Vermächtnis eines Unbestechlichen

»Music Is My Boyfriend« versammelt 36 Texte und Zeichnungen des 2010 verstorbenen Musikjournalisten und  »Elternhaus-Punk« Martin Büsser, Mitbegründer des Ventil-Verlags und Herausgeber des linken Popmagazins  »Testcard«. 

Bereits der Titel dieser Textkompilation deutet einen der Bereiche an, an denen sich der im September 2010 im Alter von gerade mal 42 Jahren an Krebs gestorbene Martin Büsser leidenschaftlich abgearbeitet hat. »Music Is My Boyfriend« (MIMB) bezieht sich auf ein Stück der Hidden Cameras, die eine queere Lesart der Bibel propagieren, und steht somit exemplarisch für das Interesse am Au&szligergewöhnlichen und Randständigen des Vielschreibers. Gestartet hat der »Elternhaus-Punk« (Eigendefinition) seine journalistische Aktivität im Hardcore/Punk-Fanzine ZAP, bei dem er sich als knapp über 20-Jähriger mit Kritik an der musikalischen Intoleranz der einschlägigen Szene nicht nur Freunde machte und mit Adorno/Horkheimer, John Cage, Heiner Goebbels und John Zorn Soziotopfremdes einsickern lie&szlig. Vor gut 15 Jahren wurde Büsser Herausgeber des richtungsweisenden, linken Popmagazins Testcard, 1999 folgte die Mitbegründung des Ventil Verlags. Der vorliegende Reader umfasst 36 Texte aus einem überbordenden Textkorpus plus einige Zeichnungen (Büsser veröffentlichte 2009 die Graphic Novel »Der Junge von nebenan«) mit Fokus auf Arbeiten die in Zeitschriften (Jungle World, Konkret, Fabrikzeitung etc.) und Sammelbänden erschienen sind, und anders nicht mehr so einfach zugänglich wären.

Inhaltlich geht’s los mit Texten aus der ZAP-Phase, führt weiter zu einem Aufsatz über ein prägendes NoMeansNo-Konzert in Nieder Olm (1988), Antifolk (zu dem Büsser 2005 »Antifolk – Von Beck bis Adam Green« veröffentlicht hat) wird mit den Moldy Peaches und Jeffrey Lewis durchleuchtet. »Pop als Wahlhelfer« analysiert die politische Instrumentalisierung von Pop, in den Fu&szligstapfen von Adorno werden die veränderten Bedingungen der Kulturindustrie abgehandelt. Weitere Beiträge befassen sich mit den Geschlechterverhältnissen im Indiepop oder handeln Queer- und Gendertheoretisches ab. Bei aller Ernsthaftigkeit verlor der Selbstdenker (ohne negative Konnotation) nie den Humor, nachzulesen in den augenzwinkernden Aufsätzen über Phil Collins und über Bärte in der Popgeschichte. Dabei schreibt der beeindruckend Belesene mit analytischer Schärfe immer in leicht verständlicher Sprache, ohne dabei die Sachverhalte zu vereinfachen. Effekthascherei und Beliebigkeit waren dem aktiven Musiker (Familie Pechsaftha) genauso fremd wie die in den 1990ern beliebte Projektion von Subversion und Dissidenz in Sparten des Popmainstreams. Kultur bedeutete für ihn immer mehr als Vergnügen, er wollte Kulturkonsum und -produktion immer auch als Katalysator für politisches Handeln verstanden wissen. Der Unkorrumpierbare glaubte an die Utopie einer Welt, in der Kooperation und Gemeinwohl Grundwerte sein sollten. In einem Artikel für Jungle World (nicht enthalten) warf er der Gratispostille Intro (für die er auch Texte verfasste) vor, zur Erfüllungsgehilfin der Musikindustrie verkommen zu sein. Der kleine, runde Sticker am Umschlag von MIMB mit der Aufschrift »Empfohlen von Intro« bekommt so retrospektiv einen seltsamen Beigeschmack.

Martin Büsser: »Music Is My Boyfriend. Texte 1990-2010«, Ventil Verlag 2011, 250 Seiten, EUR 14,90