Ping-Pong (1976/78) Ivan Ladislav Galeta

Time out - der Antifilm ist da!

Die dritte Vertonung der Yu-Avantgarde im Tonkino Saalbau taucht etwas tiefer in die Materie NOVI FILM ein. Gezeigt werden Experimentalfilmwerke aus der Geschichte des jugoslawischen »Antifilms«, diesmal mit besonderem Augenmerk auf Schulen Zagreb und Split. Projiziert wird digital.

Das nicht-professionelle Filmschaffen in Kroatien, das grundsätzlich zwei wichtige Filmschulen unterscheidet (Zagreb und Split), geht bereits auf die fünfziger Jahre zurück, das Jahr 1962 bedeutete jedoch einen neuen Meilenstein in der gesamten jugoslawischen Filmgeschichte. In den Filmklubs Zagreb und Split (u.a. auch Belgrad, Sarajevo und Ljubljana) begann sich eine Gruppe von Jugendlichen zu versammeln, die sich ausschließlich jene Filme ansah, die sonst nirgends im Lande zu bekommen waren. Nach den Filmvorführungen wurde im filmgeschichtlichen Kontext über die Konstruktion und Dekonstruktion, über die Befreiung von den Mythen, von der Autorität und von der Rechtsstaatlichkeit sowie über jene Filmform gemeinsam diskutiert, der jegliche Freiheit erlaubt sein sollte. Ein neuer Terminus war geboren: der Antifilm. Im Rahmen des ersten internationalen Genre Film Festivals (GEFF) in Zagreb, initiierten die Diskussionsrunden »Der Antifilm und wir«. Ermutigt durch die Ideen, die diese Gespräche hervorgebrachten, griffen die jungen Amateure leidenschaftlich nach der Kamera, um sich durchs Ausprobieren neuer Formen und Inhalte die Filmsprache jenseits der Norm anzueignen. Das Ergebnis: epochemachende Filmunikate, hierzulande noch weitgehend unbekannt , die zu den heterogensten der Weltfilmgeschichte zählen.

Programm 18.04.2012 – 19 Uhr: Time out – der Antifilm ist da!

pppetak.JPGVladimir Petek – studierte an der Akademie für Theater, Film und Fernsehen in Zagreb, gemeinsam mit Ivan Martinac war er ein großartiger Meister der Amateur-Kinematografie. Beginnend mit der Fotografie und fotografischer Technologie, realisiert er mit Leidenschaft und bombiger Vision bereits 1957 seine ersten Kurzfilme, bis zu seinem Tod schuf er 130 Experimentalarbeiten. Ausgesprochen Technik-konzentriert, verwendete er anfangs Ûberreste vom Filmmaterial, um darauf unkonventionell zu intervenieren. In gewisser Weise ging er weiter als Norman McLaren, der direkt auf 35mm Streifen zeichnete, oder auf dem sauberen, weißen Font spielte. Petek machte all dies auf 16mm Film. Neugierig und wissbegierig, sprengte er die Grenzen technischer Machbarkeit und intrigierte alle Kritiker. Er kolorierte, collagierte, bohrte, wiederholte die Leitmotive, fügte unterschiedliche Formate in einer einzigen Einstellung zusammen. Seine Filme wurden parallel mit »New American Cinema« von Andy Warhol und Jonas Mekas projiziert.
Da seine Experimente noch nie die Ehre hatten die österreichische Kinoleinwand zu bespielen, widmen wir Petek mit dieser ausgewählten Werkschau eine wohl-verdiente Posthum-Premiere.

Vladimir Petek sieht am ähnlichsten den Malern aus Altamira, die sich Tiere aneignen wollten, sie aber dann gezeichnet haben. Das hat Petek gemacht, er hat mit der Kinokamera den Anblick geraubt, ihn auf den Streifen transportiert und war sein Herr. Diese Streifen bekommen in diesem Augenblick eine magische Macht.“ (Mihovil Pansini)

-SRNA No. 1 (Reh Nr. 1)| 1962 | 3’50“| Vladimir Petek
-SRETANJE (Begegnung) | 1963 | 8’| Vladimir Petek
-SYBIL | 1963 | 2’24“| Vladimir Petek
-MOST (Brücke) | 1963 | 2’28“| Vladimir Petek
-RAZGOVOR SA JACQUELINE (Das Gespräch mit Jacqueline)| 1966| 5′ 45“| Vladimir Petek
-AHAT | 1966 | 7’19“| Vladimir Petek

pppansini1.jpgMihovil Pansini – Mediziner und Universitätsprofessor, einer der größten, luzidesten und revisionistischsten Autoren der Amateur-Kinematographie im ehemaligen Jugoslawien. Auch „Forscher-Dichter“ genannt, war er die treibende Kraft von GEFF und Antifilm. Als Pionier bahnbrechender Ideen, schuf Pansini intime Welten, boykottierte das Spektakel, arbeitete mit niedrigen Budgets , drehte auf der Straße statt in den Studios und verzichtete vor allem auf die Effekte zugunsten des geistigen Potentials audiovisueller Inhalte. Seine antikonformistische Haltung gegenüber der Kinematografie war wichtiger und anregender als seine Filme. Sein Einfluss auf die junge Autorenschaft in Zagreb, Belgrad, Split, Sarajevo und Ljubljana blieb unumstritten.
Wir zeigen sein radikalstes Kurzfilmwerk, das absolute Experiment innerhalb des Mediums Film, nämlich die Untersuchung der ‚Fixierung‘. In Anlehnung auf Alternativideen wollte er den schöpferischen Prozess stoppen. Es entstand ein absoluter Film, der sich im Nichts auflöst.

-K3 ILI CISTO NEBO BEZ OBLAKA (K3 oder klarer Himmel ohne Wolken) |1962| 2′ | Mihovil Pansini

ppverzotti.jpgAnte Verzotti – Ein weiterer Meister der Amateur-Kinematographie und international geschätzter Fotografie-Experte und Kameramann. Seine Karriere begann er gemeinsam mit Ivan Martinac in Split, sein Studium der Film- und Fernsehen-Fotografie an der Prager Filmhochschule FAMU absolvierte er 1973. Der einzige Autor der Amateur-Filmindustrie, der die Fotografie als das grundlegende Element des künstlerischen Ausdrucks nutzt. Im Gegensatz zu ihm, betrachteten sich die restlichen Klubmitglieder als ‚reine‘ Cineasten.
Seine Neigung zu abstrakten rhythmischen Mustern lässt in beiden ausgesuchten Filmen nachverfolgen, allerdings mit einer anderen Vertonung. Ein Wagnis!

– TWIST-TWIST | 1962 | 2’| Ante Verzotti
-FLORESCENCIJE |1967| 4’24“| Ante Verzotti

ppmartinac.jpgIvan Martinac -Architekt, Künstler und Intellektueller. Großer Filmeliebhaber. Der minuziöseste und präziseste aller Filmkünstler Ex-Jugoslawiens, wenn es auf einen fehlerlosen Schnitt ankam. Ein Idealist. Während seines Architekturstudiums machte er Filme und schrieb ein Dutzend Bücher mit Gedichten. Er hinterließ 50 Kurzfilme von unschätzbarem Wert und einen für die kroatische Kinematographie nicht weniger wertvollen Spielfilm »The House on the Sand« (1985). Seine Handschrift war von der Underground-Poetik kontemplativen Stils und strenger Form geprägt. Die sorgfältige rhythmische Montage poetischer Reflexionen über Leben und Tod sowie über Raum und Zeit als auch strukturelles Streben nach einer reinen kinematografischen Form, kennzeichneten seine Arbeiten. Oft mit Michelangelo Antonioni verglichen, wurde er international mehrfach ausgezeichnet und bejubelt, im eigenen Land blieb er aber relativ vernachlässigt.
Ein atmosphärisches Eintauchen in das Werk des treuen Chronisten der Stadt Split.

-FOCUS |1967| 7’12“| Ivan Martinac
-UBRZANJE (Beschleunigung)|1969| 7’14“ | Ivan Martinac

ppmikuljan.jpgMiroslav Mikuljan – 2011 verstorbener Zagreber Meister der Amateur-Kinematographie. Ab 1971 ‚professioneller‘ Filmemacher und Drehbuchautor. Routine und Alltag, (weiblicher) Körper, Gedanken über die Vergänglichkeit, charakterisierten Mikuljans erste Arbeiten. Beschränkt auf Beobachtung und Reduktion, ließ er unterschiedliche Phänomene für sich selbst sprechen.
Wie eloquent-subversiv seine »Alltagswelten« wirken können, bewundern wir in einer Art experimenteller Evokation des Individualismus. Das Porträt eines einsamen Mannes, der sich von seiner Umgebung unterscheidet. Ein Zeugnis in Bild und Ton für den Geist seiner Zeit.

-ROÐENDAN STALAGMITA (Geburtstag der Stalagmiten) | 1970 | 9’| Miroslav Mikuljan

Bonus-Track*

Das Aufkommen von Video Anfang der siebziger Jahre bringt Kroatiens Alternativfilmszene erneut ins Wanken. Eine Gruppe von Vertretern der Concept-Art erobert sich die Filmdomäne und wendet sich kühn dem neuen Medium zu. Frische künstlerische Praxis schuf neue Kreise, deren Mitglieder zu jenem Zeitpunkt über keine Kenntnis der Experimentalfilmtradition verfügten, dennoch an manche methodologischen Besonderheiten dieser Tradition indikativisch anknüpften.

-No Title (1976) Videoarbeiten von Goran Trbuljak
-Ping-Pong (1976/78) Ivan Ladislav Galeta
-Media Game (1979) Ivan Ladislav Galeta
-Drop (1979) Ivan Ladislav Galeta
-Railway Station Amsterdam (1979) Ivan Ladislav Galeta
-TV-Timer (Trigon 73′ Graz) Sanja Ivekovic / Dalibor Martinis

Kurze Begriffserklärung für Wissenshungrige

Definieren des Begriffs »Experimentalfilm« ist so undankbar wie seine Untersuchung. Im Laufe der Filmgeschichte gab es viele Definitionen des Experimentalfilms, keine aber scheint das gesamte Spektrum des Untersuchten, die schöpferischen Techniken, Vorlieben und Tendenzen der Autoren, zu erfassen. Obwohl nicht jeder Experimentalfilm notgedrungen zur Avantgarde wird, unbestritten bleibt die Tatsache, dass er Innovation im filmischen Ausdruck fordert, etwas das unselten mit einem bewussten Widerstand gegen die etablierten Richtlinien des dominanten, konventionellen Kinos kombiniert wird. Die ersten kroatischen Filmexperimente laufen fast parallel mit der Zagreber Musik-Biennale und der Zeit, als die Welt, darunter die jugoslawische Kunstszene, nach der kinetischen Kunst, Op-Art (Optical Art), dem Neuen Realismus und dem Konzeptualismus greift. Mit dem bewusst ausgesuchten Bonus-Track* wird diese feine Differenz möglicherweise spürbarer, auf jeden Fall diskussionsanregender.

Vertonung durch:
Markus Steinkellner: Guitar, Electronics
Bernhard Höchtel: Synthesizer
Robert Pockfuß: Guitar
Leon Leder: Computer

Projiziert von: Paul Krimmer
Kuratiert von: Petra Popovic

1tritt ist wie gewöhnlich frei + freiwillige Spenden für die Musiker und Organisierenden werden sehr gerne angenommen!