Vica Pacheco

»Symplegmata«

Kraak

Begriffe haben ihre Halbwertzeiten. Durch die frühen 2000er hindurch bis in die Mitte der vergangenen Dekade hinein wurde jedes nicht songorientierte Musikmachen oder Lärmen mit der Vokabel »experimentell« bedacht, was zur Folge hatte, dass das Adjektiv zum Genrebegriff mutierte und daher ähnlich unscharf wurde, wie zuvor »Indie« oder »Punk«. Sei’s drum, so ist das eben. In jüngerer Vergangenheit treten daher Musiker*innen mit musikalisch nicht so gewöhnlichen Absichten vermehrt bzw. mit Vorliebe als »Composer« auf. Das klingt mithin akademischer (der eine oder andere qualifizierende Hochschulabschluss mag im Einzelfall sogar vorliegen, tut aber nichts zur Sache) und nüchterner – ja nachgerade weniger experimentell, denn das Experiment ist nicht frei von Zu- oder Unfällen, die auf diese Weise gewissermaßen bzw. semantisch ausgemerzt werden. Dieser einordnende Gedanke – kann man ja mal drüber nachdenken! – soll nun nicht den Eindruck der vorliegenden musikalischen Arbeit von Vica Pacheco schmälern, die es aus Mexiko nach Belgien verschlagen hat, wo sie »Symplegmata« auf dem einschlägig bekannten Kraak-Label veröffentlicht hat, das in den letzten 20 Jahren eine Vielzahl von empfehlenswerten Underground-Alben der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat: Da ist von mittlerweile gereiften Klassikern (Silvester Anfang) über halb vergessene Eintagsfliegen (Maan) vieles dabei, das sich zu entdecken lohnt. Welches Schicksal »Symplegmata« haben wird, das vermag ich nicht zu prophezeien. Erstaunlich, wie frisch und nicht muffig das Album klingt – das schreibe ich mit Blick auf mehr als ein halbes Jahrhundert elektronische Musik (von Pierre Schaeffer bis: Suchen Sie sich was Zeitgenössisches aus). Der Vergleich hinkt natürlich sozio-kulturell, denn wo die Old School in der Nachkriegszeit tatsächlich hinter verschlossenen Studiotüren exklusiv operierte, da entstehen, seit das notwendige Equipment zur Klangerzeugung verfügbar und erschwinglich ist, in Nischen, Schlafzimmern und anderen Freiräumen die abenteuerlichsten Klangcollagen, die sich hinter dem Erbe von Schaeffer, Stockhausen & Co. nicht verstecken müssen, im Gegenteil: Eigen ist solchen zeitgenössischen Produktionen eine gewissermaßen popaffine Verspieltheit, die Alben weniger als bedeutungsschwangere Werke, sondern als luftige und kurzweilige Sammlungen von impressionistischen Klangskizzen erscheinen lässt. Das ist kein Mangel, nur ein Unterschied. Und so geht es mir auch mit »Symplegmata«, einer unterhaltsamen Platte instrumentaler elektronischer Musik, die mal an Moondog erinnert (»Château dʼeau«) oder an die britischen Post-Rocker Pram (»Nocturne«) oder die amerikanischen Books (»De la flor viene el fruto«). Unabhängig des Namedroppings aus der Plattensammler*innenecke schlägt der Promotext zur Platte vor, das Album als alternativen »science fiction soundtrack« zu hören. Warum nicht, viele Wege führen weg von der musikalischen Einheitskost hin zum Beispiel zu dieser atmosphärisch dichten und abwechslungsreichen Platte.