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Zwischen den Fronten

Drei Bücher mit Einzelschicksalen. Bücher über Menschen, die nicht immer freiwillige Akteur*innen ihrer je eigenen Lebensläufe sind. Große Empfehlung: Die Erzählungen von Serhij Zhadan, David Van Reybrouck und Ljubko Deresch haben mehr oder weniger lose Verbindungstränge und sind aktueller denn je.

Im Konflikt zwischen den Separatist*innen, pro-westlichen Ukrainer*innen und Russland wird – wie in jedem Krieg – eines immer schnell vergessen: Der Krieg wird von Menschen geführt, die – so selbstverständlich das auch klingt – alle ihr eigenes Schicksal haben. Zwänge, falsches Bewusstsein, fehlende Informationen oder einfach nur Pech können Gründe für das Handeln in Krisensituationen sein. Wer auf welcher Seite steht, ist oft nur ein tragischer Zufall.

Geschichte entsteht, ob man es will oder nicht

Serhij Zhadan, einer der wichtigsten Intellektuellen der Ukraine, spricht in »Warum ich nicht im Netz bin – Gedichte und Prosa aus dem Krieg« von seiner Reise durch den Osten des Landes. Er ist Musiker, beschäftigt sich mit Sprache und ihrer Wirkmacht, besonders in Zeiten des Krieges – weiß, wie sie vereint und entzweit. Und er beherrscht es, die Polyphonie der Stimmen in seiner eigenen Sprache zu vereinen. In seinen Gedichten sprechen die verschiedensten Stimmen, die ihm über den Weg laufen. Menschen, die den Aufstand am Maidan bekämpften, und später die Separatisten. Kaum nachzuvollziehen, was passiert und wieso. Wieso wer was tut und wieso nicht anders. Es geht um den Alltag und das Leid, um die Wirren des Krieges, um Heimat: »Heimat fängt für uns alle dort an, wo wir landen nach der Vertreibung aus dem Paradies.«

»Der Winter 2015.
Niemals kommt der Tod allein –
ihm folgt die Erinnerung hinterdrein –
an ihr wird gelitten, sie wird gefürchtet.
Schau, ich leb noch, ich habe zwei Herzen,
mach etwas mit ihnen, mit diesen zwein.«

Serhij Zhadan: »Warum ich nicht im Netz bin – Gedichte und Prosa aus dem Krieg«, Edition Suhrkamp, 180 Seiten, EUR 16,00

Spiegelbild einer sich wandelnden Nation

Der belgische Schriftsteller, Historiker und Archäologe David Van Reybrouck, der bekannt ist für sein fundamentales Werk über den Kongo, behandelt in seinem Essay-Roman »Zink« die Geschichte von Neutral-Moresnet, einem Minigebiet zwischen Belgien, Preußen/Deutsches Reich und den Niederlanden, und ruft das völlig absurde Geschehen im Laufe der Grenzkonflikte 1816–1918 in Erinnerung. Anhand der Lebensgeschichte des Protagonisten, der das Pech hatte, am falschen Ort geboren zu sein, zeigt Van Reybrouck, wie kontingent doch diese meist händisch gezogenen Linien sind. Die Nationalität des Helden der Erzählung ändert sich ungewollt unzählige Male, er kämpft im Krieg gegen seine eigene Familie und wird letztlich zum Spielball der Geschichte. Oder eher ein Flummi. Bizarr das alles. Zum Teil todtraurig. Doch der Mikrokosmos hatte auch seine ganz eigene Magie. So sollte aus der Mikronation der erste Staat mit Esperanto als Landessprache entstehen. Einzelne Kneipen begannen, mehrsprachige Schilder anzubringen. Die Hauptstadt sollte den Namen Amikejo bekommen – Ort der Freunde.

David Van Reybrouck: »Zink«, Edition Suhrkamp, 86 Seiten, EUR 10,00

Heraufbeschwörung Yog Sotoths in Midni Buky

Ljubko Dereschs Bibliographie begann fulminant mit seinem Erstling aus dem Jahr 2002: Jurko Banzai, Lehrer und Psychonaut, Hauptfigur von »Kult«, hört King Crimson, Van der Graaf Generator und nimmt Drogen. Er brennt für Literatur, übt sich in luzidem Träumen, scheint hochbegabt und voller Energie und auf der Suche nach Identität. Ein junger Mann in der Post-Sowjet-Ukraine eben, mit interessiertem Blick in den Westen. Nach einer frühen Jugend mit intensiven Drogenselbsttests und einem Studium der Biologie wird Banzai nach Midni Buky geschickt, um an einem seltsamen College als Biologielehrer zu fungieren. Wenn er nicht in seinem erbärmlichen Büro oder seiner ebenso erbärmlichen kleinen Wohnung hockt, verfolgen ihn Ausnahmeerfahrungen der psychischen Art auf selbstveranstalteten Partys. Die Grenzen von Traum, Vision, Wirklichkeit und Wahnsinn lösen sich immer mehr auf. Wie auch sein kleines Meisterwerk »Intent!« ist »Kult« ein psychedelischer Trip, irgendwo in der Nähe von Lovecraft und Robert A. Wilsons »Illuminatus«. Es passiert viel und das schnell. Interessant sind die Fußnoten: Viele Wortspiele und -witze sind für nicht Muttersprachler*innen nicht zu verstehen. Auch die sprachlichen Unterschiede zwischen Ukrainer*innen und Russ*innen finden Erwähnung, beispielsweise in der Form der Anrede: »Privyt« (ukr.) oder »Privet« (russ.). Ein Ausschnitt aus dem Kopf eines jungen Ukrainers. Dem gefeierten Buch folgten »Die Anbetung der Eidechse oder wie man Engel vernichtet« (2006) und »Intent! Oder die Spiegel des Todes« (2008). Danach wurde es leider – in deutscher Sprache (!) – ruhig um den Autor. Zurzeit berichtet er über soziale Netzwerke vom Krieg.

Ljubko Deresch: »Kult«, Edition Suhrkamp, 259 Seiten, EUR 12,00