Trillke Trio & Nomad Soundsystem @ Folk\'n\'Fusion Festival - Trillke Gut Hildesheim, 29.Okt. \'05

Oder: Von den Vorteilen der Absichtslosigkeit

Quasi mit verbundenen Augen gerät man manchmal ganz zufällig irgendwo rein: Mitgeschleift von einem Freund, da man ja sonst nichts vor hat. Man lässt sich Zeit beim Ankommen, raucht noch gemütlich ein Zigarettchen vor dem Einlass, um sich zu überlegen, ob man den unerwarteten Eintrittspreis wirklich bezahlen soll. Dass der Sound, der da aus dem vollgefüllten Saal herausquellt, sich irgendwie gut anfühlt bemerkt man erst nach dem vorletzten Zug an der Zigarette.

Ok, überredet.

Der erste Blick auf die Bühne erstaunte mich: Wie schafften es so viele Menschen überhaupt auf so einer kleinen Bühne zu stehen, geschweige denn sich so wild zu bewegen? Ich ertappte mich bei dem Versuch, diesen riesigen Trillke-Clan zu zählen. Da war zur Linken ein Kontrabassist, fies grinsend, sich unförmig im Rhythmus wiegend. Rechts daneben eine in virtuose Saxophonsoli verwobene Blondhaarige, weiter rechts ein Trompeter der ein wenig an Nils Holgersson in groß erinnerte, zwischen ihnen eine ca. 14 Jahre zählende Saxophonistin, rechts daneben Holgerssons Bruder mit einer Geige, vor ihnen ein klatschendes Kind, dahinter ein vorzüglich Rhythmen brechender Schlagzeuger, weiter rechts eine Akkordeonspielerin, rechts daneben noch jemand, daneben noch jemand etc. etc. Ich gab’s auf – das also sollte ein Trio sein?

So groß ihre Anzahl, so vielseitig der Ideenreichtum, so gekonnt die vielen Drehungen und Wendungen, Takt- und Stimmungswechsel. Mal trötete der ganze Haufen mit voller Lunge folklorehafte Melodieschnipsel in den Saal und feuerte die Tanzenden an. Mal sang eine Geige allein eine sentimentale Melodie um schließlich in tobenden Osteuropa-Ska überzugehen. Das alles wurde mit unheimlich viel Feinfühligkeit für jeden angeblasenen Ton und jede angezupfte Seite gespielt, während der Zuschauer nur fassungslos das verschmitzte Grinsen der  Musiker anstarrte. Klar, was sich hier abspielte: Heimspiel der Hausband mit Kind und Kegel. Ich fing langsam an, jede vertrödelte Sekunde auf dem Hinweg zu verfluchen.

Schweres Spiel für die vier Berliner vom Nomad Soundsystem, die auch noch als Ersatz für die ausgefallene Deutsche Anarchistische Abend-Unterhaltung (DAAU) eingesprungen waren.

Mit geschlossenen Augen trug Karim Sfaxi seinen Gesang vor, der sich aus dem Raï der algerischen Chebs und der türkischen Arabeske speiste. Begleitet wurde er von einem Gitarristen, der sich darauf verstand, einen rockigen, groovenden Sound mit orientalischer Melodie-Verliebtheit zu verbinden. Von Miloud Messabih, einem – wie man deutlich sah – nordafrikanischen Trommel-Verrückten und dem Japaner Tomoki am Laptop, der am Ende des Konzerts seltsamerweise am verschwitztesten war.

Anfangs roch das für mich doch noch ein wenig nach einem weiteren Nebenprodukt des Hypes um die »Multikulti-Chill-Kultur«, »Café del Mar« – kurz: Nach vorproduzierter Musik ohne den kleinsten Funken performativer Qualität. Was mich schließlich doch überzeugte? Die gierig nach Zugaben hechelnde Menge, diese so unschuldige Selbstvergessenheit beim Spielen und der so würdevolle Spagat zwischen Berliner Urbanität und einem aufrichtigen Bewusstsein für die Folklore Maghrebiniens. Musik zum Augen schließen und lauschen, zum ekstatisch Tanzen und abrocken. Mitten durch die Menge verließ das Quartett die Bühne, heftig trommelnd, zufrieden lachend. Nur schade, dass sich solch ein Abend nicht vorplanen lässt.