Grantscherben © Lisa Steffen
Grantscherben © Lisa Steffen

Zwischen Grant und Indie

Ironie und Gesellschaftskritik verpackt in einem Sound, der sich nicht so einfach definieren lassen möchte oder soll. Die junge Band Grantscherben erfrischt mit ihrem lässigen, aber dennoch grantigen Flair die Wiener Musikszene.

Als Grantscherben oder Grantscherm bezeichnet man in Wien einen übellaunigen Menschen. Doch der Begriff bekommt nun eine anderweitige Bedeutung, und zwar als Name der Band, in der die Mitglieder Sissi Guse (Vocals), Jun Kathan (Bass), Benjamin Preisinger (Schlagzeug) und Andrea Grujcic (Gitarre) gemeinsam Musik machen. Die 2024 von Sissi Guse und Jun Kathan gegründete Band widmet sich deutschsprachigem Indie-Pop/Rock mit Jazz-Elementen und surrealen, metaphorischen Texten. Die vier Wiener*innen zeigen aber schnell, dass saubere Kategorisierungen nicht ihr Ding sind und der Wienbezug über den Bandnamen hinausgeht …

skug: Ihr heißt Grantscherben, das ist ein Wiener Ausdruck. Woher kommt der Name und ist Wien ein wichtiger Teil eurer Bandidentität?

Sissi Guse: Unsere Band hat einen Song, der »Grantscherbe« heißt, das ist einer der frühesten Songs, die Jun für die Band geschrieben hat. Vor zirka eineinhalb Jahren hatten wir noch keinen fixen Namen für die Band und ich habe den Titel unseres Songs »Grantscherbe« cool gefunden. Ich fand die Fusion aus Wiener Grant, eben Wienbezug und Scherbe eine interessante Wortkonstellation und hab’ mir gedacht: Warum nennen wir uns nicht einfach so? 

Jun Kathan: Bezüglich Wien als Teil der Bandidentität: Grantigkeit schwingt definitiv in einigen Songs mit und dadurch, dass wir alle aus Wien sind, ist der Bezug jedenfalls vorhanden. Wir haben beispielsweise auch einen Song, der »Donau« heißt. 

Welche Identität habt ihr als Band?

Benjamin Preisinger: Grundsätzlich, würde ich sagen, sind wir sehr offen und behandeln in unseren Texten Themen, die gesellschaftskritisch sind und Menschen unserer Generation betreffen.

SG: Themen wie: Was ist meine Identität als junger Mensch? Wer bin ich? Wie präsentiere ich mich? Und welche Schwierigkeiten gibt es dabei, herauszufinden, wer man eigentlich ist?

BP: Für unsere musikalische Identität haben wir noch keinen passenden Genre-Begriff, es ist eine Mischung aus Pop, Rock und Jazz. 

JK: Und Indie!

BP: Genau. Ich glaube, wir versuchen uns an einer Fusion von Genres, die nicht ganz so klar benannt werden kann. 

Wie ist euer Verhältnis zur Wiener Musikszene? Habt ihr das Gefühl, ihr habt schon durchschaut, welche anderen jungen Bands es in Wien so gibt, und besteht ein Versuch, sich an ihnen zu orientieren oder abzugrenzen?

BP: Wir bekommen das grad so ein bisschen mit, dadurch, dass wir jetzt anfangen, viele Konzerte mit anderen Bands zu spielen, planen, Songs zu releasen, und Produzent*innen kontaktieren. Ich würde nicht sagen, dass wir uns abgrenzen, wir sind gerade im Prozess, alles kennenzulernen. 

SG: Heutzutage ist die Musikbranche in Wien sehr hart für junge Menschen, vor allem für FLINTA*-Personen. Deshalb bringt es wenig, sich als junge Band abzugrenzen. Man muss mit anderen Bands zusammenarbeiten und sich gegenseitig unter die Arme greifen, weil es sonst niemand tut. 

Wie sieht dabei die konkrete Zusammenarbeit mit anderen Bands aus? Ihr habt euer Konzert im Lucia mit den anderen Bands, die aufgetreten sind, gemeinsam organisiert.

Andrea Grujcic: Wir haben das Lucia kontaktiert und es war von Anfang an klar, dass wir das selbst organisieren müssen. Da wir davor nicht wirklich Konzerte gespielt haben, war alles sehr neu für uns. 

BP: Dadurch ist man auch gezwungen, mit anderen Bands gemeinsam zu spielen. Wir kannten ein paar Leute aus diesen anderen Bands, haben sie kontaktiert, sie hatten Lust drauf und es hat sich dann so ergeben.

AG: Wir hatten Glück, dass sie ein bisschen mehr Erfahrung hatten als wir. Sie haben uns sehr viel geholfen und helfen uns auch weiterhin.

SG: Ich fand’s auch toll, denn jede Band hatte ein bestimmtes Wissen oder bestimmte Skills, die allen anderen auch geholfen haben. 

Konkurrenzdenken scheint dabei gar kein Thema zu sein, verstehe ich das richtig?

SG: Es bringt einen selbst nicht weiter, man muss den anderen auch den Erfolg gönnen und sich freuen können. Nur dadurch kann man seinen eigenen Erfolg genießen. 

Gibt es spezifische Künstler*innen oder Elemente bestimmter Künstler*innen, die euch in eurer Musik beeinflussen?

JK: Wir alle hören sehr viel Musik und unterschiedliche Genres, wodurch viele Einflüsse zusammenkommen. Dabei würde ich nicht sagen, dass wir uns nur von spezifischen, konkreten Künstler*innen inspirieren lassen. 

BP: Aber es gibt schon auch stellenweise konkrete Einflüsse, die man anführen kann, wie zum Beispiel Buntspecht. 

JK: Ja, stimmt. Buntspecht und Bilderbuch sind zwei Bands, bei denen ich das Gefühl habe, dass eine Ähnlichkeit durch die Surrealität der Texte besteht. 

SG: Als Sängerin bin ich noch mitten im Prozess, meine Stimme zu finden. Man wird immer ein bisschen durch das, was man gerade hört, angehaucht sein. Es gibt aber auch bestimmte Einflüsse, bezüglich Klangfarbe ist MOLA eine große stimmliche Inspiration für mich. 

Habt ihr eine künstlerische Vision oder ein Mantra? Gibt es etwas ganz Bestimmtes, das ihr mit eurer Musik transportieren wollt?

SG: Ich finde es wahnsinnig schwierig, nur eine Vision zu haben, denn als Band kommen ganz unterschiedliche Persönlichkeiten und Einflüsse zusammen. Vor allem auch, weil wir noch nicht jahrzehntelang gemeinsam arbeiten und das Schöne an einer Band ist auch, dass so viele verschiedene Menschen und deren kreative Inputs aufeinandertreffen.

BP: Mir ist generell wichtig, dass wir Variation in unseren Songs haben und jeder Song anders klingt als der davor. Dabei finde ich es eben gut, dass viele Einflüsse aufeinandertreffen und wir uns nicht festlegen.

JK: Die Surrealität der Texte im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen Themen ist ein wichtiger Anhaltspunkt. Mein persönliches Mantra ist, diesen gesellschaftskritischen Inhalt auf eine andere, abstrakte Weise zu präsentieren.

Eure Lyrics sind surreal und evokativ, gleichzeitig sind sie sehr bildlich und alltagsnah. Wie sieht hierbei der Prozess aus, basieren sie auf Ereignissen, die dann in Bildern zusammengefügt werden?

JK: Prinzipiell beginnt das Songwriting bei uns mit dem Bass. Ich entwickle eine Melodie und arbeite dabei dann intuitiv mit ganz vielen Worten. Meistens bleibt es so stehen, wie es ist. Ich finde, der Bass hat selbst auch etwas sehr Grantiges.

SG: Wenn man sich mit unserer Musik auseinandersetzt, merkt man, dass Gesang und Bass in einer direkten Verbindung stehen und sich entweder ergänzen oder übereinstimmen. Da der Schreibprozess mit dem Bass verbunden ist, steht an erster Stelle immer der Bass. Dann kommt die Melodie, der Gesang und der Rest.

BP: Kommt eigentlich ja auch selten vor, dass der Bass das Instrument ist, das als erstes steht. 

Das ist mir auch sofort aufgefallen. 

SG: Der Bass ist teilweise wirklich das Mantra des Songs, beziehungsweise der Rahmen. Es ist das, was catchy ist. 

AG: Wenn ich alleine probe, habe ich auch den Bass immer im Kopf. Es ist schwierig für uns, wenn Jun nicht beim Proben dabei ist. Genau da haben wir letztens auch gemerkt, wie viel der Bass ausmacht. Es ist nicht so, dass wir uns alle gemeinsam hinsetzen und musizieren. Gemeinsam passiert dann nur noch die Ausarbeitung. 

SG: Aber der gemeinsame Prozess ist auch ein Ziel, denn es wird immer einfacher, neue Dinge auszuprobieren, weil wir uns immer besser kennen und es weniger unangenehm ist, voreinander zu improvisieren. In Zukunft wäre es schön, mehr gemeinsam Songs entstehen lassen zu können. 

Ben und Andrea, inwiefern verhilft dabei eure Beziehung zu euren Instrumenten? Ist da bereits Freiraum gegeben durch eine gewisse Sicherheit in euren Instrumente, die so einen gemeinsamen, teils improvisierten Prozess zulässt? 

BP: Ich spiele seit 13 Jahren Schlagzeug und habe in der Musikschule viel Technik und unterschiedliche Genres kennengelernt. Ich versuche das in den Liedern auch wiederzugeben. Ich fühle mich eigentlich schon sehr sicher in meinem Spiel, was den Songprozess natürlicher macht. 

Diese Sicherheit gibt wahrscheinlich mehr Raum zur Improvisation.

BP: Ja, genau. (Bekommt impromptu eine Idee für einen Song und fragt nach einem Stift, um sie aufzuschreiben.)

AG: Ich spiele seit sieben Jahren Gitarre und habe in der Musikschule auch teilweise Improvisation gemacht. Doch nicht annähernd genug, um mich sicher dabei zu fühlen. Als ich in die Band gekommen bin, habe ich mich nicht dabei wohlgefühlt, viel auszuprobieren, da ich Angst hatte, Fehler zu machen. Aber ist einfach eine Übungssache.

SG: Mittlerweile spielt Andrea sogar Keyboard bei uns und kann auch noch singen. 

Du machst ja die Backing Vocals, richtig?

AG: Ja, genau. Klavier kann ich eigentlich aber gar nicht, nur wenn es mir jemand vorzeigt. Das liegt daran, dass ich nie versucht habe, die Theorie hinter einem Musikinstrument komplett zu verstehen. Mein persönliches Ziel ist es, mich dahinterzuklemmen und Dinge auszuprobieren. Das Wissen um das sichere Umfeld, das wir als Band geschaffen haben, macht das auf jeden Fall einfacher. 

Heutzutage ist Social Media ein wichtiges Tool für Bands zur Promotion und zur Etablierung einer bestimmten Ästhetik. Ihr seid ja auch auf Instagram, TikTok etc., wie ist euer Verhältnis dazu? Fühlt ihr euch dazu gezwungen, eine Online-Präsenz zu haben, macht ihr es gerne oder ist es einfach selbstverständlich?

SG: Ich kümmere mich zu 90 Prozent um unsere Social-Media-Präsenz und sorge für unseren Content. Für mich persönlich ist es eine Hassliebe, weil Social Media heutzutage viele Möglichkeiten eröffnet. Aber es ist auch frustrierend und anstrengend, weil alles viel schneller passiert als im analogen Leben. Man kann selbst nicht ganz nachvollziehen, wie der Algorithmus operiert, was gepusht wird und aus welchem Grund. Durchdachter Content erregt oft weniger Aufmerksamkeit als seichterer Content. Ich bin natürlich schon dankbar für die Möglichkeit, mehr Menschen erreichen zu können, aber das dauerhafte Gefühl, erreichbar und zugänglich sein zu müssen, ist anstrengend. Man bekommt Angst, dass, wenn man sich nicht jeden Tag zeigt, sich niemand für einen interessiert. Als junger Artist läuft man Gefahr, sich in Trends zu versteigen und sein Ziel aus den Augen zu verlieren.

AG: Unsere Musik wird immer priorisiert.

SG: Social Media wird aber wahrscheinlich erst dann wirklich wichtig für uns, wenn wir aktiv für unsere Veröffentlichungen werben müssen und nicht einfach nur Einblicke in unser Bandleben bieten.

Was sind die nächsten Schritte und Ziele für euch? Ihr habt schon Arbeit mit Produzent*innen angesprochen.

BP: Wir spielen im Juli beim Auszeid Festival in Wels. Dieser Auftritt ist aufregend, weil es schon ein größeres Event ist. Sonst steht auf dem Plan, Musikvideos zu drehen, mit Produzent*innen zusammenzuarbeiten und endlich unsere Musik rausbringen. Wir hoffen, im Oktober und November anfangen zu können, Songs aufzunehmen. Im September machen wir auch beim Planet Festival Tour Bandwettbewerb mit und hoffen, dass wir die erste Runde bestehen. Das ist eine coole Möglichkeit, mehr Menschen zu erreichen.

Sissi, beim Konzert im Lucia Ende April hast du euren Song »Anastasia« vorgestellt, indem du gesagt hast, jede Indie-Band müsse ein Lied mit einem Frauennamen als Titel haben, somit ihr auch. War das eine bewusste ironische Aussage? Habt ihr das Gefühl, ihr müsst Genre-Erwartungen entsprechen?

SG: Ich will klarstellen, dass das unabgesprochen war und im Moment passiert ist. Es ist schon klar, dass wir ein Genre-Label haben müssen, wenn wir uns beschreiben. Wenn Menschen fragen, was wir machen, dann ist der Begriff Indie-Pop am naheliegendsten oder am einfachsten zu erklären. Obwohl es ja viel mehr ist für uns. Diese spezifische Aussage ist entstanden, weil ich denke, wenn man sich präsentiert, darf man sich auch nicht zu ernst nehmen. Mir ist wichtig, dass man alles mit Humor nehmen kann. Es ist ein Klischee, das über dieses Genre existiert, und meistens ist es so, dass ein heterosexueller Mann einen Song für eine heterosexuelle Frau schreibt.

JK: Unser Song ist fast genau das Gegenteil von diesem klassischen Indie-Lied, weil es um eine lesbische Beziehung geht und dadurch hier eine Diskrepanz entsteht. Die Ironie der Aussage rührt daher, dass der Song also aus der Perspektive einer Frau für eine andere Frau geschrieben ist. Noch dazu ist es kein Liebessong, sondern ein Trennungssong. Was das Genre Indie angeht, glaube ich, dass dieser Begriff in den letzten Jahren auf etwas Spezifisches geprägt worden ist. Nämlich heteronormative weiße Cis-Männer, die über Liebe singen. Aber Indie bedeutet ja eigentlich auch, dass man aus klassischen Genres ausbricht und etwas anderes macht.

Deshalb finde ich die Aussage von Sissi auch so spannend, weil dabei ja auch der Bruch mit Konventionen mitschwingt. 

SG: Es ist auch nicht als Angriff formuliert. Wahrscheinlich ist es der Versuch, einen bestimmten Zustand abstrakt und mit Humor zu offenbaren.

JK: Bei unserem Song »Grantscherbe« ist das Ironische auch stark vorhanden. Es ist immer schwierig, über gesellschaftliche Themen zu sprechen, dabei macht es Sinn, mit einer gewissen Leichtigkeit und Lässigkeit mit Themen umzugehen. 

SG: Mir wurde beim letzten Konzert rückgemeldet, dass mein Gesang beim Lied »Grantscherbe« an Nina Hagen erinnere. Der Einfluss war mir nicht bewusst, aber ich fand es interessant, weil sie auch eine Künstlerin war, die sich gegen Konventionen aufgelehnt hat, aufgefallen ist und grantig war. Sie hat sich nicht glattbügeln lassen.

Dann ist euer Name perfekt gewählt.

JK: Bei unserem Namen besteht vielleicht auch die Assoziation mit einer Punk-Rock oder Heavy-Metal-Band. Der Begriff ist ja eigentlich auch heftig, aber wir fassen ihn ironisch auf. 

SG: Der Name Grantscherben ist ja auch wahnsinnig wienerisch geprägt. Es besteht vielleicht die Vorstellung, dass man zu einem Konzert einer Band geht, die im Wiener Dialekt singt. Da, finde ich, ist auch eine Diskrepanz vorhanden, weil ich im Hochdeutschen singe. Widersprüche sind ein großer Teil unserer Identität.

Eine Scherbe ist ja auch nicht glatt. 

SG: Genau. 

Noch zuletzt, seid ihr Grantscherben im wienerischen Sinne?

JK: Innerhalb der Band identifiziere ich mich als Grantscherbe. »Du bist eine Grantscherbe« fühlt sich richtig an. Aber ich persönlich bin nicht wirklich eine grantige Person. 

BP: Nein, ich bin ein sehr gelassener Mensch. Obwohl, doch. Ich kann schon aus der Haut fahren. 

AG: Ich habe so noch nie darüber nachgedacht. Aber aufeinander sind wir sicher nicht grantig. 

Ihr seid reinterpretierte Grantscherben. 

SG: Genau. Ich bin Sängerin einer Band, die nun mal Grantscherben heißt und auch teilweise grantige Musik macht. Es ist klar, dass ich das bei Auftritten zu einem gewissen Grad verkörpere. Ich tue auf cool, ironisch und eben grantig. Es ist Teil unserer Kunst. (Zitiert Song:) »Ich bin eine Grantscherbe, du bist eine Grantscherbe. Wir sind beide Grantscherben.«

JK: Wir sind grantig in Bezug auf die Gesellschaft. 

SG: Auf das System.

Für alle, die Grantscherben live erleben möchten, gibt es bei ihren nächsten Auftritten am 3. Juli 2026 im Alten Schlachthof Wels, am 25. September 2026 in der Szene Wien beim Planet Festival Tour Bandwettbewerb und am 21. Oktober 2026 im Loop in Wien die Möglichkeit. 

Link: https://www.instagram.com/_grantscherben_ 

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