CAKE © Christian Kaserer

Töne des unaufgeregten, melancholischen Verfalls

CAKE touren nach fast zehn Jahren endlich wieder durch Europa. Besucher*innen aus aller Herren Länder reisten für die Band am 21. Oktober 2019 nach Mailand, um ihren Auftritt im Alcatraz miterleben zu können, und begrüßten dabei einen Baum als Stargast.

Die amerikanische Alternative-Rock-Band CAKE verlangt ihrer eingeschworenen Fangemeinde schon einiges ab. Acht Jahre sind nun seit ihrem letzten Album vergangen und genauso lange warten die Fans schon auf neue Konzerte außerhalb der USA. Kein Wunder also, dass für die diesjährige Europatournee, deren Auftritte sich an zwei, drei Händen abzählen lassen, die Besucher*innen aus allen Ecken anreisen, um die Band aus Kalifornien endlich live erleben zu können. Der Ton der Konzerte ist dabei, passend zu CAKE, unaufgeregt, teils melancholisch, oft hochpolitisch und immer mit einer sarkastischen Note versehen. Das beginnt bereits vor der eigentlichen Show, wenn eine Playlist mit zumeist alten Country-Songs die Besucher*innen beschallt, bis plötzlich eine eigens für die Konzerte komponierte Melodie, erinnernd an das Intro des Films »Rocky«, ertönt, dabei jedoch so weit in die Länge gezogen wird, dass es die meisten Anwesenden nur noch belustigt, anstatt die Spannung zu erhöhen.

Zerfallende Liebe, zerfallende Gesellschaft
Entsprechend unaufgeregt betritt die Band dann auch die Bühne, um, ohne große Allüren, mit »Frank Sinatra« gleich eines ihrer beliebtesten Lieder anzustimmen. Überhaupt reihen sich beim ersten Set vor der Pause hauptsächlich bekannte Songs wie etwa »Perhaps, Perhaps, Perhaps« oder »Wheels« aneinander. Bemerkenswert an CAKE sind nicht nur die Instrumentierungen der Lieder mit einem erstaunlich kreativen Bass, eingängigen Gitarrenriffs, einer für die Alternative-Szene doch eher seltenen Trompete und einem Vibraslap als konstanten Elementen, sondern auch die Lyrics. Handelt es sich nicht um politische Texte über eine dekadente Rock’n’Roll-Welt (»Rock’n’Roll Lifestyle«) oder die offenbar den Untergang heraufbeschwörenden Entwicklungen aktueller Geopolitik (»Sinking Ship«), so sind die Songs wohl am einfachsten als Anti-Liebeslieder zu beschreiben, bei denen die handelnde Person entweder vor einer enttäuschten Liebe flüchtet, oder aber erkennt, dass die Beziehung ausweglos ist und daher beendet werden muss. Freilich stets mit einem unübersehbaren Augenzwinkern. Sarkastische Anti-Beatles, mag man da fast schon sagen.

John McCrea © Christian Kaserer

Auch in den Ansprachen des Main-Songwriters und Leadsängers John McCrea zwischen den Stücken mangelt es nicht an Ironie, Witz und Kritik. Künstler*innen sollen sich, so McCrea, wie überhaupt alle arbeitenden Menschen, zusammentun, Gewerkschaften gründen und anfangen, sich selbst zu verwalten. Das Publikum hört ruhig zu, applaudiert und einige filmen dabei freilich, was dem Frontman wenig gefällt und ihn dazu veranlasst, so lange zu warten, bis auch das letzte Smartphone in der Hosentasche verschwunden ist. »Ich spreche zu euch, zu dir, und nicht zu deinen ›Freunden‹ im Internet«, so der 55-Jährige. Die gesellschaftliche Spaltung geht natürlich nicht spurlos an den Kaliforniern vorüber und so teilt McCrea, der sehr darauf bedacht ist, die Anwesenden durch Klatschen und Gesang aktiv in das Konzert einzubinden, das Publikum in zwei Hälften, deren Aufgabe es ist, den Hintergrundgesang des Liedes »Sick of You« nachzusingen. Die linke Hälfte ergibt sich angesichts von Schwierigkeiten und Problemen mit den Worten »I want to fly away« in Eskapismus, während die rechte Hälfte ihre Wut, beispielsweise über soziale Medien, mit »I’m so sick of you, so sick of me, I don’t want to be with you« artikuliert.

»Begrüßt mit mir dieses Stück Vegetation«
Die darauffolgende Pause, beschallt mit Hammondorgel-Songs aus den 1960er-Jahren, wird dazu genutzt, um ein Bäumchen auf die Bühne zu bringen, welches McCrea zu Beginn des zweiten Sets als ein »Stück Vegetation« vorstellt. Gewinnen kann es jede*r Konzertbesucher*in, die*der sich die Mühe macht, die Hand zu heben, von ihm ausgewählt wird und dann die Art errät. Ohne klare Verpflichtungen allerdings geht dies nicht vonstatten. Die Gewinnerin der in Mailand vergebenen Grapefruit sagte nämlich zu, den Baum zeitnah in der Natur einzupflanzen und der Band regelmäßig Bilder von ihr und der Zitruspflanze zukommen zu lassen, um zu zeigen, wie »der Baum langsam wächst und sie dabei langsam stirbt«. Über hundert Bäume auf vier Kontinenten hat CAKE mit dieser Idee bereits pflanzen lassen. Der Klimawandel ist für die Gruppe ein wichtiges Thema. So versorgen sie ihr Studio beispielsweise allein über Solarzellen am Dach mit Energie und die aktuelle Europatournee könnte, so McCrea während des Konzerts, die letzte sein, außer man findet einen Weg, die Band und das Equipment über Segelschiffe in die alte Welt zu transportieren. Aussagen und Aktionen, die selbstredend, wie er betonte, auch auf Kritik stoßen und dem Management der Band unzählige wütende Briefe einbrachten. CAKE allerdings ignorieren solche Kritik, wie übrigens auch Songwünsche, gekonnt und so bespielen sie die zweite Konzerthälfte auch mit einigen etwas weniger bekannten Stücken, ehe sie bei der Zugabe nebst eigenen Liedern auch den Black-Sabbath-Song »War Pigs« covern und schließlich unaufgeregt, erneut ohne Allüren oder Pathos, die Bühne verlassen. Was bleibt, ist ein gelungenes Konzert, das auch den Intellekt vieler Besucher*innen nicht unangetastet lassen wird und für viele nahezu an ein heiß ersehntes Wunder grenzt, sang die Band doch einst über das Touren: »Seconds turn to minutes, minutes turn to hours, hours give you a lifetime and a grave with pink flowers«.

Link: https://www.cakemusic.com/