Tuba or not Tuba

 Es muss schön sein, einen Vater zu haben, der einen auf der Tuba unterstützt.

Im Taktlos (Wien), 30. 12. 2014, Jon und Jonny Sass und die Calypso Band. Eine subjektive Prolo-Kolumne auf Abwegen.

Fotos: Florian Fusco

Von vorne sieht man nur das runde Loch des Instruments. Der lange Jon Sass faltet sich auf den Stuhl zusammen, direkt neben der rotglühenden Heizung, und spielt extra leise und vorsichtig mit seiner Messing-Tuba. Die Tuba, wie eine Bassline verwendet, unterstützt die hohe Stimme des Sängers, die sich manchmal vor lauter Emotionen ganz flach anhört. Er steckt sein ganzes Herz hinein. Kopf- stimme, Obertonsingen, kreisch. Warum ist das bei den heutigen Kids Mode, dieses ganz hohe Singen für Jungs? Soll wohl Sehnsucht und Liebe und Trauer ausdrücken. Hat Conchita Wurst einen Bruder? Ein Ende der Geschlechterrollen mit Hilfe von Falsett, ein Auflösen traditioneller Männlichkeiten – eventuell ein Protest gegen das betont Männliche.

Es ist das allererste Auftreten dieser neuen Band, es ist Mister Jon Sass‘ eigener Sohn, der hier singt: Mister Jonny Sass. Nicht Johnny Rotten. Wir befinden uns auf der Generalprobe der Calypso Band vor dem Auftritt im Porgy and Bess am 2. Januar. Das Taktlos ist ein hell renovierter Keller in der Dorn- bacher Straße, mit Backsteinwänden und frischem Estrich.

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Singende Tuba und Kadero-Reminiszenzen

Auch der Schlagzeuger spielt äußerst zurückhaltend, die Snare ist lauter als die Bassdrum. Kleine Wirbel, der lächelt immer so lieb, spielt total cool, noch nie so einen relaxten Schlagzeuger gesehen. Die Tuba tönt wie eine Stimme, irrsinnig tanzbar. Jon Sass wollte genau diesen Pianisten dabei haben, der auf Piazzolla ähnliche Melodiebögen improvisiert (»Woher hat man seine Improvisationen? Man lehnt sich immer irgendwo an.«), die aber bei ihm einen eher französischen Touch kriegen, denn er spielt mit einer Hand Akkordeon und mit der anderen Piano! Er wechselt öfters zwischen den beiden Instrumenten und das Akkordeon klingt wirklich mehr nach Musette Neuve als nach Tango, sorry. »Ich weiß nicht, warum er mich wollte«, sagt der Pianist in der Pause, doch eventuell genau wegen Französisch, Kreolisch, Karibisch – Harlem? Afrikanische Diaspora in alle Richtungen und zurück und wieder weg? Französische Variationen, abseits von Kolonialismus? Insgesamt erinnern mich vor allem die flotten Lieder der Band an das Vienna Raï Orchestra, das mit Kadero Ray als Sänger in einer Silvesternacht vor Jahren im Schauspielhaus spielte. Tanzbar! Da konnte man mit Maghrebinern so etwas Ähnliches wie reduzierten Foxtrott tanzen. Die ganze Nacht hindurch.

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Sehnsuchts-Poetik und Sicherheitstrapez

Muss schön sein, einen Vater zu haben, der einen auf der Tuba unterstützt. Jon Sass in der Nebenrolle – das geht fast gar nicht und immer wieder bricht sein Tuba-Talent mit ihm durch. Neben ihm wirkt der Sohn wie ein Vögelchen, aber eigenständig, der schrieb Lieder und sang bei den Sofa Surfers. Jon Sass hält sich bewusst zurück, der Pianist amüsiert sich und der Schlagzeuger spielt locker die Triolen. The sun kissed the horizon, Sehnsuchts-Poetik, nowhere – die meisten Lieder schrieb Jonny Sass mit einem Freund gemeinsam. »Von einem Tag auf den anderen wollte mein Sohn singen, vorher war er auf Basketball fixiert«, erklärt der Tubist. Sein Sohn wuchs in Österreich auf, er selbst in Brooklyn. Jon Sass stürzt sich in die Songs, hüpft herum mit der Tuba, hüpfende Töne, dazwischen immer ein starker Ton, der gehalten wird – es hallt im Raum. Die Tuba klingt wie jemand, der vor sich hin summt, oder vor sich hin singt durch das Instrument hindurch. So eine schöne große blecherne Tuba! Was für eine Melodiebreite! Umschmeichelt den Sänger, umwickelt ihn mit Melodiebögen, gibt ihm ein Trapez wie im Zirkus. Wenn Jonny Sass tief singt, wirkt er wie ein anderer Mensch. Auf den hohen Tönen genau gleich wie das Klavier, sehr weit rechts gespielt. Die Akustik im Taktlos könnte man noch verbessern, vor allem in den Höhen, damit die nicht verzerren. Der Schlagzeuger ist ein Profi, lernte auf der Vienna Music School, normalerweise spielt er aber HipHop. Show me where your heart is … Ein Sass-Lied zeugt von den Tanzerfahrungen in Harlem und zieht dahin mit einem eigenen Unterton wie das blaue Licht in der Dämmerung. Sehr schön. Das Akkordeon klingt schon wieder französisch. »The Harlem Calypso« heißt es.

Am Ende umarmt der Vater den Sohn lange und drückt ihn an sich.

Musik beim Schreiben: Miles Davis‘ »Tutu« wieder und wieder. 


Jon Sass »Souluba« feat. Jonny Sass
live Freitag, 2. Januar, 20h30, Porgy & Bess