben zu können, ist es immer gut, mit diesen zu reden. Und so stellt sich für mich ein Dilemma heraus. Wie kann man/frau denn Goa gut finden? Selbst bei Dakar & Grinser waren einige Leute dieselben wie bei Richie Hawtin und später doch weniger bei Dapayk&Padberg. Und einige davon gehen zu Goa-Raves. Musiksoziologisch bin ich noch nicht so weit, diesen Code zu knacken. Vielleicht muss ich mich doch mal in die Höhle des Löwen begeben, um herauszufinden, warum denn ausgerechnet Goa von dieser Klientel so goutiert wird?

Also wirklich, Minimal Techno rockt eindeutig mehr. So hat DJ Magda, die weirde Detroiter Undergroundpartys mit Moodymann und Theo Parrish ebenso besuchte wie sie die Electro- und Rocksubkultur New Yorks kennt, Enormes drauf. Ihr größter Einfluss liegt aber in frühen Minimal-Produktionen, was sie für Richie Hawtins »DE 9 Transitions«-Tour (CD erschien bei Novamute/EMI) bestens qualifiziert. Nun, es ist schwer die Unterschiede zwischen Magda und Hawtin herauszuarbeiten. Fakt ist, dass Magda schon als Support das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss wie Richie Hawtin selber. Verdammt heiß ist das, wenn die tiefen Register gezogen werden und die Bässe staubtrocken knallen. Da kann man gar nicht anders, als Abzutanzen bis zum geht nicht mehr. Sowohl Hawtin und Magda sind fulminant. Und erfreulich ist, was Magda selber in einem Interview zum Mentalitätsunterschied zwischen US-Publikum und dem europäischen sagt: »In Europa gehen die Leute zuerst auf die Tanzfläche, während die Amerikaner sich zuerst ein Getränk besorgen und mal nur herumstehen«.

Dank eines Tipps von Sandra und Stefanie habe ich meine Anwesenheitspremiere in der Ottakringer Straße 91/Fesstgasse. Tolles Ambiente. Die Brauerei Ottakring gibt als Party-Location viel her. Und KraftakT.at präsentierte dort die Party »Spätvorstellung«. Die Schnösel versammeln sich lieber am ersten Floor – dort legten wohl Enne (Innvision Rec./Munich) sowie Marcello (Vienna Scientists) einschlägig auf – und ich, der neue Party-Orte ja auch gerne mit Publikumsbefragung erkunde (warum hier, wie’s denn gefällt?) werde gar vom Wort abgeschnitten. Eine wohl geschminkte Frau aus der 2. Zuwanderergeneration, die wie ich an der Theke bestellt, gibt keine Auskunft, außer die: »Du, ich kann mit Dir nicht reden, weil mein Freund steht weiter hinten«. Dabei ging’s mir ja keineswegs um Anmache, sondern nur mal darum, ins Geschehen hineinzufinden. Also rauf auf den Hefeboden, wo der wahre Underground zu Hause ist. Dunklerer Raum, und die wirklichen Soundfreaks waren schon früher dort eingelangt, um sich Techno der massiveren Sorte zu geben. Massiv (Pulverturm München/Spätvorstellung) und Patrick Testor (KraftakT/Spätvorstellung) waren ebenso zugange wie Markus Güntner (Ware/Kompakt/Regensburg). Und klar: Rockender Minimal Techno kickt. So ging bei Markus Güntner phasenweise mehr die Post ab als beim Live-Act: Vergessen wir die misslungenen Visuals und wenden wir uns lieber der Präsenz des seltsamen Paars Dapayk & Padberg aus Berlin (Mo’s Ferry Productions) zu. Niklas Worgt aka Dapayk, der Laptopbeauftragte, ist Vollbartträger mit Kurzhaarschnitt und hat einen Schal übers schwarze Kurzarm-T-Shirt geschlungen. Eva Padberg, die Gesangsdomina, ist größer, schlank, lang-blondhaarig, trägt ärmelloses schwarzes Shirt und ein Gilet drüber. Wenn ich mich nicht täusche, höre ich mal »I am on Fire«, denn die Vocals von Miss Padberg, die übrigens im Hauptberuf Topmodel ist, sind leider nicht zu verstehen. Was aber insofern nicht viel macht, weil ihr wenig überzeugender Gesang durch Übersteuerung und Verschickung durch Effektgeräte doch einigen Mehrwert gewinnt. Damit ist sie nicht die Alibifrau, sondern doch auch soundstiftender, wenngleich bewegunsmäßig eher statischer Bestandteil der Live-Performance. Die natürliche eine ist, weil sich Herr Dapayk, der vormals der Thüringer Break-Beatszene zuzurechnen war, tanzend am Notebook ins Zeug legt. Und doch knackig böllernde Rhythmen rammt, die Girls & Boys zum heftig Tanzen anregen. Auf die Dauer wirkt das Ganze dann doch etwas plump, auch wenn der bastelartig verschachtelte »Tech-House«-Sound eigentlich für Raves ideal sein sollte. Oder mag das auch mit dem späten Konzertbeginn um 2 Uhr früh zusammenhängen?

Jedenfalls: immer gern beobachte ich das jeweilige Milieu. Die T-Shirt-Rückenansicht eines vielleicht Speed einwerfenden Tanz-Maniacs zeigt: »Jesus Even Loves Me«. Und vorn drauf ist eine Kirche abgebildet. Wahnsinn. Church of what? Dom des sich Verlierens im Party-Nirvana? Sandra und Stefanie, meine bayrischen Freundinnen aus Straubing, sind da um einiges cooler, nicht nur wegen ihrer Fashion-Dresscodes unterwandernden Eleganz. Tatsächlich wurden sie zwar durch Markus Güntners Sound sozialisiert, wissen aber als Studentinnen in Wien mit ihrem Zeitbudget umzugehen. Disziplin ist angebracht, um was weiterzubringen, weshalb sich auch der Autor dieser Zeilen nicht in einer Afterhour verlor. Die Schlusssätze überlasse ich also gern Sandra und Stefanie. Ihr Resmümee: »Dem Autor gibt es nicht mehr viel hinzuzufügen. Interessante Location, cooler Sound und zwischendurch sogar bekannte Klänge aus der Heimat! – Gruß an Suite15! (Markus Güntner ist in diesem Regensburger Club Resident DJ)«.

favicon

Home / Musik / Konzert

Text
Alfred Pranzl

Veröffentlichung
13.11.2005

Schlagwörter

Ähnliche Beiträge

Scroll to Top