Zurück zu den (Elektro-)Zwitschereien - Picknick am Wegesrand, 08.+15.09.2005 im Palais Donaustadt

Während die Adligen des 17. Jahrhunderts beim Picknick im Freien noch den Vögeln lauschten, zieht es die heutigen Hobbyaristokraten in die beschaulichen Urbanitäten irgendwo zwischen Hochhauskomplex und Baugrube. Dass die Schwäche für Vogelgezwitscher der Liebe für elektronische Klangerzeuger gewichen ist, wirkt angesichts dieses Umfelds mehr als schlüssig. Mit dem »Picknick am Wegesrand« konnte man solcherlei Leidenschaften an vier Donnerstagen im September ausgiebigst fröhnen und so ganz nebenbei das »Who-is-who« der Wiener Elektronica- und Improv-Szene kennenlernen.

Donnerstag #1

Kaum hatte man die Decke ausgebreitet, den Wein geköpft und sich von seinen müffelnden Sneakers befreit, sprang einem sofort ein ganzes Bündel von Irritationen ins Auge. Zum Beispiel die Frage, weshalb sich der Mond (dessen Double in Wahrheit nur ein weiß illuminierter Ballon war) ausnahmsweise mal doppelt zeigte, obwohl sich der Alkoholpegel noch nicht im Einser-Bereich einpegelte. Oder wie es möglich war, solch eine wohlige Atmosphäre mit so kargen Mitteln zu erzeugen. Ein paar Meter weiter dampfte das Chili Con Carne aus den Töpfen, auf den weißen Mauern tänzelten vier projizierte Roboter hin und her, ein übermütiges Kind kippte einer gutbetuchten Frau im Vorbeihüpfen das Bier über die Hose. Alles also in gewohnter Ordnung.

Während die Feierabend-Passanten oben noch zögerlich glotzten, machte sich der völlig vertiefte RUPERT HUBER (G-Stone) daran, das Areal unterhalb des Wegesrandes mit weichen Rhodesklängen auszufüllen. Die letzten (sowieso nicht picknickgerechten) Stehplätze wurden zu Sitzplätzen, man lauschte bedächtig den Gesprächsfetzen die sanft mit den warmen Klanggebilden aus den Lautsprechern intonierten. Nach einem kurzen Moment der Abwesenheit drehte man sich um und schon wurde dasselbe Piano von einem in freie Improvisationen versunkenen OSKAR AICHINGER bedient. Wieder einen Augenblick geträumt und es standen MIEZE MEDUSA und TENDERBOY auf der Bühne, intensiv gestikulierend, von intelligentem Elektro-HipHop unterstützt. Die Acts reihten sich aneinander wie Steine an einer Kette aus dem Hause Habsburg, innerhalb einer Viertelstunde wurde von HipHop über Hardcore-Improvisationen zu Reggae gesprungen. Glücklicherweise färbte diese außerordentliche Rasanz nicht auf die bestechend-wohlige Stimmung auf dem weiträumigen Gelände ab. Und immer wieder tauchten besonders hervorstechende Perlen auf: Zum Beispiel der ausgefuchste RAINER BINDER KRIEGLSTEIN, der im Duett mit seinem MiniDisk-Player am Schlagzeug äußerst groovende Rhythmuskonstruktionen hervorzauberte. Bei diesem Groove störte auch der kleine Junge nicht, der sich zu Rainer gesellte und das tiefe Tom mit ausdauerndem Elan bearbeitete.

Gegen halb zwölf vernahm man dann ein überraschtes Raunen in der Menge. Ein seriös gekleideter Herr (Oh, SCHLAMMPEITZIGER!) ließ von seinen vertrackten, schön auf Visuals und Styling abgestimmten Beats ab, um vor Mischpult und Laptop zu treten und in Persona vorzustellen, wie Kaspar Hauser als elektrohungriger Freak mit Zipfelmütze über dem Gesicht wohl getanzt hätte. Auf der Leinwand verrenkte sich eine puppendoktorreife Spielfigur in einem Spinnennetz aus Stromleitungen, hopste beatgerecht-hilflos auf und ab. Da fehlte nur noch, dass auch das UNO-Hochhaus im Takt mitswingte. Welch feine Abendunterhaltung!

Donnerstag #2

In Begleitung einer überzeugten Elektronikskeptikerin ging es in strengem Marschschritt zum zweiten Teil des Picknickzyklusses, pünktlich zu einem der wohl hinreißendsten und abgedrehtesten Duos des Wiener Musikbetriebes – GOOD ENOUGH FOR YOU. Auf dem Holzpodest standen eine Bierkiste und eine mädchenhafte, eher kleinwüchsige Dame, die einer Klarinette sämtliche denkbaren Schrägheiten abgewann. Sie bediente später dann mal eine einsaitige, selbstgebaute Axt-Gitarre (die allerdings nach ein paar Minuten wegen eines Wackelkontaktes den Geist aufgab) und sang herzerweichend-naiv in das Mikrophon, welches sie durch die Bierkistenkonstruktion gerade noch erreichte. Neben ihr – ohne Bierkiste – völlig in Akkordfetzereien versunken, prügelte ein wie für den Auftritt einer Schul-Black-Metal-Band gekleideter Herr auf seine E-Gitarre ein. Was für das Ohr nach einer schnuckeligen Homerecording-Schrammelei klang war für das Auge einer der süßesten Auftritte unter diesem feinen Ballonlicht.

Nach sympathischer Ansage betraten eine Reihe von Soundscape/drone-Schaffenden die kleine, unterdachte Bühne. Lauschend, der kühlen Luft trotzend, wurde die bewährte Picknick-Haltung auf dem Boden vor der Bühne eingenommen. Als erster mosz-Act des Abends schafften es LOKAI, monströseste Soundwände mit präparierter E-Gitarre und einem ruhigen Händchen am Laptop aufzubauen, die selbst meiner elektronikverdrossenen Begleitung den Atem nahmen. Die zwei Pioniere von METALYC??E (ebenfalls mosz) glänzten weniger durch gigantische Klangwände als vielmehr aufgrund eines vielschichtigen Stilbruches, der irgendwo zwischen Death Metal, Drum’n’Bass und Industrial hin und herschwankte. Deren musikalische Codes wurden scheinbar zufällig miteinander verbunden, decodiert und in eine für Laptopmusik vorbildliche Live-Performance eingebaut.

So großartig ging es jedoch nicht den ganzen Abend zu. Später vollbrachten es LAURA RUDAS (SPÖ-Wien!) und BARCA BAXANT beispielsweise nicht einmal, einen Track fließend in den Folgenden übergehen zu lassen, man schweige einmal über die Poserei, mit der sie ihre technische Imperfektion zu kaschieren versuchten. Trotzdem verschwanden beim Picknick zu Füßen der vielen Glasgiganten, urbanen Freiflächen und Erholungszentren nie das so familiäre Gefühl, der ehrliche Enthusiasmus, und die Experimentierfreude, die man gerade von Seiten der Veranstalter und etlichen freiwilligen Helfern spüren konnte.