Ignatz

»The Drain«

Kraak

Der Belgier Bram Devens veröffentlicht als Ignatz (benannt nach der Comic-Strip-Maus von George Herriman) mit »The Drain« sein ungefähr siebtes oder achtes Album – je nachdem wie man zählen will, ob man die zahlreichen Kassetten und CD-R-Veröffentlichungen mitzählt oder nicht. Das nur als Hinweis für all jene, die durch diese Rezension Erstkontakt mit Ignatz’ Musik haben und anschließend mehr brauchen, als sie mit »The Drain« (zur Veröffentlichung des Albums am 24.06.2016) bekommen, denn Ignatz macht süchtig. Man muss im Grunde tagein tagaus nichts anderes als Ignatz hören! Wochen- und monatelang kann das so gehen! Ist die Maus einmal im Haus, so wird man sie nicht mehr missen wollen. Wie kommt das, wie macht Ignatz das? Ignatz spielt den Blues. Sonst nichts. Er spielt den Blues so, wie John Fahey ihn für sich adaptierte und interpretierte: melancholisch, aber ohne melodramatische Ûberspanntheit, zärtlich, aber ohne aufdringliche Gesten. Dem Leben zugeneigt, ohne gleich 24/7 auf die Kacke hauen zu wollen. Bram Devens ist mit demselben und seltenen Talent ausgestattet. Mit seiner Musik schafft er eine intensive und intime Atmosphäre, ohne sich dabei peinlicher »Oh, Baby, I Love You«-Klischees bedienen zu müssen, die ohnehin jede Atmosphäre kaputt machen. Im Gegenteil: Ignatz’ Musik ist derart mimosenhaft in sich selbst zurück gezogen, dass man neugierig und von ganz alleine näher kommen möchte und – zack! – hat er einen! Die sparsam arrangierten und auf akustischer und elektrischer Gitarre gespielten Songs locken an und lullen ein. Dazu nuschelt und flüstert Bram Devens Stimme Weniges und dies kaum verständlich dahin, und doch teilt sich alles mit was man wissen muss. Die Wärme, die diese Musik in sich birgt und langsam vor sich hin fiebernd ausstrahlt, ist unvergleichlich. Manchmal erinnert die Musik an den Finnen Keijo – es geht ihr aber die psych-folkige Weirdness ab, auch an Michael Hurley mag man sich erinnern (das passt eigentlich ganz gut!) und wer Hurley mit Chan Marshall (alias Cat Power) in Verbindung bringen kann, der liegt nicht falsch, denn Cat Power bis »Moon Pix« kann als Vergleich zu Ignatz ebenso dienen, um die atmosphärische Dichte der Musik (bei gleichzeitiger relativer Unaufdringlichkeit) zu beschreiben. Im Hintergrund all dessen stehen natürlich die großen alten (Delta-)Blues-Men – etwa Son House, Charley Patton, Robert Johnson oder Junior Kimbrough – aber dieser Vergleich ist (ungefiltert) schwierig bzw. unzulässig, denn Bram Devens sitzt zu Hause und spielt, wenn die Kinder im Bett sind, (weitgehend) frei von gravierenden existentiellen Nöten und weiterer Beschissenheiten (Rassismus) seine Musik ein. Bram Devens Welt ist eine andere. Was jedoch – über die Zeit hinweg – sich erhält und eben durch die Musik mitteilt, so könnte man sagen, ist ein universelles, menschliches Bedürfnis nach Liebe, Wärme und Geborgenheit (Himmel hilf, was schreibe ich da!), das sich durch die Musik von Ignatz unprätentiös – ungefühlsduselig! – aber deutlich mitteilt. Es mag da draußen ungezählte Singer-Songwriter geben, denen ähnliche Attribute und Fähigkeiten zugeschrieben werden. Ich sage: an Ignatz kommen sie nicht vorbei. Punkt.