Ritsch/Rettenwander: »Gesang der Orgel« © Reaktor

Wegweiser durchs Wien Modern Programm 2021

Eine opulente Vielfalt tut sich auf: Neben gleich acht Musiktheaterproduktionen offeriert die von 30. Oktober bis 30. November stattfindende 34. Ausgabe auch Soundinstallationen oder eine Ausstellung über »Polski Punk«, verstreut auf elf Wiener Bezirke. Eine selektive Auswahl aus 120 Veranstaltungen.

Das Motto »Mach doch einfach was du willst« macht es dem künstlerischen Leiter Bernhard Günther leicht, Österreichs größtes Festival für Neue Musik mit subjektiven (Vor-)Lieben zu programmieren. Doch hat alles Substanz, auch die ans mexikanische »Allerheiligen« angelehnte »Noche De Los Muertos: The Artist Is Absent«, wo die sechs Soundartist*innen/Komponist*innen Gudinni Cortina, Christoph Herndler, JD Zazie aka Valeria Merlini, Joanna John, Christina Kubisch und Ilpo Väisänen elektroakustische Werke zum Thema Absenz spielen werden. Am 31. Oktober um 16:00 und 20:00 Uhr im Echoraum, wo die Kurator*innen des institut5haus einen audiovisuellen Totenaltar (Santa Ausencia) bauen – eine TV-Audio-Video-Skulptur (Billy Roisz) mit Sound-Installation (Burkhard Stangl) und Magnetic-Tape-Gewebe (Angélica Castelló).

Kurzes Verweilen im Bereich der experimentellen Avantgarde, u. a. mit Sophia Agnel, Sylvia Tozzi oder dem Koehne Quartett als Mitwirkenden im Italienischen Kulturinstitut. comprovise [#3] (26. bis 28. November) ist eine Kooperation von IGNM und Wien Modern und präsentiert Musiker*innen, die in-between Komposition und Improvisation vielleicht zu oft zwischen den Stühlen sitzen. Dazu passend: das gänzlich aus Frauen bestehende Line-up am 27. November im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses. Anlass ist die Präsentation der bereits dritten Fraufeld-Kompilation, die Uraufführungen von Werken von Golnar Shahyar/Rojin Sharafi bis Helene Glüxam inkludiert.

Elisabeth Schimana: »Fugen« © Nora Bischof

Autonome Zwischenräume

Neben dem Operneinakter »Poppaea« von Michael Hersch und Stephanie Fleischmann im Odeon ragt unter den acht Musiktheater-Premieren bei Wien Modern 2021 Elisabeth Schimanas Adaption von William Gibsons Cyberpunk-Romantrilogie »Idoru« heraus. In einer Gegenwart, in der viel zu viele Menschen politischen Populist*innen auf den Leim gehen, in einer Welt voller Viren, Drogen, Waffen und Daten-Overkill stellt Schimana die Frage nach Autonomie und Zwischenräumen. Wo skrupellose PR-Manager*innen Fernseh- und Asocial-Media-Gläubige manipulieren und die Macht von Medienmogulen und der Internetkonzerne zu groß ist, gibt es nach dem ausgehöhlten Sozialstaat vermehrt autonome Zonen, »Interstitials«, wie William Gibson sie nennt.

Gemäß Schimana sind es »Fugen« und als Wahrnehmungsbild bleiben uns nur noch Fragmente, nicht die Gesamtheit, trotz totaler Vernetzung. Die Körper der Zuseher*innen, Performer*innen und Musiker*innen geraten in die Augen einer Tablet-Installation und werden so zu Beobachter*innen und gleichzeitig zu Observierten. Die Stimmen von acht abwesenden Körpern fungieren als Erzähler*innen von 13 Bildern und immerhin stehen DIY-Elektronik und die von Manon-Liu Winter und Gregor Ladenhauf bedienten Max-Brand-Synthesizer wie auch das Akusmonium, Thomas Gorbachs im Raum verteiltes Lautsprecherorchester, für Selbstermächtigung und Widerstand. Am 6., 10. und 11. November jeweils um 19:00 Uhr in den Soho Studios im Sandleiten-Gemeindebau, Wien 16.

Libera/Dąbrowska-Lyons: »Polski Punk« © Anna Dąbrowska-Lyons

Anarchistische Exkurse

Nicht zu vergessen eine weitere bemerkenswerte Kollaboration mit dem Polnischen Kulturinstitut. Das Scharnier bildet der Musiksoziologe Michał Libera, der auch einige Gespräche bei comprovise [#3] moderieren wird. Libera ist ein großer Kenner der polnischen Musikszene und wurde deshalb 2005 zum skug-Festival SoundBridges eingeladen. Anlässlich der Vernissage der Fotoausstellung »Polnischer Punk 1984−87« am 25. November um 17:00 Uhr führt er ein Gespräch mit der der Fotografin Anna Dąbrowska-Lyons und leitet die daran anschließende Panel-Diskussion mit dem Titel »Where have all the rebels gone«, an der auch die Komponistin Aleksandra Gryka teilnehmen wird. »Polski Punk« beleuchtet die Bedeutung anarchistischer Musik und Kunst angesichts der Wirtschaftskrise und politischen Unterdrückung durch das KP-Regime, die die Entstehung der Gewerkschaft Solidarność begünstigten und im Kriegsrecht 1981−1983 unter General Jaruzelski kulminierte.

Eine ganz besondere begehbare Klanginstallation von Winfried Ritsch/Lissie Rettenwander lädt zwischen 10. und 14. November (finale Aufführung 17:00 Uhr) zum Eintauchen in einen »Gesang der Orgel« in den Reaktor. Bei freiem Eintritt offeriert das 50-minütige »Werk für robotische Raumorgeln und Sängerin« Glissandi, Obertöne, Cluster und weitere ungewöhnliche Phrasierungen. Dazu wurden 222 modulierbare Orgelpfeifen, Holz-, Metall- und Rohrregister einer Hradetzky-Kirchenorgel in den Sälen des Reaktors verteilt. Die Tiroler Performerin Rettenwander wird am 30. November um 18:00 Uhr das Future Art Lab bespielen. Und dabei mit ihrer Stimme und Hallraumabtastungen die Materialität des mehrstöckigen Foyers im Campus der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien erkunden.

Wie eingangs schon kommentiert: Es handelt sich um eine rein persönliche Auswahl. Wozu noch Werke von Österreichs führenden Komponisten gehören. Etwa Friedrich Cerhas epochale »Spiegel« in einer »stratosphärischen« Fassung des RSO Wien unter Ingo Metzmacher am 19. November im Großen Saal des Wiener Konzerthauses. Oder »Ceremony II« von Georg Friedrich Haas, welches am 28. November mit 70 Musiker*innen an Instrumenten aus sechs Jahrhunderten im Kunsthistorischen Museum uraufgeführt wird.

Link: www.wienmodern.at