Yo La Tengo © Godlis

»There’s a Riot Going On« – here, there, and everywhere

Yo La Tengo besinnen sich mit ihrem neuen Release des Sly and the Family Stone Funk-Schüsselalbums aus dem Jahr 1971. Anno 2018 jedoch mit sternigen Melodien und warmen Drones. Funkglitter fehlt und Aufruhr lässt auf sich warten. Schwierig in einer Welt, die nach neuen Antworten auf alte Fragen verlangt …

Das Traumpaar der Indie-Szene, Kim Gordon und Thurston Moore, gab im Jahr 2011 seine Scheidung nach 27 Jahren Ehe bekannt. Damit war auch das Ende von Sonic Youth besiegelt. Das wäre eigentlich der ideale Zeitpunkt gewesen, um endlich einmal zum Ehepaar Georgia Hubley und Ira Kaplan hinüberzusehen. Die nämlich riefen drei Jahre später als das Musikerpaar Gordon/Moore (1984 also) mit James McNew die Indie-Band Yo La Tengo ins Leben und standen immer (zu Unrecht) im Schatten von Sonic Youth. Nach dem Split mit Bardo Pond (2015) und einem seltsamen Coveralbum kommt mit »There Is a Riot Going On« wieder ein reguläres Langspielalbum von Yo La Tengo auf den Markt, ihr mittlerweile 15. Mit politischem Impetus? Der Name suggeriert das wohl.

Vom Soul zum Funk
Der Patron für den Albumtitel, das 1971 erschienene Album »There’s a Riot Goin’ On« von Sly and the Family Stone, lädt jedoch eher zur Introspektion ein als zum Kampf. So Sly gleich im ersten Song: »Feels so good inside myself, don’t want to move.« Was irgendwie reaktionär klingt, ist in Anbetracht der historischen Lage sehr verständlich: Das Civil Rights Movement in den Vereinigten Staaten, das mit der Ermordung Martin Luther Kings 1968 wohl seinen traurigen Höhepunkt erreichte, endete mehr oder weniger mit dem Fair Housing Act, der nun auch Nicht-Weißen die Möglichkeit bot, sich niederzulassen und im Eigenheim sicher zu wissen. Und diese neu erkämpfte Freiheit erwirkte auch eine Wende in der Musik. Sly schmetterte das wohl wichtigste Album des neu entstehenden Funks hin, der sich aus dem Soul, der Musik der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, entwickelte. Aus der neu gewonnenen Freiheit und den daraus entstandenen Möglichkeiten der Lebensgestaltung erwuchs der Stolz auf die eigene, vormals unterdrückte Kultur und nicht zuletzt auf den eigenen Körper. Eine neue Ära der schwarzen Kultur in den USA begann, der Stolz auf den »Body« und die eigene Geschichte wurde mit Glitzer nach außen getragen. In diesem Kontext ist das Album zu sehen, auf das sich Yo La Tengo beziehen. Daher ist es interessant kurz zu schauen, wie es heute in der Welt aussieht.

Und wie sieht es denn aus?
Kaum ein Ort auf dem Globus, der nicht mindestens davon bedroht ist, krassen gesellschaftlichen Umwälzungen unterworfen zu werden, überall Krise, wenn nicht zumindest spätrömische Dekadenz. Und die Unterdrückung und Benachteiligung der Schwarzen weltweit sind aktuell wie nie. Dass Zeiten gesellschaftlichen Aufruhrs sich auch in der Musik widerspiegeln, ist keine Neuigkeit. Und diesen aufgeladenen Plattentitel zu wählen, ist eine Ansage. Die Messlatte liegt dementsprechend hoch. Yo La Tengo sind mit den Jahren noch sanfter geworden und ihrer Linie immerzu treu geblieben. In ihren soften und oft verzerrten Gefilden unterwegs, lullen sie stets mit narkotisierenden, groovigen Pop-Kompositionen ein. Sie legen in ihrem konstanten, fröhlichen Herumexperimentieren eine beachtliche Konsequenz an den Tag, die ihresgleichen sucht. Und auch auf diesem Album ist das der Fall. Genauer hingeschaut, erkennt man zwischen den Albumtiteln einen Unterschied: dem Titel von Yo La Tengo fehlt das funky Apostroph! Und die Musik ist Welten voneinander entfernt. Die Band ruht in sich selbst, geht auf in ihrer Atmosphäre einer dronigen Ambienz und die Texte werden hier – wenn überhaupt – meist nur noch hingehaucht. In zu erwartender und erhoffter Manier zieht der Sound das Ohr via Traktorstrahl ins Yo-La-Tengo-Universum, wo man im Nu mit sternigen Melodien und warmen Drones beschnuppt wird, glitzernd und strahlend wie der Glitzer des Funk. Der obligatorische Schellenkranz tut seine Arbeit. Die Riots dürfen erst einmal draußen bleiben.

Daraus folgt?
Das Universum ist groß, die Wege für einen Menschen weit. Die Alben von Yo La Tengo sind für gewöhnlich nicht nur in Minuten eher überdurchschnittlich lang, sondern wirken durch ihren tragenden Sound dazu noch entschleunigend. Passend also für einen einsamen Ritt durchs All. Das Album lässt einen in einer warmen Kapsel jenseits der Stratosphäre durch die Leere treiben, statt zielstrebig abzugehen wie eine Rakete. Typisch Yo La Tengo. Mit »There Is a Riot Going On« wurde demnach nichts wirklich Neues geschaffen, was aus dem Oeuvre heraussticht. Und leider scheinen die drei MusikerInnen in ihren Jams und weniger Song-orientierten Nummern mitunter ihre ZuhörerInnenschaft zu vergessen. Es fällt also mit der Zeit schwer, dem Ganzen der Ziellosigkeit wegen die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken. Martin Büsser bemerkte einmal zur Band: »Die Musik ist sich selbst genug.« Das stimmt. Wer Yo La Tengo genau deswegen mag, wird auch bei diesem Wurf finden, was er gesucht hat. Jedoch wünscht man sich hier und da und ab und zu ein paar klare Statements der Band, die überraschen und der Einschlagkraft des Namenspatrons entsprechen. Yo La Tengo sind zwar Säulenheilige, müssen dies jedoch auch gelegentlich beweisen. Vielleicht beim nächsten Mal. Vielleicht verraten sie dann auch, was auf dem Cover zu sehen ist (Akne? Feigwarzen?) »Thereʼs a Riot Goinʼ On« sei jedoch ohne Einschränkung für jede/n empfohlen. Das Album rotiert stabil wie eh und je.

Link: http://yolatengo.com/

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