Elisabeth Wild Fantasias; Neue Galerie © Mathias Voelzke

Weder Mohnfelder noch Hochwasser

Träume vom gemeinsamen Erobern und Bespielen von öffentlichen Orten und Schauplätzen. Ein subjektiver Blick auf die aktuelle documenta 14 in Kassel.

Die schönsten Werke in Kassel gehören gar nicht zur aktuellen documenta: Da wäre einmal die breite Stiege mit den Cafés, auf der die Kasseler sitzen und bei einem Eiskaffee auf die documenta und ihre ameisenartigen Besucher herabschauen können. Ein architektonisches Kunstwerk, das verbindet und Transiträume schafft, die gerne bevölkert werden. Dann die große Aufschrift »Staatstheater« auf einem Gebäude mitten im documenta-Gelände, die einen zum Lachen bringen kann. Denn nicht nur die ausführenden Organe des österreichischen Staates führen gerade ein riesiges Wahlsommer-Staatstheater auf. Das Kasseler Gebäude ist aber nur ein Theater, das eben »Staatstheater« heißt. Als drittes imposantes »Nicht-Kunstwerk« gibt es unten im Tal, die überrenovierte, weiß blendende Orangerie überragend, ein Riesenrad mit blauen Lichtern. Gehört aber zu einer Kirmes und ebenfalls nicht zur documenta, obwohl man von oben den allerbesten Ausblick hat. Wer die Kirmes durchquert, erreicht die Fulda, einen schmalen braunen Fluss mit Mietbooten, die Schwänen gleichen. Im Hochwasser einer vergangenen documenta brachte einen ein Schiff an Kunstschauplätze. Das war toll. Heuer leider kein Hochwasser. Ein Problem bei Großveranstaltungen, die regelmäßig stattfinden, ist, dass man unbewusst ständig Vergleiche mit inneren Bildern voriger Ausstellungen macht. Wer zum Beispiel das leuchtend rote Klatschmohnfeld von Sanja Ivekovic (documenta 12, 2007) sah, wird die derzeitige, mit Büchern angefüllte Plastik-Akropolis auf dem zentralen Platz vor dem Museum Fridericianum langweilig finden. Sie ist keine Agora, auf der Reden geschwungen werden. Wenig lebendig im Vergleich zu den sich damals im Wind bewegenden Blumen. In der strahlenden Farbe Dunkelrot zum Thema »Drogenanbau« im Trikont. Für Athen schuf Ivekovic übrigens ein »Monument to Revolution« (2017).

Rudel in der roten Neuen Galerie

Enttäuschung macht sich breit. Ûberall lange BesucherInnen-Schlangen, man muss sich anstellen, um in die einzelnen Häuser zu kommen. Es ist heiß. Die Sonne brennt. Die documenta ist irgendwie auch ein großer Wandertag und in dem roten Kunstmuseum Neue Galerie oben die Böschung entlang, ganz hinten, mache ich dann doch die ersten Entdeckungen. Die 1922 in Wien geborene und später geflüchtete Elisabeth Wild stellt vierzig Collagen aus. »Fantasias« heißen die und scheinen aus Zeitschriften der 1950er- und 1960er-Jahre ausgeschnitten zu sein, sie wirken altertümlich und surrealistisch, sind aber komplett neu. Die Farbigkeit ist gedämpft. Im Nebenraum hängen gewebte Werke der Sardin Maria Lai (1919-2013). »Folge dem Rhythmus«, riet ihr ein Dichter, steht dabei. Die Bildtexte sind urlang und hochtheoretisch geschrieben, in einer sehr langweiligen Sprache. Doch manchmal gibt es trotzdem spannende Punkte: »Die Leere in ihren eigenen Gesellschaften zu kompensieren, nämlich die Leere, die der Verlust der Zauberei, des Rituellen und des Heiligen hinterlassen hat (…)«, steht zu dem Bild »Le grain approche« (undatiert) des Navajo Yves Laloy an der Wand.

In der Neuen Galerie ist endlich echte Malerei ausgestellt. Aber nicht nur. Gleich beim Eingang steht ein Glaskasten mit einem alten Buch darin. Titel: »Magie«. Daneben die Bronzestatue »Russische Bettlerin« (1907) von Ernst Bärlach. Sie steht ein bisschen im Weg. Dahinter in einem Extraraum ein Volkswagen, aus dem Schlitten kriechen, ein Raumensemble aus 1976 von Joseph Beuys. Die Installation nennt sich »The Pack« (das Rudel). Daneben hängt ein Gustave Courbet: »Almosen eines Bettlers in Ornans« aus 1868. In der Neuen Galerie verdichtet sich der politische Anspruch des Kurators Adam Szymczyk, der meinte, Ausstellungen seien dazu da, Kunst aus dem Verborgenen, aus dem Schatten zu holen.

Verlorene leere Schnörkelmenschen

Ein in Polen berühmter Künstler, nach dem die Akademie in Lodz benannt ist, ist Wladyslaw Strzeminski. Er war 1944 Augenzeuge im jüdischen Ghetto in Lodz und zeichnete die verzweifelten Menschen, die von der Gestapo abgeholt wurden. Aber nur in Umrissen, mit Schnörkeln, leer. Angedeutet. Herzzerreißende Arbeiten, »in denen die Konturen zerfließen und sich bis zur Unkenntlichkeit auflösen« (Bildtext). Als ob Strzeminski nicht zeichnen könnte, nahm er nur die Umrisse auf. Menschen wie eine Landkarte, dem Tode entgegen. Er traute sich wohl nicht mit dem Stift – nur zart umwölkt er die verlorenen Menschen. Sehr traurig. Einsame Figuren, noch als Menschen erkennbar, aber fast nicht mehr. Das sind wirklich Werke, die der polnische Kurator für Europa aus dem Schatten holte. »Cheap as Mud«, heißt ein Bild auf elfenbeinfarbenem Papier, »On the Trenches« ein anderes. Alle Arbeiten sind aus dem Museum Sztuki in Lodz ausgeborgt.

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Pelagie Gbaguidi The Missing Link Installation Neue Galerie © Mathias Voelzke

In der Loggia findet sich dann noch so eine singuläre artistische Herangehensweise an das echte Leben: Die Aussicht ist mit dünnem, durchscheinendem Gazestoff verhängt. Vom Plafond hängen bemalte Transparenzpapierstreifen. Alte Holzschulpulte stehen aufgeklappt, in den Tischfächern gibt es Videos. Altes Holzspielzeug steht herum. Diese Gesamtinstallation nennt sich »The Missing Link: Dicolonisation Education by Mrs Smiling Stone« und stammt aus 2017 – von Pélagie Gbaguidi. Es geht um das Thema Bildung. Gegen diese beiden Werke verblassen die griechischen zeitgenössischen Kunstavancen, die aus Athen gebracht wurden. Außer vielleicht Yorgos Sapountzis mit dem in seinem Atelier erzeugten Trickfilm, in dem Stäbe und Planen ein Eigenleben entwickeln. Wie Zeltstädte, neu erschaffen und provisorisch, wirken »Die Landschaften Griechenlands« (2014), in denen der Künstler immer wieder zwischen den Gegenständen der ständig neu gestalteten Atelierwelt auftaucht.

Bloody Democracy

Beliebt bei den BesucherInnen sind Oliver Resslers Filme »What is Democracy« (2007-2009) im Haupthaus. In einem Film spricht ein afroholländischer Radiojournalist über im Amsterdamer Flüchtlingslager verbrannte Menschen. Er steht davor, man sieht nur Gitter: »This is your bloody democracy, locking away migrants«, klagt er in die Kamera. Am Flughafen Schiphol starben in einem Feuer Flüchtlinge. »Man hat sie in den Flammen schreien gehört«, sagt er. »Nobody helped them. That makes me crazy. Das war die niederländische Demokratie, die hier starb.«

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Atefeh: Das Haus ihrer Oma in Teheran

Im Zug zurück nach Frankfurt am Abend zeichnet mir das achtjährige afghanische Flüchtlingsmädchen Atefeh das Haus ihrer iranischen Oma in Teheran in mein Heft, mit allen Einzelheiten. Ich erfahre, dass das Haus auf drei Ebenen jeweils ein Zimmer und außen einen Aufzug hat. Aus ihrem Flüchtlingsheim zeichnet sie ein »Monsterhaus, in dem die Kinder Angst haben«. Atefeh zeichnet eine schnörkelige, magische Blume aus dem Buchstaben F wie in FFFhhh: »Das kannst du nicht wissen, das bedeutet mein Name: FFFhhh. Ja, da ist eine Blume dran.« Das echte, volle Leben. Kunst ist eine Momentaufnahme und hinkt immer hinterher.

documenta 14, Kassel, 10.06. bis 17.09.2017


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Atefeh: Das bedeutet mein Name