Willkommen in 1Q84

Haruki Murakamis neues Mammutwerk »1Q84« präsentiert sich in gewohnt skurril-fesselnder Weise. Beschreibung einer Leseerfahrung.

Zwei Monde stehen am Himmel über Tokio. Wieder einmal ist etwas im Gange, das einfach nicht erklärt werden kann. Und Schuld ist allein dieser verfluchte Japaner. Murakami hei&szligt er. Wenn ein neues Buch von ihm erscheint, dann schlaf ich nicht mehr so gut. Bei seinem jüngsten Werk, »1Q84«, war es wieder das gleiche wie bei seinen Vorgängern.

Eine ziemliche Gemeinheit ist, dass die Handlung, wie schon bei »Hardboiled Wonderland«, aus zwei sich abwechselnden Perspektiven erzählt wird. Wenn also die weibliche Hauptdarstellerin Aomame, was soviel wie »grüne Erbse« bedeutet – solch findige Namen sind eine Vorliebe Murakamis – gerade im Begriff ist eine verbotene Treppe hinunterzusteigen, dann ist das Kapitel fertig und weiter geht’s mit ihrem männlichen Gegenstück Tengo. Da aber auch der gerade eine absonderliche Zeit durchmacht, hat man keinen Frieden, wenn sein Abschnitt endet. Und beim Lesen schlurft so ein Gefühl daher, dass Murakami das mit purer Absicht macht.

Das Verzwickte daran ist die ständige Spannung, und der Wunsch, so schnell wie möglich zu erfahren, was denn als Nächstes passiert. Andererseits will man nicht, dass das Buch einen Schluss hat, denn der verfluchte Japaner ist halt ein echter Könner. Einer von der Sorte, die ihren LeserInnen mindestens zehn sprachliche Leckerbissen pro Seite serviert und zur Auflockerung Beschreibungen einfügt, die so plastisch sind, dass man glaubt, die Gegenstände und Szenen mit den Händen aus den Seiten herausnehmen zu können. Wie in jedem Murakami-Buch sind auch in »1Q84« die Vergleiche eine Klasse für sich. Ausgefallen, witzig, Grund für Peinlichkeiten in der U-Bahn, wenn man laut heraus lacht. Murakami schafft es jedes Mal, den/die Leser/in in die Geschichte hineinzuziehen. Nicht dass man sich mit den Hauptcharakteren identifizieren würde, aber man lebt mit ihnen mit. Man ertappt sich dabei, dass man bei einem Satz wie »Aomame verzog das Gesicht« selbst das Gesicht verzieht oder sich ebenso wie Tengo über die Ausdrucksweise eines Nebencharakters wundert. Dabei sollte man es als flei&szligiger Murakami-Leser gewohnt sein, sich zu wundern. Was in seinen Welten geschieht, kann nicht verstanden, sondern darf höchstens interpretiert werden. Und auch das ist eher fehl am Platz.

Murakamis Geschichten wirken. Ob mit Interpretation oder ohne. Was in seinem neuen Buch geschieht, ist unerhört. Die beiden Hauptcharaktere sind sehr typisch für seine Arbeit. Sie haben im Grunde genommen keine Freunde, was ihnen aber gut passt, da sie Einzelgänger sind. Sie lesen viel, sind gebildet, stehen auf klassische Musik, auf Bier und gutes Essen. Sie treiben viel Sport, haben zwar ein paar Fehler, sind aber grundsätzlich körperlich attraktiv und räumen Sexuellem keinen übertrieben starken Platz in ihrem Leben ein, sondern sehen es beide als eine rein körperliche Erscheinung, nicht anders als Hunger, Müdigkeit oder Harndrang.

Tengo ist Lehrer und Autor. Er arbeitet zusätzlich für einen Verlag, der einen Preis für das beste Erstlingswerk vergibt. Bei dieser Tätigkeit fällt ihm das Manuskript der 17-jährigen Autorin Fukaeri in die Hände. Fukaeris Geschichte hat eine gewaltige Anziehungskraft auf Tengo, ist aber holprig geschrieben. Er entschlie&szligt sich, das Manuskript mit ihrer Erlaubnis zu überarbeiten und in der neuen Version einzureichen. Die Folgen, die die Änderung des Manuskripts mit sich bringen, krempeln Tengos Leben komplett um.

Aomame hingegen ist in einem anderen Bereich tätig. Sie beseitigt Männer, die ihre Frauen misshandeln, mit Hilfe einer eigens entwickelten Waffe. Nebenher arbeitet sie in einem Sportstudio. Eines Tages bemerkt sie, dass am Tokioter Himmel zwei Monde stehen. Au&szligerdem liest sie in alten Zeitungsausgaben von Begebenheiten, die völlig abstrus für ihre Vorstellung des Jahres 1984 klingen. Aufgrund dieser Veränderungen beschlie&szligt sie, die Parallelwelt in die sie geraten ist, »1Q84« zu nennen. Ach ja, eins noch: Das Buch umfasst die ersten beiden Teile einer Trilogie. Wem es also geht wie mir, wer beim Lesen hofft, dass »1Q84« kein Ende hat, kann sich zumindest über die Aussicht auf Teil drei im Jahr 2011 freuen. Dann geht die sü&szlige Qual von vorne los.

Haruki Murakami: »1Q84«, ?bersetzt von Ursula Gräfe. Köln: Dumont 2010, 1.024 Seiten, EUR 32,-