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Neo-Noir zwischen Abu Ghraib und Pokertisch

In seiner 23. Regiearbeit »The Card Counter« rekonstruiert New-Hollywood-Altmeister Paul Schrader das Trauma eines Täters als düstere Charakterstudie um Schuld und Sühne.

Ein etwas gehässig formulierter erster Satz zu beinahe jedem Film von Paul Schrader könnte lauten: Travis Bickle ist zurück! Das war der ikonische, von Robert De Niro gespielte Antiheld aus Martin Scorseses »Taxi Driver« (1976), zu dem Schrader das Drehbuch verfasste. Wir wollen nicht gehässig sein und sagen deshalb: Das immer wiederkehrende Zentrum in Schraders Kino – egal ob er Autor oder Regisseur war – ist eine isolierte, männliche Antiheldenfigur mit mindestens selbstzerstörerischen Neigungen. So auch in »The Card Counter«, wo Schrader eben diesen erprobten Typus als Ausgangspunkt nutzt, um an einen Skandal der jüngsten US-amerikanischen Geschichte zu erinnern.

Mission auf bunten Teppichböden

Zunächst folgen wir dem haftentlassenen Ex-Soldaten und professionellen Spieler William Tell (Oscar Isaac) über die bunten Teppichböden verschiedener Casinos. Trotz Neonlicht und schriller Automaten ist das eine Welt der Routine, genau wie William es seit dem Knast schätzt. Dort hat er das Kartenzählen gelernt. Er spielt Black Jack und Poker, und gewinnt. Er trinkt Whisky, schaut gut aus und wird angefeuert von dem zunächst treibenden, bald melancholischen Soundtrack des jungen Liedermachers Robert Levon Been. Dass etwas mit William nicht stimmt, erahnen wir bereits während dieses langsamen Aufbaus, der – in bewährter Schrader-Manier – von der Erzählstimme des tagebuchschreibenden Antihelden begleitet wird. Aber erst mit dem Auftauchen des jungen Cirk (Tye Sheridan) erfahren wir, vor welchen Geistern William flieht: Er war Militärpolizist in der US-Folteranstalt Abu Ghraib im Irak und eben dafür in Haft.

Cirk möchte sich an John Gordo (Willem Dafoe), dem Ausbildner seines Vaters, der ebenfalls in Abu Ghraib gefoltert hat, rächen. Denn Cirks Vater hat sich nach Verurteilung aus Schmach das Leben genommen, während Gordo ohne Verurteilung davongekommen ist. William wiederum erkennt in dem Auftauchen von Cirk eine Möglichkeit, sein apathisches Dauerspielen für eine sinnvolle Mission einzusetzen: Er möchte den Jungen finanziell unterstützen und auf den rechten Weg zurückholen. Mit der sympathischen La Lila (Tiffany Haddish) als Organisatorin heuert er bei größeren Poker-Turnieren an, um dieses Ziel zu erreichen. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht mit gutem Willen exorzieren; und so treibt Schrader seinen Neo-Noir-Thriller einer großen Konfrontation zu.

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Chiffre des Entsetzlichen

Der Name der Stadt Abu Ghraib wurde, nachdem Fotos aus dem dort ansässigen US-Militärgefängnis im Jahr 2004 die Weltöffentlichkeit schockierten, zur Chiffre für systematische Menschenrechtsverletzungen durch US-Militär und CIA-Personal im besetzten Irak. Die Fotos zeigten Demütigungen und Folter; später wurde auch von Vergewaltigungen und systematischer sexueller Erniedrigung berichtet. Erst in den Folgejahren kam das ganze Ausmaß der Gewalt ans Licht: Etliche Insassen starben aufgrund jener von ganz oben abgesegneten »erweiterten Verhörtechniken« – in anderen Worten, sie wurden zu Tode gefoltert. So zum Beispiel Manadel Al-Jamadi, dessen Fall nur Bekanntheit erlangte, weil der Militärpolizist Charles Graner grinsend für ein Foto vor dem Leichnam posierte. Die Folternden auf den Fotos wurden teilweise zu Haftstrafen verurteilt, die organisatorisch Verantwortlichen, insbesondere Mitarbeiter*innen der CIA und der privaten Sicherheitsfirma CACI, hingegen nicht. Schraders Figuren William Tell und John Gordo sind Echos eben dieses Sachverhalts.

Trauma eines Täters

Es ist leicht, sich an diesem Stoff zu blamieren, und Schrader hat sich davor auch schon ordentlich an sensiblen Themen vergriffen. So etwa mit seinem »Exorzist«-Prequel »Dominion« (2005), wo die Nebenbei-Thematisierung von Naziterror und Kolonialismus ausschließlich für den Gewissenskonflikt eines leidenden Priesters aufbereitet wird. Umso erstaunlicher, dass Schrader mit seiner Täter-Darstellung in »The Card Counter« dennoch ein großer Wurf gelingt. Das liegt nicht zuletzt an Kameramann Alexander Dynan, mit dem Schrader seit seinem – zu Recht gefeierten – letzten Film »First Reformed« (2018) arbeitet. Dynan hat eine so reflektierte, wie gewagte Kinematografie für die Darstellung von Trauma und Terror entwickelt, insbesondere für die wenigen Stellen, die tatsächlich Gräuel zeigen: Mittels Virtual-Reality-Linsen zu einem unmöglichen Weitwinkel verfremdet, gibt es in den entsprechenden Szenen kein Außerhalb des Bildraumes mehr, sondern nur einen schwindelnden Sog. So erscheint Abu Ghraib als audio-visueller Schock, gedreht als One-Shot durch ein Labyrinth aus Gängen ohne Ausweg, untermalt von Metal-Musik.

Auch das Trauma des Täters fängt Dynan präzise ein. Immer wenn der ruhelose William ein neues Motelzimmer bezieht, hüllt er dessen Möbel und Gegenstände umgehend in weißen Stoff – er bringt alles Konkrete unter einer einheitlichen Faltenlandschaft zum Verschwinden und schafft sich so seine eigene Version einer gleichbleibenden Gefängniszelle. Dynan hat dafür eine Darstellung gewählt, die, üppig und kühl zugleich, irgendwo zwischen Altmeister-Malereien und klassischem Film Noir, den Weltverlust des Antihelden präzise und eigenwillig bebildert. Williams Alltag besteht in Eintönigkeit und Wiederholung ebenso wie in der kalten Verbissenheit, die ihn zur technischen Perfektion beim Spiel treibt. Damit echot er freilich genau jene verbissen-fühllose Technik, die er im Irak praktiziert hat. Oscar Isaac verkörpert diese Widersprüche eines beschädigten Täters mit beklemmender Spannung und hievt sich damit, nach Blockbuster-Erfolgen wie »Star Wars: The last Jedi« (2017) oder »Dune« (2021), in die Riege großer Charakterdarsteller*innen.

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Neo-Noir bis heute

Als Autor von »Taxi Driver« und »Obsession« (1976) sowie kurz darauf als Regisseur von »Hardcore« (1979) und »American Gigolo« (1980) war Schrader der wichtigste Neuerfinder des Film Noir im Rahmen der radikalen filmischen Auf- und Umbrüche der 1970er-Jahre – also der später so genannten Ära von New Hollywood. Er schöpft bis heute aus diesen Traditionslinien und konfrontiert seine einsamsten Helden weiterhin mit langen Nächten und der Unmöglichkeit moralischer Katharsis in einer falschen Gesellschaft. Ein permanenter Bezugspunkt ist und war Robert Bressons »Pickpocket« (1959), Schraders erklärtermaßen größter filmischer Einfluss.

Mit »The Card Counter« legt er erneut ein Alterswerk vor, das an sein Bestes erinnert. Der Fokus auf den obsessiven Mann droht zwar auch hier, andere Figuren zur Staffage eines leidgeplagten Androzentrismus zu verkleinern. Dafür aber bleibt das Männer-Psychogramm schmerzhaft konsequent bis zuletzt; es gibt keine Läuterung, keine Auflösung des Widerspruchs, sondern bloß dessen desaströse Zuspitzung.

Schrader erfindet seinen Travis Bickle unermüdlich immer wieder neu. Er erfüllt damit, was sein Regiekollege und Produzent Martin Scorsese in einem schönen Essay über Fellini 2018 im »Harper’s Magazine« als die Arbeit des Sisyphus beschreibt und dem künstlerischen Prozess allgemein unterstellt: Es gibt nur den wiederholten Neubeginn, aber keine Lösung, kein Ende. Der Prozess zündet immer wieder am unerledigten Gegenstand. Und so schreibt der streng calvinistisch erzogene Schrader das Erbe von New Hollywood als unbeirrter Sisyphus fort, noch jenseits des 75. Lebensjahres beschäftigt mit dem »Projekt, die eigene Seele zu retten« (Susan Sonntag).

»The Card Counter« startet am 4. März 2020 in den österreichischen Kinos.

Link: https://www.polyfilm.at/film/the-card-counter/