Ausstellungsansicht »Andy Warhol Exhibits – A Glittering Alternative« © Foto: Klaus Pichler/mumok

Warhols reduzierte Verschleierungen

Wollte Andy Warhol seine künstlerische Handschrift ent-authentifizieren? Verbergen und verschleiern, was ihn an Gegenständen interessierte? Nun ist die Ausstellung im Wiener mumok endlich wieder offen: »Andy Warhol Exhibits – A Glittering Alternative« zeigt zwei Seiten des berühmten Künstlers.

Die letzte Ausstellung zu Andy Warhol im Wiener mumok fand 1981 statt – zu dem Zeitpunkt lebte Warhol noch und er kam sogar nach Wien, es sind aber seltsamerweise keine Fotos von seinem Besuch zu finden. Diesmal wurden zwei Stockwerke für die »duale Person« Andy Warhol reserviert (Anm.: Nur dual?!). Eine Ebene im mumok soll die versteckte Persönlichkeit Warhols zeigen – »the hidden one«. Die obere Ebene, die als richtige Landschaft zum Liegen oder Tanzen konzipiert ist, hingegen den Show-Warhol auf der Bühne, im Licht, im Vordergrund.

Während Andy Warhol lebte, verbot er die Ausstellung seiner Werke vor 1942. Denn er begann mit Werbegrafik, entwickelte seine Kunst aus dieser Symbolsprache weiter. Auf farbenfrohen Zeichnungen sind abstrahierte Schmetterlinge, Insekten oder Schuhe drauf – meist mit der hohen Schönschrift seiner Mutter bezeichnet. Mit seiner Mutter Julia Warhola lebte Warhol als Erwachsener zwanzig Jahre lang zusammen, von 1951 bis 1971 in New York. Sie zeichnete ebenfalls und ziemlich ähnlich wie er. Andrew Warhola wurde bereits in Pittsburgh geboren, seine Eltern waren aus dem Teil der Tschechoslowakei in die Vereinigten Staaten eingewandert, der Ruthenien genannt wurde.

Ausstellungsansicht »Andy Warhol Exhibits – A Glittering Alternative« © Foto: Klaus Pichler/mumok

Schuhe im Serendipity Cafe
Im mumok liegen die Zeichnungen flach in Glaskästen, das Licht kommt von oben, darunter sind Schatten. Der Raum liegt im Halbdunkel. Teilweise sind die abgebildeten Gegenstände oder Menschen nur in Umrissen erkennbar, die Linien durchgepaust oder nur punktiert. Sehr schwach, sehr vage sind die Abbildungen, aber die fröhlichen Farben gleichen das aus und bringen die Realität ein: Orange, Grün, Gold! 1955 stellte Warhol erstmals seine Schuhzeichnungen aus, und zwar in seinem Stammlokal, dem Serendipity-Cafe. Man kann sich gut vorstellen, wie durch die Vereinfachung, die Verflachung der Gegenstände seine weltberühmten Popmotive entstanden. 1961 stellte er seine Gemälde erstmals aus – im Schaufenster des Kaufhauses Bonwit Teller.

»Pop Art is a way of liking things«, war Warhols Bekenntnis.In einem Seitenstrang des mumok wird Warhols Arbeit als Kurator dargestellt. Er suchte sich einen Weg aus den verborgenen Schätzen der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums und des Weltmuseums zusammen. »Defrosting the Icebox« nennt sich die nachgestellte Installation. Andy Warhol machte lustige Sachen, zum Beispiel schickte er sich selbst elf Telegramme, die abgebildet sind. Ein Zeitzeugnis. Schön auch die Kontextualisierung von Warhols Werken, zum Beispiel mit Hanne Darbovens Werk: »Ein Jahrhundert (Bücherei)«, 1970–71 – ein Holzregal mit 402 Ordnern und 101 gerahmten Blättern. Die Künstlerin zelebrierte ihre Zahlen-Obsession.

Andy Warhol in New York 1981 © Foto der Künstlerin Brigitte Aloise Roth aus dem Archiv der Verstorbenen, das die Künstlerin Susanne Kompast verwaltet

Geschlechtsorgane mit Schleifen
Durch Warhols berühmte Kuhtapete erkennt man den Übergang von den Zeichnungen zu den bekannten Popart-Werken. Wichtig war wohl das Ikonenhafte aus seiner ruthenischen Heimat. Volkskultur. Folklore. Fröhlichkeit. In dem Katalogbuch zur Ausstellung in Ravensburg werden Warhols »Watercolors« auf »volkskunstartige Simplifizierungen« in die Alltagskultur zurückgeführt. Diesen Warhol kennt die Öffentlichkeit kaum: »Als distanziere er sich von interpretativen Momenten«. Seine Handschrift »verbirgt und verschleiert den Aspekt der eigenen künstlerischen Haltung zum Darstellungsobjekt und zum authentischen Bild.« Eine starke Faszination auf Gegenstände, die ja als »Übergangsobjekte« (Donald Winnicott) eigentlich die Entfernung eines Kindes von der Mutter bedeuten, zieht sich durch Andy Warhols Werk. Seine Werke wirken fragmentarisch. »Triviales Allgemeingut« würde fragmentarisiert, steht im Ravensburg-Katalog. Warhol bliebe »so undurchsichtig wie die Geschichte, die der unvoreingenommene Betrachter weiter fantasieren kann«.

Das Fazit: »Wer hat hier etwas zu verbergen?« Wenn man sich die männlichen Geschlechtsorgane, mit Schleifen und Rüschchen verziert und bunt getuscht, so ansieht, kann es nicht seine Homosexualität gewesen sein. Es muss etwas anderes gewesen sein, das ihn zur Benutzung künstlerischer Abgleitflächen brachte: »Tarnung ist ein Fakt, der sich vor dem Zugriff von außen schützt, der aber hochmotiviert ist, in die Außenwelt einzugreifen.«

Link: https://www.mumok.at/de/events/andy-warhol-exhibits