Perfume Genius

»Too Bright«

Matador

Obwohl seine Musik dies bisher nicht erahnen ließ, scheint Mike Hadreas eine ziemliche Diva zu sein. Als Perfume Genius war der Singer/Songwriter bis zuletzt vor allem für seine da etwas eigen- brötlerischen, dort etwas weinerlichen Klavierballaden bekannt, die stets das Bild eines zittrigen Pop-Anachoreten vermittelten. Zwar verkriecht sich Hadreas auch auf »Too Bright« gelegentlich noch in seine dunkle Höhle, dennoch überrascht das neu gewonnene Selbstbewusstsein des Künstlers. Anders als früher kontert er dem Weltschmerz auf seinem dritten Studioalbum zusehends mit kühler Grandezza und exaltierter Narretei, was auch in seinen Auftritten und aktuellen Musikvideos zum Ausdruck kommt. Anders gesagt: Perfume Genius gießt sich wohl selbst dann noch Schampus nach, wenn ringsherum die Welt untergeht. Hauptsache sein roter Lippenstift sitzt perfekt. »Too Bright« schlägt nun einen elektrisierenden Spannungsbogen zwischen Klavierballade und phantasmago- rischem Pop-Unbehagen. Geisterhafte Hologramme in Songform (»I’m A Mother«) vermitteln eine genealogische Nähe zu anderen Meistern der gespenstischen Pop-Paralyse. Es ist kein Zufall, dass Mike Hadreas Anja Plaschg zu seinen Freunden zählt. Doch im Gegensatz zu deren Kunstfigur Soap & Skin vermittelt Perfume Genius ein Gefühl des Aufbruchs; transportiert eine Logik gesprengter Ketten. Anders sind Songs wie »My Body« oder »Grid« nicht zu erklären, die in ihrer klanglichen Komplexität Querverweise zu Lux Interior (!) und Muse (!!) ermöglichen. Noch vor zwei Jahren wäre das im engen Soundkosmos von Perfume Genius ausgeschlossen gewesen. Es ist diese Vielschichtigkeit, die aus »Too Bright« das bisher bedeutendste Album von Perfume Genius macht.

Matador/Beggars/Indigo