Beate Ronacher: »Untitled (Fußfälle)«, 7 Stunden-Performance Juli 2021, Atelier III Hallein © Foto: Katrin Froschauer/Atelier III

Von den tödlichen Gefahren, sich in der Normalität hinzulegen

Die Künstlerin Beate Ronacher wurde während einer Performance von einem katholischen Priester mit dem Auto überrollt. Ein Gespräch über ihre Arbeit und die Gefahren des automobilen Verkehrsparadigmas.

Am 18. August 2021 wurde die Künstlerin Beate Ronacher während ihrer performativen Liegearbeit »Fußfälle« im Innenhof der Salzburger Galerie 5020 von einem Autofahrer überfahren. Der 71-jährige Lenker gab an, sie für eine Schaufensterpuppe gehalten zu haben und fuhr – ohne sich durch Aussteigen o. Ä. weiter zu vergewissern – einfach über sie drüber. Dieser Vorfall wurde zwar in den Chroniken beinahe jeder österreichischen Zeitung erwähnt. Eine genauere künstlerische und theoretische Auseinandersetzung mit ihrem Werk, seinen Intentionen und den sich daraus ergebenden Potenzialen und Fragen zu subversiver und politischer Kunst im öffentlichen Raum fehlt allerdings bislang noch gänzlich. skug hat Beate Ronacher, die für »Fußfälle« im Juni mit dem Gabriele-Heidecker-Preis ausgezeichnet wurde, zum E-Mail-Interview gebeten.

Beate Ronacher: »Untitled (Fußfälle)«, Performance Juni 2021, Spark Art Fair, Marx Halle Wien © Foto: Dragan

skug: Liebe Beate, das Werk »Fußfälle« beschäftigt sich mit Schwellen und Übergängen: zwischen Fallen und Liegenbleiben, zwischen privat und öffentlich, zwischen Erfolg und Scheitern – primär im Kunstbetrieb. Zumeist hast du »Fußfälle« unangemeldet und ohne Absprache mit den Organisator*innen auf Kunstfestivals wie der »Parallel Vienna« durchgeführt. Kannst du uns eingangs ein bisschen mehr über die Gedanken und Konzepte hinter deiner bereits vielfach durchgeführten Arbeit »Fußfälle« erzählen?

Beate Ronacher: Es geht mir in dieser Arbeit in erster Linie um den Kunstbetrieb und seine Ein- und Ausschlussprinzipien, um Macht und Ohnmacht, Durchlässigkeit und Undurchlässigkeit, Erfolg und Scheitern. Mit der Gestik des mich Niederwerfens vor Kunstmessen, Eröffnungen etc. breche ich etwas in sich Geschlossenes, auch Ausschließendes – das Innere dieser doch sehr speziellen Welt – auf und trage es nach außen, in die Öffentlichkeit. Unterwerfe ich mich als Liegende den Prinzipien des Kunstmarktes oder stelle ich diese nicht vielmehr damit in Frage? Wie verorte, inszeniere und verhalte ich mich als Künstlerin zur Institution Kunst? Diese Themen waren die Grundlage für meine Performance-Serie, wobei sich für mich im Laufe der Zeit vielschichtigere Ebenen herauskristallisiert haben. So bezieht sich zum Beispiel der Titel »Fußfälle« auf eine frühe Form des Kreuzweges mit sieben Stationen, die ich auch in der besagten Performance mit einer »Extended Version« und sieben Liegestationen umsetzen wollte. Religiöse Symbolik spielt eine Rolle in meinen Arbeiten. Die Malereien, unter oder auf denen ich zu liegen komme, sind sowohl abstrahierte figürliche Darstellungen, erinnern aber auch an das christliche Symbol des Kreuzes. Auch die Niederwerfungen selbst stellen religiöse Bezüge her.

Ein Kunstwerk und ganz besonders eine Performance ist ja nie autark von der Umwelt. Ihre Stärke liegt in einer Art Durchlässigkeit zu (oftmals unerwarteten) Ereignissen, denen sie innerhalb ihres Framings eine neue und/oder bislang ungesehene Bedeutung verleihen können. Von dieser Warte aus betrachtet, erscheint mir, dass deine Arbeit ein solches Eindringen besonders brutaler Art erfahren hat: Selbst im relativen Schutz eines Salzburger Hinterhofs überfuhr dich ein Auto und machte damit die brutalen Ausschlüsse, die ein automobiles Verkehrsparadigma als Normalität in städtischen Räumen durchgesetzt hat, auf entsetzliche Art sichtbar. Wie denkst du über diese Details? Wieviel Durchlässigkeit verträgt ein Kunstwerk? Und wieviel der*die durchführende Künstler*in?

Die Durchlässigkeit und damit auch Wandelbarkeit der Deutung und Bedeutung ist für mich in diesem Zusammenhang am interessantesten. Wer hat die Deutungshoheit über ein Werk, über eine*n Künstler*in, wer entscheidet über Relevanz oder Bedeutungslosigkeit, über monetären, fünf- oder sechsstelligen Wert oder Wertlosigkeit. Durch das Liegen ergibt sich eine Irritation des Blickes der vertikalen Position auf die Horizontale. Rein perspektivisch betrachtet, schaut man in diesem Fall auf mich, die Künstlerin und ihr Werk, herab, muss gegebenenfalls über mich drübersteigen, kann über mich hinwegsehen, mich (willentlich) übersehen oder sogar, wie zuletzt, überfahren (womit ich natürlich nicht gerechnet habe). Die Reaktionen sind vielfältig – von der Empörung über das ungefragte künstlerische Statement und die Androhung einer polizeilichen Platzverweisung über ehrliche Sorge um mein Wohlbefinden und Hilfsangebote bis hin zu amüsierter und interessierter Rezeption. Dieses Liegen, wie vom eigenen Werk begraben oder erschlagen, ist ja durchaus auch humorvoll gemeint, mit einem Seitenhieb auf das geschäftige, gewichtige Gewusel rund um solche Veranstaltungen und das sich selbst und sein Werk für unabdingbar, unabkömmlich und absolut halten. Was das Überfahren betrifft, so führt es im Grunde in einem verstärkten und fataleren Sinn Macht und Ohnmacht und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers und Seins vor Augen in Anbetracht einer übermächtig gewordenen Mechanisierung und Kapitalisierung.

Beate Ronacher: »Untitled (Fußfälle)«, Performance Februar 2021, Salzburger Kunstverein Eröffnung »Line as Thought, Lines as Universe« © Foto: Marlies Pöschl

Der Lenker, der dich überfuhr, gab an, dich für eine Schaufensterpuppe gehalten zu haben. Dies wird auch von diversen Medien auf eine entschuldigende Art wiederholt. Manche gehen sogar so weit, dir eine Mitschuld zuschreiben zu wollen, da »unbegründetes Verweilen auf der Fahrbahn« auch einen Verwaltungsübertritt darstelle. Für mich zeigt sich hieran die enorme Bagatellisierung und Normalisierung der Gewalt, die die automobile Dominanz in unseren Lebensräumen tagtäglich ausübt. Denn eigentlich sollte ich – bei gesundem Menschenverstand – ja auch nicht einfach über eine Schaufensterpuppe drüber rollen. Was denkst du dazu? Hat es für dich eine besondere Bedeutung, dass der Lenker ein Priester ist, der ja eigentlich die Rolle von moralischen Beispielen vorleben sollte?

Also das muss ich definitiv klarstellen: Ich lag nicht auf einer Fahrbahn, sondern in der Einfahrt zu einem verkehrsberuhigten Innenhof. Das kommt eher einer Fußgängerzone gleich als einer Fahrbahn. Die Autos, die dort ein- und ausfahren, brauchen eine Berechtigung dafür und kommen im Schritttempo angefahren (der Innenhof liegt in der Salzburger Altstadt, die wiederum durch Poller gesichert und nicht für den Normalverkehr befahrbar ist). Dass dieser Autofahrer mich für eine Schaufensterpuppe gehalten hat, über die er drüberfahren kann, war eine fatale Fehleinschätzung, die im Bruchteil von Sekunden passiert ist. In dem Moment, in dem ich wahrgenommen habe, dass ein Auto hinter mir zum Stehen gekommen ist, hat es sich auch schon wieder in Bewegung gesetzt und mich überrollt. Das alles ging so schnell, dass ich keine Chance mehr hatte, aufzustehen. Dass der Lenker ausgerechnet ein katholischer Geistlicher ist, entbehrt natürlich nicht der Ironie, nicht so sehr wegen der moralischen Vorbildfunktion – auch Priester sind Menschen – sondern wegen der unfreiwillig dadurch entstandenen weiteren Deutungsebene meiner Arbeit und des Unfalls an sich. Es ist ja so, dass ich mich in meiner Arbeit, wie schon erwähnt, auch mit religiösen Symboliken und Handlungen beschäftige und bei eben dieser Performance auf einer Malerei lag, die den Titel »Resurrection« (Auferstehung) trägt und an eine Kreuzigung erinnert. Das Symbol des Kreuzes ist insofern ein interessantes, als dass es zum einen auf die Leidhaftigkeit des Menschseins verweist, zum anderen aber zugleich auf die Überwindung des Leidens (in Form der Auferstehung). Nun liege ich da in meiner Rolle als (auch feministische) Künstlerin, die sich mit spirituellen Themen und Glaubensfragen auseinandersetzt, mit einem Frauenkörper, und werde von einem Würdenträger der katholischen Kirche überfahren, deren Kernproblem in der Verteufelung von Sexualität und Weiblichkeit liegt. Als ich erfahren habe, wer mich überfahren hat, war meine erste spontane und belustigte Reaktion der Impuls, ihm zu schreiben mit den Worten: »Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin auch ein Mann Gottes, bloß in anderem Gewand.« Diesem (ehrlich, nicht zynisch gemeinten) Impuls habe ich allerdings nicht nachgegeben.

Du hast mir in unserem Vorgespräch erzählt, dass der Prieser nach dem Vorfall nicht einmal den Führerschein entzogen bekommen hat und dich mit dem Auto im Krankenhaus besucht hat. Ein wirkliches Umdenken scheint also nicht stattgefunden zu haben – und auch nicht vom Gesetzgeber verlangt zu sein. Wie sieht es denn im Allgemeinen von der rechtlichen Seite aus?

Ich bin tatsächlich davon ausgegangen, dass es einen (zumindest temporären) Führerscheinentzug und eine gesetzlich vorgeschriebene Überprüfung der Fahrtauglichkeit nach so einem Vorfall geben müsse. Dass dem nicht so ist, habe ich dann von Herrn S. selbst erfahren, als er mich im Krankenhaus besucht hat. Mir ist es wichtig zu betonen, dass er sich nach dem Unfall von Beginn an mir gegenüber menschlich sehr korrekt verhalten und seine Verantwortung übernommen hat. Ich finde es tatsächlich auch interessanter, das Ganze aus einer größeren, über das Individuum hinausgehenden, philosophischen Perspektive zu betrachten. Letztlich spielt es keine Rolle, ob mich ein Herr X, Y oder Z überfahren hat, ja nicht einmal, dass ich als Frau Soundso überfahren wurde. Wir sind alle ein kleines Rädchen von einem viel größeren Ganzen, das wir in seiner Ganzheit und Verbundenheit weder überblicken, geschweige denn mit unserem beschränkten menschlichen Geist fassen und verstehen können. Zudem gehen Opfer und Täter mit der Tat immer einen Bund von Ursache und Wirkung ein – das Spektrum menschlicher Erfahrung umfasst Täterschaft und Opfertum gleichermaßen und niemand ist ausschließlich das eine oder das andere.

Um aber wieder auf die weltliche Ebene zu sprechen zu kommen und deine Frage zu beantworten: Rechtlich gesehen ist der letzte Stand der Dinge der, dass der zuständige Staatsanwalt einen außergerichtlichen Tatausgleich vorgeschlagen hat. Das hat mich im ersten Moment ehrlich gesagt ziemlich empört, weil es mir wie eine Bagatellisierung des Geschehenen vorkommt. Immerhin wurde ich bei dem Unfall schwer verletzt mit einem schweren Polytrauma im Becken, diversen anderen Knochenbrüchen und einer Nervenverletzung, bei der noch nicht absehbar ist, ob das alles wieder voll ausheilt. Ich musste zweimal operiert werden (weitere Operationen zum Entfernen des Metalls folgen), lag fünf Wochen so gut wie bewegungsunfähig im Krankenhaus und war danach drei Wochen auf Reha. Inzwischen bin ich zwar zu Hause, aber noch immer sehr eingeschränkt in meiner Beweglichkeit und Mobilität und nehme bis zum heutigen Tag Schmerzmittel. Wäre er mir nicht über das Becken, sondern über den Bauch oder Brustkorb gefahren, säße ich heute überhaupt nicht mehr hier.

Beate Ronacher: »Untitled (Fußfälle)«, Performance September 2020, Parallel Vienna © Foto: Elijas Wallner

Das Auto ist in unserer Gesellschaft so normalisiert, dass die von ihm ausgehende Gefahr naturalisiert wird. Wir nehmen es als »natürlich« hin, dass man Kinder nicht unbeaufsichtigt in der Stadt herumlaufen lassen kann, dass man bei jeder Straßenüberquerung potenziell sein Leben riskiert und dass jährlich zahlreiche Verletzungen und Todesfälle auf Kosten des automobilen Verkehrs gehen. Diese Naturalisierungstendenz zeigt sich auch ganz deutlich in der rechtlichen und medialen Aufarbeitung deiner Arbeit und des darin geschehenen Unfalls. Was für einen Einfluss wird dieser Vorfall auf deine weitere künstlerische Karriere haben? Wirst du so weitermachen wie bisher? Was würdest du in Zukunft anders machen?

Ich habe nicht vor, die Liegeperformances damit zu beenden, sondern möchte diese Serie auf alle Fälle fortsetzen, unter geschützten Bedingungen bzw. an verkehrsgeschützten Orten (wie Treppenaufgängen etc). Was sich für mich auch zeigt an der bisherigen medialen Aufarbeitung des Unfalls und meiner Performance, ist die gesellschaftlich stark normierte und begrenzte Definition von Arbeit: Was verstehen wir gemeinhin unter Arbeit? Wie verhält sich die Kunst zur Arbeit? Wird zeitgenössische Kunst als Arbeit anerkannt bzw. ab wann und unter welchen Voraussetzungen wird sie anerkannt? Ich arbeite in meinen Performances oft auch mit banalen Alltagstätigkeiten, die ich in einen Kunstkontext transferiere, um zu untersuchen, was dieser Transfer mit der ursprünglichen Handlung – wie zum Beispiel dem Bedienen einer Putzmaschine – macht. Braucht es eine besondere Form der körperlichen oder geistigen Betätigung, um als Arbeit Gültigkeit und damit eine Berechtigung zu haben? Kann bloßes, regungsloses Liegen Arbeit sein? Geht nicht auch die Bettlerin an der Straßenecke einer Arbeit nach? Was ist der Wert von Arbeit und wie wird dieser bemessen im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten? Wer entscheidet darüber? Aus aktuellem Anlass und meiner eigenen Erfahrung auf der Intensivüberwachung: Sollte die Pflege nicht eigentlich zu den finanziell am höchsten eingestuften Berufen zählen? Das alles sind Fragen, die ich auf die eine oder andere Art auch in meinem künstlerischen Werk aufgreife.

Ich war erstaunt, dass bislang noch kein dezidiertes Kunstmedium sich deiner Arbeit, ihrer fatalen Folgen und der dadurch ermöglichenden Einblicke in unsere brutale urbane Normalität angenommen hat. Auf eine Art führt dies die Ausschlüsse, die du mit deiner Arbeit thematisierst, besonders offen zu Tage. Warum, denkst du, ist das so?

Dafür fehlt(e) es mir schlicht an Bekanntheit, denke ich. Wobei ich das nicht auf Ein- oder Ausschlüsse zurückführen möchte, sondern auf den beruflichen Weg, den ich gegangen bin. Ich bin erst relativ spät in das System Kunst eingestiegen und bin gerade erst dabei, mich zu etablieren mit meiner Arbeit. Erfolg hat auch immer viel mit dem eigenen Selbstverständnis zu tun und ich finde es bedenklich, die Verantwortung dafür allein »nach oben« abzugeben. Damit macht man sich ja auch unfrei und abhängig. Viele Künstler*innen haben ein Selbstbild kultiviert, das sie im Grunde klein hält. Alle wollen Erfolg haben, beten aber gleichzeitig ihre eigene Armut herbei. Kein Geld zu haben, sich von Rabattmarkerln und Gutscheinen zu ernähren, in unordentlichen Werkstätten zu wohnen und geflickte Klamotten zu tragen, gehört fast zum guten Ton. Alles, was auch nur den leisesten Geruch der »Normalität« und des »Bürgerlichen« hat, wird abgelehnt (obwohl oder gerade weil die meisten im System Kunst aus bildungsbürgerlichen Verhältnissen stammen). Dem entgegen wiederum steht die Hochglanzwelt des Kunstmarktes, auf dem sich Reich und Schön tummeln und ein*e jede*r Künstler*in, Kurator*in und Käufer*in aussieht wie das angesagteste Model auf dem Laufsteg. Künstler*innen fristen ihr Aus- und Einkommen an dem einen oder anderen Ende der Fahnenstange – Notstandshilfe oder Reichtum. Um dieses unwürdige Bittstellertum zu beenden und die Schere zu schließen, braucht es gesellschaftspolitisches und eigenverantwortliches Umdenken: ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler*innen wie auch eine Inventur der eigenen, klein haltenden Glaubenssätze.

Beate Ronacher: »Untitled (Fußfälle)«, 7 Stunden-Performance Juli 2021, Atelier III Hallein © Foto: Katrin Froschauer/Atelier III