Utah Kawasaki

»U as in Utah«

Ftarri

Es ist wirklich reiner Zufall, dass ich gerade jene Passage aus Simon Reynolds‘ »Retromania« gelesen habe, wo sich der britische Musikjournalist über die Musikkultur der Japaner auslässt. Na ja, auslassen ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, aber immerhin erklärt er im Gefolge von W. David Marx, dass man in Japan so etwas wie Personalstil kaum kenne, sondern musikalische Authentizität kulturbedingt als das Erfüllen vorgegebener Standards betrachtet wird. Darum verfüge Japan »über eine umfangreiche Geschichte an billigen Kopien westlicher Musik«. Oder anders ausgedrückt: der Plagiatsgedanke ist kein negativer in der japanischen Kultur. Ohne jetzt auf die Implikationen dieser These einzugehen (das macht Reynolds ohnehin reichlich, sein ganzes Buch rauft sich die Haare über die Frage, was denn nun Originalität im Pop bedeute), lassen wir uns von dieser These beim Reinhören in die Doppel-CD des japanischen Komponisten Utah Kawasaki leiten. Denn siehe, mit diesem Background lässt sich tatsächlich der entzückende Irrsinn, den wir hier hören, ein bisschen aufschlüsseln. Wir hören ein Livekonzert der Sängerin Ju Sei und ihres Gitarristen Junichiro Tanaka, beide jedoch begleitet vom Improv-Artist Utah Kawasaki am Synthesizer. Nur ist es eben so, dass Sei und Tanaka über weite Strecken im Stile des putzigsten Japanpop vor sich hinträllern, wobei die Songs zumeist nur skizziert werden (sonst wäre der Gegensatz vielleicht doch zu krass), während Kawasaki den fröhlichen Elektroakustiker auf den Spuren Juri Gagarins gibt, ständig auf der Suche nach abgespaceten Sounds, die er manchmal wie Torpedos auf seine zwei Begleiter loslässt, manchmal hingegen wird er zum fröhlichen Heimorgelprofi, der die schrille Soundergänzung liefert. Getreu der Reynold’schen These ist das tatsächlich, in seine Einzelbestandteile zerlegt, ein jeweiliges Nachbeten transatlantischer Musikgenres. Aber in seiner Synthese ist es dann doch wieder von geradezu irrwitziger Originalität. Die spinnen, die Japaner! Und das ist gut so.