Wenn der Postmann zweimal zupft

Kaum wie eine ruhige Basslinie: Der Kontrabassist und Komponist Charles Mingus führte ein bewegtes Leben. Doch sein fließendes Spiel setzte im zeitgenössischen Jazz neue Akzente.

Als einer der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts erzählt der »sprechende Bass« seine ausgedehnte Lebensgeschichte gleich selber. Die schillernde Autobiographie lautet »Beneath The Underdog« (1971 im Amerikanischen erschienen). Ein Leben als Underdog oder wie der Titel es drastischer illustriert, noch unter dem eines Underdogs. Charles Mingus kannte die verzweifelte Bitterkeit und den Hass, die aus dem Rassismus der amerikanischen Gesellschaft rührten. Die »tageszeitung« (taz) hielt 1981 zur deutschen Erstausgabe fest: »Mit dieser Autobiographie meldete Mingus als farbiger Amerikaner seinen Protest gegen das Gesellschaftssystem der intoleranten, weißen Mehrheitsgesellschaft der USA an (…) Hätte er nicht gelebt, Musik kreiert und dieses Buch geschrieben, der zeitgenössische Jazz und zumindest die schwarz-amerikanische Literatur wären unendlich viel ärmer.«
Charles Mingus, ein unbezweifelt kreativer Kopf, stand sich mit seiner impulsiven Art leider oft selbst im Wege, worunter seine ausgezeichneten Mitmusiker zu leiden hatten. Nicht selten mussten sie sogar die Wange hinhalten. Dem Posaunisten Jimmy Knepper etwa schlug Mingus im Streit einen Zahn aus. Auf der Europatournee 1964 kam es zwischen Eric Dolphy und Mingus beinahe zum Eklat. Mingus knallte dem Veranstalter Ralf Schulte-Bahrenberg die Begrüßungsblumen um die Ohren, weil dieser auf dem Konzertplakat nicht ihn als Bandleader, sondern den Multiinstrumentalisten Dolphy abbilden ließ. Selbst Schlagzeuger Dannie Richmond, ein enger, musikalischer Weggefährte, verließ ihn anfangs der 1970er-Jahre (kehrte aber nach einiger Zeit wieder zurück). Charles Mingus war sich seiner Schwächen bewusst und zeigte sich im Nachhinein oftmals reuig. Seiner Autobiographie entnehmen wir: »Ich bin drei – »der kühle Beobachter«, »das ängstliche Tier«, das, um sich zu verteidigen, angreift und »das liebevolle, sanfte Wesen«, das ausgenutzt wird und dann auch gegen sich selbst zum Berserker wird.«

Bass-Berserker und gedachte Noten
Ungeachtet ob diesen Grobheiten und Ausfällen, Charles Mingus beherrschte sein wuchtiges Instrument wie niemand zuvor und entlockte ihm einen kernigen Klang. Zudem war sein flinkes Bogenspiel ausgereift, die Intonation saß Ton für Ton. Der Bass liefert normalerweise die harmonische Basis, über die sich die Musiker bewegen können. Er ist das Rückgrat eines Jazzensembles und übernimmt rhythmische Aufgaben. Damit alleine aber gab sich der Bass-Berserker nicht zufrieden. Wenn sich Mingus zwischendurch nicht ans Piano setzte, komponierte er unentwegt. Dabei kamen ihm die Erfahrungen zugute, die er ab 1953 mit dem Jazz Composers Workshop gemacht hatte, worauf Mingus von den eigentlichen ausgeschriebenen Partituren zunehmend wegkam. Seine Kompositionen glichen mehr einer Gerüstform, sozusagen »gedachtes Notenpapier«. Bandleader Mingus spielte seine Ideen den Sessionmusikern jeweils auf dem Klavier vor, bis sie mit der Interpretation und den Tonskalen- und Akkordprogressionen der Komposition vertraut waren. Das ging wahrscheinlich mit seiner Vorstellung des Prozesshaften und Situativen einher, mit denen er die Musiker dazu aufforderte, sich von den Bebop-Gewohnheiten zu lösen. Seine Stücke verbinden den Modern Jazz mit den Übergängen zur Neuen Musik und tragen teilweise die Wurzeln des Gospel und Blues. Markant sind auch die regelmäßigen Zeit- und Stimmungswechsel innerhalb einer Komposition. Der mittlere und späte Mingus liebte die großen Bögen, die dramaturgisch weite Distanzen zu bewältigen vermochten.
Ein schlagkräftiger Musiker mit einem großen Instrument verlangt nach einer starken Frau. 1951 lernte Mingus seine erste Frau Celia Nielson kennen, die für ihn das Management übernahm. 1958 kam es zur Trennung, weitere Krisen folgten sogleich. Mingus ließ sich in eine psychiatrische Anstalt einweisen und bekam starke Beruhigungsmittel verabreicht. Seine Emotionen konnte er nur schwer unter Kontrolle halten und beschimpfte so auch weiterhin das Publikum oder zertrümmerte auf der Bühne gerne mal den Bass. Hinzu kamen hohe Schulden. Zeitweilig musste er sein Leben auf einer Poststelle verdingen, was nicht darüber hinweg half, dass seine Wohnung zwangsgeräumt wurde. Mingus starb 56-jährig an einem Herzanfall.

Biographisches
Charles Mingus wurde am 22. April 1922 in Nogales (US-Militärbasis), Arizona geboren und starb am 5. Januar 1979 in Cuernavaca, Mexiko. Er verlor früh seine Mutter und wuchs ziemlich vernachlässigt in einem afroamerikanisch geprägten Vorort von Los Angeles auf. Ab 1946 nahm Mingus als Bandleader unter eigenem Namen Schallplatten auf, zunächst allerdings nur für kleine Labels. Erst seine Aufnahmen ab 1951 erfuhren eine größere Verbreitung. 1960 zog Mingus die Aufmerksamkeit auf sich, weil er zusammen mit Max Roach, Ornette Coleman und anderen in Newport ein Gegenfestival organisiert hatte. Der Protest richtete sich gegen die Kommerzialisierung des am selben Ort und gleichzeitig stattfindenden Hauptfestivals.
Mingus erhielt posthum in den 90er-Jahren zahlreiche Ehrungen. Seit 1988 organisiert seine Witwe Sue Mingus die Mingus Big Band und setzt damit seine Musik fort (u.a. mit Randy Brecker, Lew Soloff, John Stubblefield).

Diskographie (Auswahl)
»Pithycanthropus Erectus« (1956)
»Better Git It In Your Soul« (1959)
»Charles Mingus Presents Charles Mingus« (1960)
»Mingus At Monterey« (1964)
»The Great Concert Of Charles Mingus« (1964)
»Mingus Moves« (1973)
»Cumbia and Jazz Fusion« (1977)

Bücher (Auswahl)
Sue Graham Mingus: »Tonight At Noon. Eine Liebesgeschichte« (Nautilus, Hamburg)
Charles Mingus: »Beneath The Underdog« (Nautilus, Hamburg)
Horst Weber, Gerd Filtgen: »Charles Mingus. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten« (Oreos, Gauting-Buchendorf)
Film (Auswahl)
Thomas Reichman: »Charlie Mingus« bzw. »Mingus 1968«, mit einem Interview vor seiner Zwangsräumung.