Mutter

»Trinken Singen Schießen«

Die eigene Gesellschaft

Nach den Einstürzenden Neubauten bediente sich auch Mutter einer innovativen Finanzierungsstrategie: 99 von Max Müller gefertigte Kaltnadelradierungen wurden als private Schuldverschreibungen ausgegeben und sicherten Mastering und Pressung. Ob die Geschichte, dass Max Müller mal als Sänger der Ärzte vorgesehen war wirklich stimmt, wird man wohl nie erfahren, fest steht aber, dass Müller mit dem Spa&szligpop der Ärzte nicht glücklich geworden wäre. Denn die fröhliche Oberfläche ist dem Unmittelbarkeits-Lyriker denkbar fremd. Mit nasaler, quengeliger Stimme rezitiert er sich ironie- und distanzfrei durch zwölf übelgelaunte Stücke, nur die Begleitmusik ist zahmer geworden (25 Jahre Mutter steht an!) bzw. entfaltet sich die Zwei-Akkorde-Brachialität nur noch live. »Die Alten hassen die Jungen, bis die Jungen die Alten sind«, giftet der immer noch jugendlich wirkende Müller vor dem Hintergrund eines opulenten Streicherarrangements, und stellt damit ein ewiges Problem in den Raum. Beinahe adoleszent nimmt sich der Wunsch »Ich möchte alles sein/blo&szlig nicht wie die anderen« aus (»Erlösung von Oben«). Etwas resignierend antikapitalistisch klingt »Wohltäter«, das zum Abschluss als rasante Blasmusik-Polka mit grimmigem Chorgesang als »Wohlopfer« wiederkommt, und die nicht immer eindeutige Zuweisung der Täter/Opferrolle als Co-Abhängigkeit denkt. Mutter ist damit konsequent neben der Spur, die auch kommerziellen Erfolg bringen könnte. Auf Mutter ist eben Verlass!